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Global Governance

Der menschliche Faktor

von Hans Dembowski

Hintergrund

Kooperationsdefizite lassen sich nicht nur mit Spannungen zwischen etablierten und aufstrebenden Mächten erklären: Finanzminister und Zentralbanker der G20 mit IWF-Chefin Christine Lagarde bei einem Treffen in Shanghai im Februar.

Kooperationsdefizite lassen sich nicht nur mit Spannungen zwischen etablierten und aufstrebenden Mächten erklären: Finanzminister und Zentralbanker der G20 mit IWF-Chefin Christine Lagarde bei einem Treffen in Shanghai im Februar.

Die herkömmlichen Theorien über internationale Beziehungen sind korrekturbedürftig, wie ein neues Buch ausführt, das Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik herausgegeben haben. Menschen sind den Ausführungen zufolge viel kooperativer, als allgemein angenommen wird. Ein falsches Verständnis der menschlichen Natur hat aber Folgen für die Weltpolitik, weil es Zusammenarbeit erschwert und Scheitern wahrscheinlicher macht.

Wissenschaftler, die sich mit internationalen Beziehungen beschäftigen, gehen normalerweise davon aus, dass Regierungen immer im engverstandenen Eigeninteresse handeln. Diese Vorstellung ist eng verwandt mit der wirtschaftswissenschaftlichen Vorstellung vom „Homo oeconomicus“. Ihr zufolge sind Menschen rationale, nutzenmaximierende Wesen, die nur mit anderen zusammenarbeiten, wenn es sich lohnt. Kooperation ist demnach die Ausnahme und nicht die Regel, denn sie ist ohne konkrete Anreize nicht zu erwarten.

Der Homo oeconomicus ist eine Fiktion. Das theoretische Konstrukt dient dazu, mathematische Modelle zu rechtfertigen, entspricht aber nicht der empirischen Wirklichkeit. Sozialanthropologen, Psychologen, Soziologen und sogar Volkswirte selbst haben schon oft gezeigt, dass Menschen soziale Wesen sind, die Gemeinschaft brauchen und auf Dauer gar nicht nur individuelle Interessen verfolgen können.

Dirk Messner, der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), und Silke Weinlich, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIE, wenden diese Einsicht nun auf internationale Beziehungen an. Ihrem Urteil nach ist die Einschätzung, Regierungen funktionierten wie der imaginäre Homo oeconomicus, nicht nur falsch, sondern geradezu gefährlich. Die Menschheit brauche angesichts ernster Krisen wirkungsvollere Kooperation, diese könne aber kaum gelingen, wenn wichtige Akteure meinten, Regierungen wollten instinktiv immer nur auf eigene Faust agieren.

Klimaschutz, Armutsbekämpfung und Finanzstabilität gehören zu den vielen Dingen, die kollektives Handeln erfordern, weil einzelne Regierungen die entsprechenden Aufgaben allein nicht schultern können. Gemeinsame Anstrengungen sind nötig – und zwar schnell, denn die Zeit ist angesichts der ökologischen Krise knapp.


Interdisziplinäre Arbeit

Messner und Weinlich sehen Anlass zu Hoffnung und begründen das in einem Buch, das sie kürzlich herausgegeben haben („Global cooperation and the human factor in international relations“, London 2016). Der Sammelband enthält Aufsätze von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, von der Biologie bis zur Theorie komplexer Systeme. Die beiden Herausgeber wollen den Weg für „einen neuen interdisziplinären Ansatz zur Erforschung globaler Kooperation“ bahnen. Ihre Arbeit wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert.

Aus Messners und Weinlichs Sicht ist es falsch, den gegenwärtigen Stillstand in diversen multilateralen Kontexten als Konsequenz des Aufstiegs der BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) zu interpretieren, die gegen die USA, die EU und Japan opponieren. Diplomatische Fehlschläge seien auch auf ein überholtes Verständnis von Souveränität und unzureichend konzipierte Institutio­nen zurückzuführen. Es wäre hilfreich, Zusammenarbeit nicht nur mittels der etablierten Methoden zu suchen.

In einem Aufsatz warnt Messner, die Annahme, Zusammenarbeit sei in einer Phase sich verschiebender Machtverhältnisse unmöglich, könne zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Er ist Politikwissenschaftler und hat dieses Kapitel zusammen mit dem Geographen Alejandro Guarín und dem Psychologen Daniel Haun verfasst. Die drei Akademiker führen aus, dass menschliche Zusammenarbeit typischerweise von sieben ermöglichenden Faktoren abhängt:

  • Wechselseitigkeit,
  • Vertrauen,
  • Kommunikation,
  • Reputation,
  • Fairness,
  • Durchsetzung von Regeln und
  • ein gemeinsames Verständnis von „Wir“.

