Entwicklung und
Zusammenarbeit

Kunst

Nairobis „Artivisten“ planen die erste Biennale der Stadt

Kibera Arts District (KAD) ist ein gemeindebasiertes Kunstprojekt in Nairobi, das Kunst nutzt, um systemischen Wandel in Kibera, einem der größten Slums Ostafrikas, voranzutreiben. KAD betreibt Galerien und Ateliers, fördert kreatives Schaffen und eröffnet der lokalen Gemeinde neue Möglichkeiten. Einige KAD-Kunstwerke waren schon auf den Titelseiten von E+Z zu sehen. KAD will nicht nur Künstler*innen unterstützen, sondern auch ein umfassenderes Gefühl für das gemeinsame Engagement innerhalb der ostafrikanischen und internationalen Kunstszene fördern. Dazu plant KAD in diesem Jahr etwas Großes: Kenias erste Kunstbiennale. Wir sprachen mit Patrick Othieno und Jamey Ponte, die das Projekt gegründet haben, über ihre Arbeit und ihre Pläne.
Blick auf den Kibera Arts District vom Dach der Hauptgalerie aus. Die meisten Werkstätten und Ateliers befinden sich entlang der „Hauptstraße“. ko
Blick auf den Kibera Arts District vom Dach der Hauptgalerie aus. Die meisten Werkstätten und Ateliers befinden sich entlang der „Hauptstraße“.

Patrick Othieno und Jamey Ponte im Interview mit Katharina Wilhelm Otieno

Welche Lücke in der ostafrikanischen Kunstlandschaft versucht KAD zu schließen?

Jamey Ponte: Wir haben von Anfang an gemerkt, dass echte Zusammenarbeit fehlt. Viele Jahre lang schien weder die Gemeinde noch die weitere ostafrikanische Kunstszene für ein solches Projekt bereit. Allzu viele künstlerische Projekte waren eher von Förderanträgen motiviert als von einem echten gemeinsamen Ziel. Und die früheren Regierungen Kenias standen der Kunstszene nicht unbedingt wohlwollend gegenüber. Es gab viel Arroganz.

Das änderte sich, als neue Räume entstanden, die Künstler*innen aus verschiedenen sozialen Schichten, mit verschiedenen Hintergründen und Ausbildungen zusammenbrachten. Wir erkannten, dass es endlich genug Offenheit und Energie für etwas Gemeinsames gab. Aus diesem Momentum heraus entstand KAD, nachdem wir dieses Projekt schon seit gut 15 Jahren im Sinn gehabt hatten. Aber wir wollten es der Gemeinde nicht aufzwingen. Wir wollten, dass die Menschen in Kibera bereit waren, es selbst zu führen.

Wie hat das Projekt dann schließlich begonnen?

Ponte: Wir wollten zunächst eine Galerie in Kibera einrichten. Durch Covid-19 verzögerte sich alles, und die Finanzierung brach zusammen. Als wir 2022 wieder auf den Plan traten, bestanden die Gemeindevorsteher darauf, dass wir keine provisorische Blechkonstruktion bauten – sie wollten ein Gebäude, das dauerhaft Bestand hat. Das war ein großer Schritt und zugleich ein Risiko, da es das erste feste Gebäude in dieser Gegend war. Aber es zeigte auch, dass die Gemeinde an das Projekt glaubte.

Wie wichtig war die Gemeinde für das Funktionieren des Projekts?

Patrick Othieno: Sie war unverzichtbar, schließlich betreiben wir „gemeindebasierte Kunst“. Wir betrachten das als eigenständige Kunstform, genau wie „Malerei“ oder „Bildhauerei“. KAD sollte nie nur uns beiden gehören. Die Idee war immer, einen Keim zu säen, den die Gemeinde unter ihrer eigenen Regie pflegen und wachsen lassen würde. Deshalb hat das Projekt auch überlebt – und ist schneller gewachsen als erwartet. Die Gemeinde unterstützt Veranstaltungen, sorgt für Sicherheit, hilft bei Reinigung und Organisation und übernimmt Verantwortung für die Räumlichkeiten. KAD funktioniert, weil die Menschen vor Ort es als ihr Projekt betrachten.

