Fankultur
Gor Mahia und AFC Leopards: Wie aus Fußballrivalen Verbündete wurden
Die Luo und die Luhya gehören zu den größeren ethnischen Gemeinschaften Kenias. Obwohl beide ursprünglich aus benachbarten Regionen im Westen des Landes stammen, gehören sie unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Gruppen an: Die Luo sind nilotischen Ursprungs, die Luhya gehören zur ethnischen Familie der Bantu. Auch ihre Sprachen unterscheiden sich deshalb unter anderem grundlegend. In früheren Zeiten waren die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften, die diesen größeren Gruppierungen angehörten, mitunter von Konflikten geprägt. Bis heute ziehen es einige ihrer Mitglieder vor, mit Menschen aus Gruppen innerhalb ihrer eigenen erweiterten ethnischen Familie zu verkehren, beispielsweise im sozialen, politischen oder beruflichen Umfeld.
Heute leben sowohl die Luo als auch die Luhya in Nairobi und anderen urbanen Zentren. In den 1950er- und frühen 1960er-Jahren zogen viele junge Menschen aus dem Westen Kenias, überwiegend Männer, nach Nairobi, um in der wachsenden Stadt Arbeit zu finden. Da die Kolonialregierung politische Organisationen afrikanischer Bevölkerungsgruppen untersagte, gründeten viele Zugewanderte stattdessen Wohlfahrts- und Gemeinschaftsvereine. Sie definierten sich häufig über ihre gemeinsame Sprache, ihre Herkunftsregion oder ethnische Zugehörigkeit. Der Fußball wurde zu einem der wichtigsten öffentlichen Räume, in dem sich solche Vereine organisieren und sich Gehör verschaffen konnten.
In diesem Umfeld entstanden auch jene Vereine, aus denen später der Gor Mahia FC, das Team der Luo, und die AFC Leopards, das Team der Luhya, hervorgingen. Auf Seiten der Luo wurde Luo Union rasch zum zentralen Verein. Bei den Luhya war die Situation komplexer, da sie keine homogene Gruppe darstellen, sondern sich aus mehreren Gemeinschaften zusammensetzen. Anfangs existierten deshalb verschiedene Vereine nebeneinander, darunter der Marama FC, Bunyore FC und Samia United.
Wie ethnische Zugehörigkeit die Fußballgeschichte Kenias geprägt hat
Tatsächlich spielte dieser Unterschied eine wichtige Rolle. Als 1963 die erste kenianische Nationalliga gegründet wurde, stammten sieben der zehn Teams aus Nairobi und setzten sich überwiegend aus Angehörigen der Luo- und Luhya-Gemeinschaften zusammen. Während sich die Luo weitgehend hinter einem Verein versammelten, waren die Luhya auf mehrere kleinere Clubs verteilt. Führende Persönlichkeiten der Luhya drängten deshalb darauf, die Vereine zusammenzuführen und so eine stärkere Mannschaft hervorzubringen. Letztlich entstand so der AFC Leopards, der zuvor Abaluhya United FC hieß. Der Verein sollte unterschiedliche Luhya-Untergruppen in einer gemeinsamen sportlichen Institution vereinen.
Doch auch die Luo Union blieb nicht frei von internen Reibereien. Die politische Rivalität zwischen den beiden bedeutenden Luo-Politikern Jaramogi Oginga Odinga und Tom Mboya wirkte zeitweise bis in den Fußball hinein und führte zu Konflikten. Mit der Zeit wurden sie allerdings überwunden, und der Verein gründete sich infolgedessen unter dem Namen Gor Mahia neu. Der Name hat eine tiefe kulturelle Bedeutung, da er sich vom Beinamen eines legendären Medizinmannes aus der Mythologie der Luo ableitet.
Das Stadion als ritueller Raum
Beide Clubs dominierten später den kenianischen Fußball und wurden in ganz Ostafrika bekannt. Gleichzeitig repräsentieren sie die beiden großen ethnischen Gemeinschaften. Spiele zwischen Gor Mahia und AFC Leopards verwandelten die Stadien so in rituelle Räume. Die tief verwurzelte Rivalität zwischen den Teams spielte sich vor dem Hintergrund einer beinahe karnevalesken Fankultur ab, geprägt von Gesängen, Tänzen und der stolzen Zurschaustellung ethnischer Identität durch Symbole und Mystik. Die Fans verbanden das globale Phänomen Fußball mit der Politik ethnischer Zugehörigkeit in einem relativ jungen, unabhängigen Staat, der sich gleichzeitig mitten im Staatsaufbau und in politischen Machtkämpfen befand.
Während der Regierungszeit von Präsident Daniel Arap Moi zwischen 1978 und 2002 waren beide Vereine stark auf politische Unterstützer*innen aus ihren jeweiligen Gemeinschaften angewiesen. Da der Fußball zu der Zeit noch nicht vollständig professionalisiert war, benötigten viele Spieler zusätzlich oft eine Beschäftigung außerhalb des Sports. Einflussreiche Förderer*innen verhalfen ihnen zu Jobs im öffentlichen Dienst, in halbstaatlichen Unternehmen oder in Privatfirmen. Das nutzte nicht nur den Clubs, sondern auch den Politiker*innen, die durch ihre Nähe zu den beliebten Mannschaften an Bekanntheit und Unterstützung gewannen.
