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Landwirtschaft

Unterschätzter Industriezweig

von Christopher Evards
African Century broodstock

African Century broodstock

Aquakultur ist eine der effizientesten Möglichkeiten, tierisches Protein zu produzieren. Dieser Industriezweig beginnt in Afrika an Bedeutung zu gewinnen. Er könnte vielen Menschen zu Arbeit verhelfen und dazu beitragen, dass genug zu essen da ist. Von Christoph Evard

Globale Fischvorkommen werden durch die fortschreitende Überfischung immer kleiner. Das bedroht vielerorts die Ernährungssicherheit und wirkt sich auf die Entwicklungsländer vernichtend aus. Laut FAO gehen weltweit 70 Prozent der Fische in Entwicklungsländern ins Netz, wobei mehr als die Hälfte davon auf das Konto kleiner Fischer geht. Dass die Vorkommen schwinden, stürzt Millionen von Menschen, die von der Fischerei leben, in die Armut. 90 bis 95 Prozent der Fänge in den Entwicklungsländern sind für den heimischen Markt bestimmt, weshalb insbesondere die wirtschaftlich Schwachen in diesen Ländern selbst betroffen sind.

Fisch ist für viele arme Menschen ein wichtiger Nährstofflieferant. Die FAO schätzt, dass in Afrika südlich der Sahara 22 Prozent des Eiweißbedarfs der Menschen durch Fisch gedeckt werden. In den ärmsten afrikanischen Ländern sind es sogar mehr als 50 Prozent.

Der globale Fischkonsum erreichte im vergangenen Jahr ein Rekordhoch von durchschnittlich 17 Kilogramm pro Kopf. In Afrika lag die Zahl bei etwa der Hälfte (8,5 Kilogramm pro Kopf). Afrika ist zudem die einzige Region der Welt, wo der Fischkonsum zurückgeht. Dieser Trend hat leider schon vor einigen Jahren eingesetzt – und das, obwohl die Nachfrage angesichts von Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und ökonomischem Wachstum eigentlich wachsen müsste. Aquakulturen sind eine vernünftige Antwort auf diese Entwicklung. Diese Industrie steht in Afrika noch am Anfang, könnte aber vieles verbessern.

Ökonomisch betrachtet sollte Aquakultur eine Investition sein. Aber bisher passiert in diesem Bereich wenig. Offenbar schätzen die privaten Investoren den Sektor als zu schwierig und riskant ein. Aquafarmen entstehen in jüngster Zeit vor allem in einer Handvoll Länder, zu denen Ghana und Nigeria gehören. In weiten Teilen des Kontinents halten Investoren diesen Industriezweig allerdings für wenig erfolgversprechend.

Das ist allerdings eine falsche Wahrnehmung. Dieser Sektor hat keine anderen Hürden zu überwinden als andere Industriezweige. Besonders wichtig sind Infrastruktur und Governance. Die Unternehmen, die bisher Aquakultur betreiben, sind meist zu klein und zu wenig in die entsprechenden Wertschöpfungsketten integriert, um erfolgreich zu sein. Oft kämpfen die Besitzer um bezahlbare Kredite. Viele Kleinunternehmen sind gar nicht offiziell registriert.

Bisher ist es nicht gelungen, südlich der Sahara große Aquakulturprogramme zu entwickeln. Nur wenige afrikanische Unternehmen produzieren mehr als 3000 Tonnen Fisch pro Jahr. Die jährliche Produktion pro Mitarbeiter liegt lediglich bei zwei Tonnen. In Norwegen dagegen sind es 172 Tonnen pro Mitarbeiter und Jahr. Chinesische Fischproduzenten bringen es auf immerhin jährlich sechs Tonnen pro Arbeiter.

Größe und Integration sind entscheidende Faktoren. In den Industrieländern ist Spezialisierung ökonomisch sinnvoll, weil die Unternehmen für Produkte und Dienstleistungen auf andere Marktteilnehmer zurückgreifen können. Da es kein entsprechendes Unternehmensumfeld mit einer passenden Infrastruktur gibt, müssen die Aquafarmen südlich der Sahara die gesamte Wertschöpfungskette abdecken – von der Brutaufzucht über Futterversorgung bis hin zur Logistik.

