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Sommer-Special

„Ich bin von hier!“

von Sheila Mysorekar

In Kürze

Autorin Ferda Ataman.

Autorin Ferda Ataman.

Mit ethnischen und religiösen Minderheiten tun sich viele Deutsche – und auch andere Europäer – schwer. Gesetzlich gilt die Gleichbehandlung. Manche Menschen akzeptieren jedoch nicht die Tatsache, dass jemand mit einem muslimischen Namen oder dunkler Haut ein Bürger oder eine Bürgerin Deutschlands ist. Man nimmt an, diese Person sei eingewandert, und will wissen, woher. Die Antwort darauf gibt der Titel des Buches von Ferda Ataman: „Hört auf zu fragen – Ich bin von hier!“ Dieser Beitrag ist der dritte unseres diesjährigen Sommer-Spezialprogramms mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.

Die Debatte um Zugehörigkeit ist keine deutsche Besonderheit – es gibt sie weltweit. So etwa wird in China die muslimische Minderheit der Uiguren von staatlicher Seite diskriminiert; israelische Palästinenser dürfen sich in ihrem eigenen Land nicht frei bewegen, und in Myanmar werden Angehörige der ethnischen Minderheit der Rohingya schlicht als Ausländer betrachtet und um die Staatsbürgerschaft gebracht. Wer zu einem Land dazugehört, wird in der Regel von der größten ethnischen oder religiösen Gruppe bestimmt. Handelt es sich nicht um eine Demokratie, haben Minderheiten oft schlechte Karten.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und es herrscht verfassungsmäßig verbriefte Religionsfreiheit. Entsprechend wohnen in Deutschland Menschen der unterschiedlichsten ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten. Doch nicht für alle ist dies selbstverständlich. Häufig wird die Zugehörigkeit von Personen angezweifelt – so etwa, wenn regelmäßig die Frage gestellt wird: „Wo kommst du her?“

Die deutsche Journalistin und Autorin Ferda Ataman hat türkische Eltern, ist in Franken aufgewachsen und lebt in Berlin. In ihrem neuerschienenen Buch greift sie Missverständnisse rund um das Thema Einwanderung auf.

Die lästige Frage nach der Herkunft ist für Ataman kein Zeichen für Interesse, sondern vor allem der Ausgrenzung: „Für mich sind die Fragen ein Zeichen dafür, wo mich die Fragenden verorten: nämlich unter nicht-deutsch. Unter nicht-von-hier.“ Dies, so stellt sie klar, sei an sich kein Drama – allerdings sähe die Sache anders aus, wenn man sich die strukturelle Benachteiligung von Minderheiten anschaue.

Ataman verweist auf Studien der OECD, die eindeutig darlegen, dass Kinder aus Einwandererfamilien in Schulen diskriminiert werden, zum Beispiel, dass sie eine fünfmal geringere Chance haben als ein deutsches Kind, auf eine weiterführende Schule zu kommen – bei gleichen Leistungen, wohlgemerkt!

Es gibt Länder wie die USA oder Indien, die der strukturellen Benachteiligung von Minderheiten mit „affirmative action“ begegnen, also beispielsweise eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen für sie reservieren. In beiden Ländern wird diese Politik jedoch seit geraumer Zeit in Frage gestellt.

Ferda Ataman problematisiert in ihrem Buch die deutsche Debatte um Inte­gration. Eingewanderte Menschen stünden selbst in der zweiten und dritten Generation „in der Bringschuld, sich perfekt anzupassen“ – die Kriterien dafür änderten sich jedoch permanent. „Integration hat offenbar kein Ziel: Wir werden nie richtige Deutsche. Wozu dann das Theater?“, fragt Ataman polemisch.

Die Debatte um Identität und Zugehörigkeit ist kein intellektuelles Geplänkel. Bei populistischen Parteien in ganz Europa ist dies ein zentraler Punkt ihrer Agenda; am Thema Migration werden politische Positionen verhandelt. Forciert durch rechtsgerichtete Parteien, wird die Forderung nach einem starken Nationalstaat laut – und der soll sich an einer ethnischen Homogenität ausrichten. „Unsere Wahrnehmung von Zugehörigkeit in Deutschland hat viel mit Genen zu tun“, schreibt Ataman. „Deutsch ist, wer zuerst hier war und also schon immer von hier ist. Viele glauben an ein einheimisches Volk (‚Deutsche‘), das sich nicht verändert, auch dann nicht, wenn Migranten dazukommen.“

Doch die Forderung nach einem ethnisch und religiös homogenen Nationalstaat wird nicht direkt formuliert, sondern, in versteckter Form, durchdekliniert am Thema Heimat. Und gerade an diesem Punkt wird Menschen aus Einwanderer­familien unterstellt, ihre Heimat sei und bleibe im Ausland. Dazu Ataman: „Heimat ist für die meisten Menschen ein Ort oder ein Gefühl. Wenn Politik Gefühle ministrabel machen will, dann am besten welche, die sich in die Zukunft richten und nicht zurück.“ Und dies ist die Stärke des Buches – es ist zukunftsgerichtet und macht Vorschläge für ein verbessertes Zusammenleben.


Buch
Ataman, F., 2019: Hört auf zu fragen – Ich bin von hier! Frankfurt a. M., S. Fischer.

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