Kibera wird oft über Armut und Klischees dargestellt. Wie gehen Sie damit um?

Ponte: Ich lebe hier seit fast 20 Jahren. Kibera ist ein komplexer Ort, und die Klischees treffen insofern zu, als dass Armut, Unsicherheit und Ausgrenzung hier wirklich existieren. Aber das ist eben nicht alles. Unser Ziel ist es nicht, Kibera auf irgendeine abstrakte Weise zu „reparieren“. Wir wollen die Realität in Kibera angehen – bei jedem Einzelnen – und zeigen, dass Veränderung möglich ist. 

Anfangs konzentrierten wir unsere Ateliers auf eine einzige, knapp einen Kilometer lange Straße. Früher gab es dort viel Kriminalität, viele Geschäftsräume standen leer und es gab kaum ein Gefühl von Sicherheit oder gar Stolz. Heute werden die meisten dieser Räumlichkeiten gewerblich genutzt; die Straße ist sauberer und wurde asphaltiert. Es war auch die erste Straße in Kibera, die solarbetriebene Straßenlaternen bekam. Ich bin sicher, dass es auch deshalb seit fast zwei Jahren keine einzige Polizeiaktion im KAD mehr gab. 

Die Kunst war das Mittel für diesen Wandel, aber es waren die Menschen, die ihn vorantrieben. Technisch gesehen sind wir keine gemeinnützige Organisation; wir verstehen uns als Bewegung. Und deshalb misst sich unser Erfolg nicht daran, dass es profitablere Geschäfte in der Gegend oder mehr Sicherheit gibt, sondern daran, dass die Menschen in Kibera selbstbewusster und stolzer sind, und an sich selbst und ihr Viertel glauben.

Othieno: Und das ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Kibera einer der Orte war, die am stärksten von der Gewalt nach den Wahlen von 2007 betroffen waren, die Kenia an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht hatten. Ich bin in Mathare geboren, einem weiteren großen Slum in Nairobi, und von dort nach Kibera gezogen. An vielen Orten wie Kibera und Mathare sind die Menschen immer noch davon traumatisiert, was vor 20 Jahren geschah. Das bedeutet aber auch, dass die heutigen Gemeindevorstehenden alles tun, um zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Zumindest hoffen wir das. Und genau das versuchten wir auch mit „House of Friends“ zu fördern.

Was ist „House of Friends“?

Othieno: KAD ist eigentlich aus dem „House of Friends“ hervorgegangen, das seinerseits nach den Ausschreitungen im Zuge der Wahlen 2007/2008 entstanden ist. Damals verloren viele Kinder ihre Eltern, und es gab etliche externe Gruppen, die versuchten zu helfen, ohne wirklich zu verstehen, wie Kibera funktioniert. Lokale Gemeindevorstände begannen, sie in das Haus zu schicken, in dem Jamey und teilweise auch ich lebten, da wir Erfahrungen mit Aktivismus und Menschenrechtsarbeit haben. Mit der Zeit begann die Gemeinde, unser Haus „House of Friends“ zu nennen. Mit der Zeit wurde „House of Friends“ zu einem sicheren Ort für Gemeindearbeit, Jugendförderung und Aktivismus. Er entstand organisch – aus lokalen Kontakten und jahrelanger Arbeit in Kibera.

Wie hat der Aktivismus Ihren Weg zur Kunst geprägt?

Ponte: Anfangs hatte unsere Arbeit einen viel direkteren politischen Fokus. Nach den gewalttätigen Ausschreitungen im Nachgang der Wahlen engagierte sich „House of Friends“ in Friedenskampagnen sowie für Menschenrechte und gute Regierungsführung. Kunst war dabei immer zentral, da Aktivismus Sprache, Bilder, Design und Performance als Medium zur Kommunikation braucht. Da ich selbst aus dem Grafikdesign und der Werbung komme, war mir das immer klar. Patrick fungiert eher als Manager für die kreativen Menschen, die er als Aktivist kennengelernt hat.