Kleine Fischproduzenten ohne ausreichende ­finanzielle Mittel sind daher gezwungen, eigene ­Beschaffungs- und Liefermodelle zu entwickeln; viele Unternehmen sind von Anfang an zum Scheitern ­verurteilt.

Da es kaum große Aquafarmen gibt, fehlen Investoren oft passende Partner. Die Firma Harlekin Blue investiert in Aquakultur in Schwellenmärkten und eruiert seit 2009 die Möglichkeiten in Subsahara-Afrika. Ihrem geschäftsführenden Teilhaber Aaleem Jiva zufolge sind aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Ländern wie Vietnam und Thailand erheblich besser. Harlekin Blue investiert in Südostasien, jedoch bisher nur wenig in Afrika.

Glücklicherweise wandelt sich das langsam. In einigen Regionen entstehen interessante Projekte. Ian Derry ist Direktor der niederländischen Firma BusinessMinds, die sich für nachhaltige Entwicklung einsetzt. Seines Erachtens steht dieser Sektor in Afrika kurz vor dem Durchbruch. Dank der Unterstützung von Regierungen und Entwicklungsorganisationen laufen die kommerziellen Setzlings- und Futtermittelindustrien gut an.

Laut Derry hängt jetzt alles am Marktzugang. Ohne eine gelungene Vertriebs- und Einzelhandelskette gehen auf dem Weg zum Konsumenten 30 Prozent des Fischs verloren. Derartig hohe Verluste machen den Vertrieb teuer und sind ein weiterer Grund dafür, dass Investoren vor Aquakultur zurückschrecken.

Das kann sich allerdings ändern. Gemeinsam mit der Scottish University of Stirling hat BusinessMinds das Unternehmen africaFISH gegründet, um ein nachhaltiges kommerzielles Aquakulturmodell für Afrika zu entwickeln. In den vergangenen anderthalb Jahren arbeitete africaFISH mit einer mittelständischen ugandischen Aquafarm zusammen. Die Finanzpläne für den Ausbau ihrer Produktion auf 3000 Tonnen im Jahr stehen bereits.

Vertragsanbauer integrieren

Auch African Century ist mittlerweile ein erfolgreiches Unternehmen. Der größte Buntbarsch-Züchter des Kontinents produziert in so unterschiedlichen Ländern wie Uganda und Simbabwe. African Century integriert erfolgreich kleine Produzenten in seine expandierenden Geschäfte. Laut John Owers, dem Investmentdirektor des Unternehmens, müssen Kleinunternehmer in größere Betriebe mit stabilen Geschäftsmodellen eingebunden werden, um wirtschaftlich zu florieren. African Century kombiniert als Eiweißproduzent Fisch- und Hühnerzucht. Die kleinen Produzenten, die in Programme wie das von African Century eingebunden sind, werden als „Outgrowers“ – Vertragsanbauer – bezeichnet.

Erfolgreiche Vorbilder für die Aquakultur lassen sich in Afrika schnell finden. Kenias Teeproduzenten arbeiten schon lange mit Vertragsbauern. Es ist ein erprobtes Modell, das auf dem ganzen Kontinent angewendet wird.

Die zur KfW Bankengruppe gehörende Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG hat bereits mehr als zehn Millionen Euro in den Aquakultur-Sektor investiert. Schwerpunkt ist dabei die Unterstützung integrierter Geschäftsmodelle. DEG stellt Kredite und sogar Beteiligungskapital zur Verfügung und fördert zugleich ökologische und soziale Standards. Langfristig sollen die Unternehmen dabei unterstützt werden, nachhaltig zu arbeiten und die notwendigen Lebensmittelstandards zu gewährleisten.

Auch andere Investoren sollten ihre Einstellung zu Aquakultur überdenken und integrierte, ökologisch nachhaltige und sozialverträgliche Aquafarmen aufbauen. Angesichts mangelnder Rohstoffe und der menschlichen Einflüsse auf die Umwelt werden effizientere Methoden der Nahrungsmittelproduktion für nachhaltige Entwicklungsstrategien immer wichtiger.