Die Rivalität der Vereine trennte sie jedoch nicht nur – sie wirkte auch verbindend. Jede Seite brauchte die jeweils andere als Gegner. Erst durch die Fankultur mit ihren Gesängen, Tänzen, verbalen Schlagabtauschen und provokanten Sticheleien brachte sie ihre eigene soziale Identität in Abgrenzung zum gegnerischen Team zum Ausdruck. Genau darin lag die gesellschaftlich verbindende Rolle des Fußballs: Er bot letztlich eine gemeinsame Bühne, auf der Unterschiede zum Ausdruck gebracht werden konnten, ohne dabei unbedingt gegen übergeordnete soziale Normen zu verstoßen.
Hinzu kommt, dass die Luo und Luhya im Stadion eben nicht nur als unterschiedliche ethnische Gruppen aufeinandertrafen, sondern auch als Teil desselben gemeinschaftlichen Rituals. Das führte zwar mitunter zu Spannungen und Provokationen, schuf aber zugleich auch Vertrautheit und ein Gefühl gegenseitiger Verbundenheit.
Politische Allianzen und globales Sportfernsehen
Seit den 1990er-Jahren hat sich diese Entwicklung weiter verstärkt. Die Rückkehr zur Mehrparteiendemokratie eröffnete neue Wege für eine ethnisch geprägte politische Mobilisierung. Gleichzeitig führten Strukturanpassungsprogramme zum Abbau staatlicher Arbeitsplätze und schwächten die Patronagenetzwerke, auf die viele Vereine angewiesen waren. Gor Mahia und die AFC Leopards wurden formell professioneller, zugleich aber finanziell instabiler.
Zwei weitere Entwicklungen um die Jahrtausendwende veränderten die Fankultur zusätzlich. Zum einen entstanden neue politische Bündnisse, die die Luo und Luhya einander näherbrachten. Denn seit den frühen 2000er-Jahren unterstützten beide denselben Politiker: Oppositionsführer Raila Odinga aus dem Westen Kenias.
Zum anderen verbreitete sich in der Zeit das globale Sportfernsehen, wodurch sich die Perspektiven vieler Fans allmählich weiteten und zahlreiche junge Menschen begannen, neben lokalen Teams auch europäische Vereine zu unterstützen. Die Fußballbegeisterung löste sich dadurch teilweise von der ethnischen Zugehörigkeit und öffnete sich den vielfältigen Einflüssen von außen. Das spiegelt auch die Realität vieler jüngerer Fans wider, die in ethnisch gemischten Stadt- und Vorstadtvierteln aufgewachsen sind und ein breiteres Verständnis ihrer ethnischen Identität entwickelt haben.
„Schwäger“
All das zeigt sich heute im Verhältnis zwischen den Anhänger*innen von Gor Mahia und den AFC Leopards. Die Rivalität aus früheren Jahrzehnten ist schwächer geworden. Es ist inzwischen ganz normal, dass Gor-Mahia-Fans zu den typischen Isukuti-Rhythmen tanzen, die traditionell eigentlich mit den AFC-Leopards-Anhänger*innen verbunden werden. Ebenso stehen Fans beider Vereine oft in den Tribünenbereichen des jeweils anderen Clubs.
Ein vielsagendes Zeichen ist der Name, den die Fans heutzutage oft füreinander verwenden: „mashemeji“, was auf Kiswahili, einer der Amtssprachen Kenias, „Schwäger“ bedeutet. Einerseits verweist der Begriff auf die lange Geschichte tatsächlicher Heiraten zwischen Angehörigen der Luo- und Luhya-Gemeinschaften im Westen Kenias. Andererseits beschreibt er eine Form sozialer Solidarität, die aus Jahrzehnten gemeinsamer Fußballkultur und den jüngeren politischen Entwicklungen hervorgegangen ist.
Gor Mahia und die AFC Leopards stehen damit für weit mehr als nur eine berühmte Fußballrivalität. Sie veranschaulichen, wie Sport soziale Unterschiede hervorheben und sie gleichzeitig in einem gemeinsamen öffentlichen Rahmen einbinden kann. Fußball lässt die ethnische Identität nicht verschwinden und kann sie manchmal sogar verstärken. Doch indem Unterschiede in gemeinsame Rituale, vertraute Rollen und wiederkehrende Begegnungen eingebettet werden, kann Rivalität auch in Solidarität übergehen. Genau darin liegt die integrative Kraft des Fußballs: Er schafft emotionale Bindungen und ein Zugehörigkeitsgefühl, das letztlich sogar Rivalen einander näherbringt.
Quellen
Nasong’o, W. S., 2022: The politics of soccer management in Kenya: The rise and decline of a popular sport. In: Ayuk, A. E. (eds): Football (Soccer) in Africa. Global Culture and Sport Series. Palgrave Macmillan, Cham.
Siundu, G, 2011: European football worlds and youth identifications in Kenya. African Identities 9.3 (2011): 337-348.
Waliaula, S., and Okong’o, J. B., 2014: Performing Luo Identity in Kenya: Songs of Gor Mahia. In: Identity and nation in African football: Fans, community, and clubs. London: Palgrave Macmillan UK, 83-98.
Solomon Waliaula ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Maasai Mara University in Kenia.
solomonwaliaula@gmail.com