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Vertriebene

Von der Welt vergessen

von Floreana Miesen

In Kürze

Menschen auf der Flucht vor Konflikten zwischen dem irakischen Militär und ISIS-Terroristen in Mossul Anfang November. (Keles/picture alliance/AA)

Menschen auf der Flucht vor Konflikten zwischen dem irakischen Militär und ISIS-Terroristen in Mossul Anfang November. (Keles/picture alliance/AA)

Weltweit gibt es heute mehr als 65 Millionen Menschen, die gewaltsam vertrieben wurden. Viele können jahrelang nicht in ihre Heimat zurückkehren. Während einige Zuflucht innerhalb ihrer eigenen Länder finden, fliehen andere ins Ausland. Vertreibung beeinflusst die Lösungsbemühung von Konflikten und belastet Aufnahmeländer und die internationale Gemeinschaft. Zuverlässige Daten sind wichtig für die Effektivität und Rechenschaftspflicht humanitärer Organisationen.

Gewaltsame Vertreibung hat Rekordzahlen erreicht. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR schätzt, dass im vergangenen Jahr mehr als 12 Millionen Menschen vertrieben wurden. Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat kommt aus drei Ländern: Syrien, Afghanistan und Somalia. Das zweite Jahr in Folge beherbergt die Türkei die größte Anzahl: 2,5 Millionen Flüchtlinge.

In der Vergangenheit waren Vertriebene vorübergehend Flüchtlinge in Nachbarländern, bis sie sicher wieder nach Hause zurückkehren konnten. Morten Bøås vom Norwegian Institute for International Affairs warnt vor einer veränderten Kriegsdynamik. Konflikte dauerten an, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Dementsprechend seien die Aufnahmeländer langfristig mit hohen Kosten belastet. Ein vermehrter Wettbewerb um knappe Ressourcen sorge folglich für zunehmende Spannungen zwischen Flüchtlingen und armen Aufnahmeländern.

Zum Teil ermöglichten Flüchtlinge aber auch neue Geschäftsmöglichkeiten, sagt Bøås. So verkauften Händler in der Sahel-Stadt Agadez in Niger Flüchtlingen Waren zu hohen Preisen. Der Transport von Menschen wird laut Bøås immer wichtiger und vermische sich zunehmend mit Menschenschmuggel. Verbrechen wie Menschenhandel könnten zunehmen, meint er.

Hohe Flüchtlingszahlen hätten Auswirkungen auf die Weltpolitik, sagt Bøås. Zum Beispiel habe die Türkei enorm an politischem Einfluss gewonnen, weil sie die Zahl der Menschen, die in die EU fliehen, zurückhalten kann.

Durch Vertreibung werden Menschen verletzlich, vor allem durch Mangel an sozialem Schutz. Binnenvertriebenen ergehe es kaum besser als Grenzflüchtlingen, dennoch bekämen sie viel weniger Aufmerksamkeit, weil sie keine Flüchtlinge per definitionem seien, sagt Elisabeth Ferries von der Georgetown University in Washington, D.C. Flüchtlinge würden als ein internationales Problem betrachtet, sagt sie, während Binnenvertriebene Aufgabe des Heimatlandes seien. Die internationale Gemeinschaft kümmert sich nicht um intern Vertriebene. Dabei wurden nach Angaben des UNHCR im vergangenen Jahr etwa 8,6 Millionen Menschen innerhalb ihrer eigenen Länder vertrieben.

Ferries argumentiert, dass Aufnahmeländer Unterstützung benötigten, sei es bei Flüchtlingen aus dem Ausland oder bei Binnenvertriebenen. Humanitäre Hilfe reiche nicht, fügt sie hinzu, da langfristige Lösungen erforderlich seien. Da es immer schwieriger werde, internationale Grenzen zu überqueren, wachse voraussichtlich auch die Zahl der Binnenflüchtlinge, schätzt Ferries – und ihr Schicksal verschlechtere sich. Ein ernstes Problem in ihren Augen sind unzuverlässige Statistiken – wobei das Bevölkerungswachstum das Problem verstärke.

Esther Meininghaus vom Bonner International Center for Conversion (BICC) stimmt dem zu. Um die Wirksamkeit der Hilfe feststellen zu können, seien dringend bessere Daten nötig, meint sie. Darüber hinaus fordert sie Mechanismen der Rechenschaftspflicht. Sie räumt jedoch ein, dass die Hilfslieferungen im Notfall dringlicher seien als die Datenerhebung.

Laut Meininghaus macht es einen Unterschied, ob Menschen vor der Gefahr fliehen und ihr Ziel wählen können oder ob sie gewaltsam an einen Ort verlegt werden. In vielen Fällen würden Menschen sogar mehr als einmal vertrieben. Allzu oft fehlten ihnen Unterkunft und Unterstützung. Viele seien geistig und körperlich erschöpft, wie Meininghaus auf einer BICC-Konferenz in Bonn im November berichtete.

BICC-Direktor Conrad Schetter bemängelt, dass Hoffnungen und Erfahrungen der Flüchtlinge oft ignoriert würden, obwohl sie essenziell für den nachhaltigen Friedensaufbau seien. In seinen Augen ist es falsch, Flüchtlinge nur als Massen zu sehen, die bei Kriegsende nach Hause zurückkehren werden. Um Frieden zu erreichen, müssten Flüchtlinge unbedingt miteinbezogen werden.

Floreana Miesen

Link
UNHCR, 2016. Global trends. Forced displacement 2015:
http://www.unhcr.org/statistics/unhcrstats/576408cd7/unhcr-global-trends-2015.html

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