So rückte die Kunst für uns in den Mittelpunkt, und wir begannen, uns „Artivists“ zu nennen. Wir sahen darin eine Chance, Menschen zu erreichen, Dialog zu schaffen und Gemeinschaft aufzubauen, ohne dabei die soziale Gerechtigkeit aus dem Blick zu verlieren. Manchmal bezeichnen wir das hier zum Spaß als unseren Ruhestand, weil es ungefährlicher ist als manche der aktivistischen Aktionen, die wir früher gemacht haben.

Warum haben Sie sich für eine Biennale entschieden und warum gerade jetzt?

Ponte: Anfangs war die Idee einer Biennale eher ein Scherz. Als kenianische Kunstschaffende begannen, bei Veranstaltungen wie der Biennale in Venedig aufzutreten, sprachen wir davon, eine kleine „Kibera Arts Biennale“ zu veranstalten. Doch hinter dem Scherz verbarg sich ein ernstes Ziel: etwas aufzubauen, das nach und nach zu einer stadtweiten und nationalen Plattform werden könnte.

Letztlich haben wir uns direkt für eine „Nairobi Arts Biennale“ entschieden. Wir hatten den Eindruck, dass die Bewegung schneller wächst als erwartet und dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Wir reagieren damit auch auf eine Zeit tiefer globaler Unsicherheit. Ich habe das Gefühl, dass die Menschheit gerade den tiefsten Punkt erreicht hat, den ich in meinem Leben je erlebt habe. 

Die wirtschaftlichen Bedingungen verschieben sich. Kenia spürt diese Veränderungen stark, und Finanzierung ist deutlich unzuverlässiger geworden. Für uns ist das kein Grund zu warten. Im Gegenteil: Das schien genau der Moment für die Kunstszene zu sein, einen Schritt nach vorne zu machen, statt still zu stehen.

Ugandische Kunst, dargeboten auf einem internationalen Festival in Faridabad, Indien.

Othieno: Deshalb haben wir uns auch nicht davon aufhalten lassen, dass Mittel fehlen. Natürlich braucht ein Projekt wie dieses Geld – und wir glauben auch, dass Unterstützung kommen wird. Aber wir wollten die Biennale nicht allein um Fundraising herum aufbauen. Zu oft laufen Projekte – in Kenia und anderswo – dem Geld hinterher und verlieren dann ihren eigentlichen Zweck aus den Augen. Wir wollten, dass sich die Kunstszene zuerst damit identifiziert.

Was soll eine Biennale ermöglichen, das Einzelausstellungen oder Festivals nicht leisten können? 

Ponte: Eine Biennale schafft einen größeren Rahmen. Sie ist nicht nur eine Einzelveranstaltung, sondern eine Plattform, die Netzwerke stärken, Standards anheben und eine nachhaltige Dynamik in Gang setzen kann. Für uns ist sie auch eine Möglichkeit zu zeigen, dass die Kunstszene in Nairobi inzwischen auf einem anderen Niveau angekommen ist. Nairobi ist das stärkste Kunstzentrum in Ostafrika, aber im Vergleich zu anderen Großstädten auf dem Kontinent hat es noch Aufholbedarf. Mit der Biennale kann sich das ändern.

Welche Rolle spielt Artivismus bei der Biennale?

Othieno: Artivismus ist der Kern des Ganzen. Wir sehen Kunst als Möglichkeit, die eigene Stimme zu nutzen und über soziale Gerechtigkeit, Frieden, Ungleichheit und die Realitäten zu sprechen, mit denen Menschen in ihren Gemeinschaften konfrontiert sind. Die Biennale soll Kunstschaffenden einen Raum geben, ihre Stimme so zu nutzen.

Ponte: Das Motto „Unsere Kunst, unsere Zukunft, deine echte Erfahrung“ spiegelt diesen Gedanken wider. Es beginnt damit, dass Künstler*innen Verantwortung für ihre eigene Szene übernehmen. Die Frage ist, welche Zukunft sie gestalten wollen. Und es entführt das Publikum in eine Welt, die echt ist, statt aufpoliert oder prätentiös.