Diese Dinge sind offensichtlich interdependent. Langfristig hängt Vertrauen von Wechselseitigkeit und Fairness ab, während Kommunikation Reputation und Vertrauen bilden kann und obendrein nötig ist, um Regeln durchzusetzen. Eine Vorstellung von einer gemeinsamen Identität wiederum entsteht auf der Basis gelungener Kooperation und erleichtert dann weitere Zusammenarbeit. Die drei Wissenschaftler schreiben, die aktuelle Krise der internationalen Politik könne an der unzureichenden Bereitstellung der genannten sieben Faktoren liegen. Es gelte, diese „Unterversorgung“ zu korrigieren.

Die bisherige Praxis halten die Autoren für ungenügend. So müsse etwa in der Entwicklungspolitik die „zutiefst ungleiche Beziehung von Norden (Gebern) und Süden (Empfängern)“ zugunsten einer Vorstellung von gemeinsam zu erreichenden Zielen aufgegeben werden.

In einem anderen Aufsatz schreiben Messner und Weinlich, dass es Homo oeconomicus gebe, dieser aber ein Menschenaffe sei. Sie erklären, dass große Affen in der Tat nur instrumentelle Vernunft haben. Der entscheidende Punkt ist aber, dass Menschen im Gegensatz zu Affen zu komplexer Kommunikation und dem Aufbau von Institutionen fähig sind. Entsprechend kommt es darauf an, die Faktoren, die Kooperation möglich machen, auf verschiedenen Ebenen auch in der internationalen Politik zu berücksichtigen. Sie spielen für die Interaktion individueller Diplomaten ebenso eine Rolle wie für die historisch gewachsenen Beziehungen zwischen Staaten.


Evolution der Diplomatie

Einstellungen und Institutionen ändern sich im Lauf der Geschichte. Im Buch erläutert der Sozialanthropologe Iver B. Neumann von der London School of Economics die Evolution der Interaktion organisierter Gruppen. Er beginnt mit der Erfindung der Großtier-Jagd vor 300 000 Jahren und kommt bis zur Einrichtung permanenter multilateraler Verhandlungssysteme nach den napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sein kurzer Abriss legt nahe, dass sich bessere diplomatische Kooperation, als wir sie heute kennen, herausbilden kann. Dabei werden ihm zufolge nichtstaatliche Akteure an Bedeutung gewinnen.

Siddarth Malavarapu, ein Politikwissenschaftler von der South Asian University in Delhi, führt aus, dass Dinge wie Sprache, Erinnerung und Affekte wichtig sind, um globale Kooperation zu stärken. Er rät multilateralen Institutionen, mehr auf derlei zu achten. Es gehe beispielsweise darum, verschiedene Perspektiven aufzugreifen, um alle relevanten Akteure zu verstehen und deren Anliegen gerecht zu werden. Malavarapu warnt, dass Institutionen scheitern, wenn ihnen die Fähigkeit und Bereitschaft fehlen, Perspektiven entsprechend zu wechseln. Ihm zufolge sollten Institutionen zudem Lehren aus Beispielen geglückter Zusammenarbeit ziehen.

Wer Malavarapu folgt, wird lieber von „globaler“ als von „internationaler“ Zusammenarbeit sprechen, denn der erste Terminus betont Gemeinsamkeit, während der zweite implizit auf Nationen verweist. Eine viel schwierigere Aufgabe ist es aber, Geschichte so aufzugreifen, dass sie die kollektiven Erinnerungen stärkt, die Kooperation fördern, denn es gibt leider viele historische Beispiel von Menschengruppen, die unter anderen Gruppen leiden mussten.

Das Buch von Messner und Weinlich inspiriert, weil es ungewohnte Perspektiven aufzeigt. Es bietet jedoch keinen handfesten Rat für Politiker, und es behandelt weder Interessengegensätze noch die vielfältigen Enttäuschungen, die nicht nur – aber besonders – Führungspersönlichkeiten aus Afrika, Asien und Lateinamerika seit dem Ende der Kolonialzeit erlebten. All das hätte selbstverständlich auch den Rahmen eines einzigen Buches gesprengt. Zu Recht fordern die Herausgeber weitere Forschung zum Thema internationale Zusammenarbeit. Wenn diese bald Früchte tragen soll, muss zügig weitergearbeitet werden.

Hans Dembowski


Buch
Messner, D., und Weinlich, S. (Hrsg.), 2016: Global cooperation and the human factor in international relations. London, New York: Routledge.

Kommentare (1)

John Nash 1948 #

Der Blick zurück auf ein halbes Jahrhundert Politik internationaler Zusammenarbeit ist atemberaubend: da wurde gegen alles verstoßen, was sowohl wissenschaftlich bereits messerscharf bewiesen war, als auch dem Bauchgefühl „normal denkender“ Menschen entsprach und entspricht:
„Das beste Resultat erzielt man, wenn jeder in der Gruppe das tut, was für ihn selbst am besten ist UND für die Gruppe“ (hier: die Gesamtheit globaler Kulturen; sog. Regulierende Dynamik, Governing Dynamics, John Nash 1948).
Die Behauptung eines ‘homo oeconomicus’ war zum Zerrbild geworden.

Dank deshalb an das Autorenteam um Messner und Weinlich, Dank auch an die E+Z, ihren Lesern wieder einmal Gelegenheiten zum Aufatmen aufzuzeigen!

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