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Konfliktregionen

Frauen für den Frieden

von Vera Dicke

In Kürze

Die ruandische Verfassung von 2003 gilt als eine der gerechtesten für Männer und Frauen: Anhängerinnen der Partei Rwandan Patriotic Front vor den Wahlen im selben Jahr.

Die ruandische Verfassung von 2003 gilt als eine der gerechtesten für Männer und Frauen: Anhängerinnen der Partei Rwandan Patriotic Front vor den Wahlen im selben Jahr.

In fragilen und Konfliktstaaten fehlt es oft an den grundlegendsten Dingen: Sicherheit, Infrastruktur und funktionierenden Märkten. Gesellschaftliche Themen wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau stellen Geber daher oft hinten an. Das ist falsch, meint die OECD, denn Gleichberechtigung und Statebuilding gehören zusammen. Von Vera Dicke

Größere Gleichberechtigung innerhalb der Gesellschaft ist gut für Statebuilding, stellt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest, und umgekehrt verbessert die Stärkung fragiler Staaten die Situation von Frauen und Mädchen. Dafür nennt die Studie gute Gründe:

  • Frauen sind von Konflikten und fragiler Staatlichkeit anders betroffen als Männer. Im Jahr 2000 wies der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 1325 auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen in Konflikten hin. Sie sind häufiger Opfer von Kriegsverbrechen und stellen weltweit die Mehrheit der Flüchtlinge. In fragilen Staaten sind sie vermehrt Opfer der hohen Vergewaltigungs- und Kriminalitätsraten. Doch ihre Bedürfnisse werden kaum berücksichtigt, denn Statebuilding ist meistens Männersache.
  • Frauen können viel zum Statebuilding beitragen. Auch darauf hat die Resolution 1325 bereits hingewiesen. Damit ein Staat für die gesamte Bevölkerung gut funktioniert, müssen natürlich auch Frauen einbezogen werden. Der Sicherheitssektor zum Beispiel wird meist von Männern gestaltet. Eine Folge ist, dass weibliche Opfer von sexueller Gewalt sich oft nicht trauen, sich an die von Männern dominierten Sicherheitsorgane zu wenden. Damit diese Organe ihre Schutzfunktion für die gesamte Bevölkerung ausüben können, wäre der Einsatz weiblicher Sicherheitskräfte dringend nötig.
  • Nach einem Konflikt ändern sich die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Vielen Männern ist es dann unmöglich, typisch „männliche“ Aufgaben wie Broterwerb zu übernehmen. Frauen gewinnen dadurch Gestaltungsmöglichkeiten, die aber nur bestehen bleiben, wenn sich die größere Verantwortung auch in Rechten äußert. Das ist zum Beispiel in Ruanda und Nepal bereits passiert, wo mit dem Friedensprozess mehr politische Beteiligungsmöglichkeiten für Frauen festgelegt wurden.
  • Es besteht die Gefahr, dass Statebuilding-Maßnahmen die Situation von Frauen und Mädchen verschlechtern, selbst wenn sie eigentlich das Gegenteil erreichen wollen. Quoten oder die wirtschaftliche Förderung von Frauen können Schaden anrichten, wenn sie nicht kontextsensibel und in Abstimmung mit der männlichen Bevölkerung geplant werden. So können Programme zur Einkommensverbesserung für Frauen zu einem Anstieg häuslicher Gewalt führen, wenn die Ehemänner damit nicht einverstanden sind.
  • Es ist mittlerweile kaum noch umstritten, dass Gleichberechtigung auch die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes stärkt. Gerade nach einem Konflikt wäre es daher zum Beispiel wichtig, dass Frauen rechtlich befugt sind, Land zu besitzen und zu bewirtschaften, auch wenn der Ehemann gestorben ist oder vermisst wird. Damit könnte Armut deutlich gemindert werden.

Zusammenhänge erkennen

Die Autoren der OECD-Studie meinen, dass Statebuilding und Gender noch nicht genügend zusammen gedacht werden. Häufig gingen Geber davon aus, dass sie genug für Gleichberechtigung tun, wenn sie ein paar frauenfördernde Maßnahmen durchführen. Die OECD aber fordert viel mehr. Geber sollen in Konfliktregionen untersuchen, welche Zugangsmöglichkeiten Männer und Frauen zu Macht, Ressourcen, Einkommen oder Bildung haben. Anhand dieser Analyse sollen sie dann alle Maßnahmen dahingehend prüfen, welche positiven und negativen Auswirkungen sie auf das Geschlechterverhältnis haben.

Doch die meisten Entwicklungshelfer vor Ort sind dafür nicht ausgebildet, warnt die Studie. Auch gingen die Geberorganisationen selbst nicht mit gutem Beispiel voran: Gerade im Bereich Statebuilding seien die meisten Entscheidungsträger Männer. Forschung zu den Auswirkungen entwicklungspolitischer Maßnahmen auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern gebe es kaum.

Dennoch lobt die OECD Länder, die beim Wiederaufbau erfolgreich Frauen gestärkt haben. Ost-Timor etwa schrieb bei der Wahl 2001 Frauenquoten vor und förderte die Präsenz von Kandidatinnen in den Medien, was sich in 26 Prozent weiblichen Abgeordneten niederschlug. In Ruanda veranstalteten das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und die Interparlamentarische Vereinigung (IPU) ein Seminar mit Entscheidungsträgern zu der Frage, wie die neue Verfassung Frauenrechte berücksichtigen könnte. Daraus ist nach Meinung mancher Experten eine der gender-gerechtesten Verfassungen der Welt entstanden.

Auch die Rolle, die Frauen auf informeller Ebene in der Friedensförderung spielen können, ist aus OECD-Sicht nicht zu unterschätzen. Dänemark bildet in Liberia und Kenia Mediatorinnen aus, die Konflikten auf Gemeindeebene vorbeugen sollen. Ebenfalls in Liberia engagierte sich ein Frauennetzwerk bei der Demobilisierung von Ex-Kombattanten und entschärfte damit sogleich neue Konfliktpotenziale. Es gibt sogar ein Global Network of Women Peacebuilders, das Frauen aus Konfliktländern auf der ganzen Welt verbindet und sie ermutigt, sich in Friedensprozesse einzubringen.

Handlungsbedarf

Die OECD-Studie ruft Geber dazu auf, die Gender-Dimension systematischer in ihre Statebuilding-Strategien einzubinden. In ihren Konfliktanalysen sollen sie lokale Gewohnheiten und Traditionen berücksichtigen, die Geschlechtsrollen prägen und mit Sicherheit, Partizipation oder Wirtschaft zusammenhängen. Außerdem sollen sie ihr Wissen zu geschlechtsbewusstem Statebuilding erweitern, indem sie ihre Programme gründlicher evaluieren, dokumentieren und die Erkenntnisse mit anderen Gebern und Partnerländern teilen. In der eigenen Organisation sollen sie ebenfalls nach Verbesserungspotenzial suchen.

Darüber hinaus sollten sie stärker darauf achten, auch mit kleinen Partnern auf verschiedenen Ebenen zusammenzuarbeiten. Gerade lokale Frauenorganisationen verfügen laut OECD oft über gutes Kontextwissen und steuern konstruktive Ideen bei. Auf internationaler Ebene fordert die OECD, die Themenfelder Gender und Statebuilding in die globalen Entwicklungsziele der Post-2015-Agenda aufzunehmen (siehe Schwerpunkt E+Z/D+C 2013/7-8). Vera Dicke