Wie wollen Sie die Biennale zugänglich machen?

Othieno: Das Grundprinzip ist, dass es keine allgemeinen Ticketbarrieren geben wird. Die meisten Veranstaltungsorte und Installationen sollen zumindest zeitweise kostenlos zugänglich sein. Einige Veranstaltungsorte, wie etwa Museen, erheben aber womöglich weiterhin ihre üblichen Eintrittsgebühren, und vielleicht gelten auch für bestimmte Sonderveranstaltungen eigene Preise.

Wir arbeiten auch an der praktischen Erreichbarkeit. Dazu gehören die Kartierung der Veranstaltungsorte, die Planung von Transportmöglichkeiten, da der Verkehr in Nairobi problematisch ist, sowie eventuell die Entwicklung einer App und der Aufbau von Partnerschaften, damit sich Besucher*innen besser zwischen den Standorten bewegen können. Bei Zugänglichkeit geht es nicht nur um Kosten, sondern auch um Sicherheit, Orientierung und das Gefühl, willkommen zu sein.

Wie verhindern Sie, dass die Biennale zu einer Art Armutstourismus wird oder zur Gentrifizierung bestimmter Stadtteile beiträgt?

Ponte: Für uns beginnt es damit, dass wir keine Außenstehenden sind, die die Gemeinschaft als Kulisse nutzen. Wir leben hier, arbeiten hier und haben hier Verantwortung. Das Projekt stützt sich auf langjährige Beziehungen.

Othieno: Wir sprechen mit der Gemeinde auch offen über diese Themen. Die Menschen verstehen, dass Besucher*innen mit begrenztem Wissen oder schwierigen Einstellungen kommen könnten. Die Antwort darauf ist, sie einzubeziehen und das Narrativ zu verändern. Das ist Teil der Arbeit. Wir sehen das so: Je stärker das Eigenverantwortungsgefühl der Gemeinde ist, desto weniger können andere sie von außen definieren.

Was wäre ein Erfolg für die Biennale?

Ponte: Gewissermaßen ist sie schon aufgrund der Dynamik, die sie losgetreten hat, ein Erfolg. Die eigentliche Errungenschaft besteht bislang darin, dass Kunstschaffende, Veranstaltungsorte, Hotels, Kurator*innen und Aktive aus der lokalen Gemeinde begonnen haben, sie als ihr eigenes Projekt zu betrachten.

Mit Blick auf die Zukunft bedeutet Erfolg eine breite Beteiligung quer durch den Mikrokosmos der Kunst und über soziale Gruppen hinweg. Das bedeutet, dass ostafrikanische Kunstschaffende teilnehmen, dass Publikum aus Nairobi kommt und dass sich die Veranstaltung wirklich offen für verschiedene Gemeinschaften anfühlt. Und selbst eine relativ geringe Zahl internationaler Besucher*innen, die eigens wegen der Biennale kommen, wäre von Bedeutung, denn jede große Plattform muss irgendwo anfangen.

Patrick Othieno ist ein Aktivist mit Schwerpunkt auf der Verwaltung und Organisation von Gemeinden und verfügt über fast 15 Jahre Erfahrung in Ostafrika in den Bereichen systemischer Wandel, soziale Gerechtigkeit, Umwelt und Naturschutz. Er ist Mitbegründer von „House of Friends Kenya“ (HOF) und des „Kibera Arts District“ (KAD). 
patothieno491@gmail.com      

Jamey Ponte ist ein „Artivist“ und Mitbegründer von „House of Friends Kenya“ (HOF) sowie des „Kibera Arts District“ (KAD). Mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung in Ostafrika hat Ponte Pionierarbeit beim Einsatz von Kunst als Instrument für systemischen Wandel, soziale Gerechtigkeit, den Umwelt- und Artenschutz geleistet. 
jamey@houseoffriendskenya.com 

Neueste Artikel

Beliebte Artikel