Traditionelles Brauen
Trinken und Brauen in einem der größten Flüchtlingslager Afrikas
Chang’aa, vor Ort auch unter Namen wie „Siko“ oder „Number 1“ bekannt, ist ein destilliertes alkoholisches Getränk, das typischerweise aus Mais, Hirse oder anderen Getreidesorten hergestellt wird. In Kenia war es viele Jahre lang illegal, bis die Regierung das traditionelle, selbstgebraute Getränk im Jahr 2010 legalisierte. Damit sollte gegen Unternehmen ohne Lizenz vorgegangen werden, die dem Gebräu giftige Chemikalien zusetzten, um es stärker zu machen. Da Chang’aa zu einem niedrigen Preis verkauft wird, ist es für Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln in Kakuma erschwinglicher als kommerziell hergestellte Spirituosen. Manche bezeichnen das Getränk aufgrund von Bedenken hinsichtlich seiner Stärke und möglicher Auswirkungen als „Kill me quick“.
Christin Nyadeng ist aus Südsudan geflohen und lebt seit mehr als zehn Jahren in Kakuma. Als Mutter von sieben Kindern ohne formale Schulbildung hat sie nur begrenzte Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Die illegale Herstellung von Chang’aa ist für sie zu einer der wenigen Möglichkeiten geworden, Geld zu verdienen, um ihre Familie zu ernähren. „Ich brenne Chang’aa, weil ich dadurch genug verdiene, um mich und meine Kinder zu ernähren – oder sogar ein wenig zu ihrer Ausbildung beizutragen“, sagt sie.
Doch ihr Einkommen ist nicht sicher. Bei willkürlichen Razzien durch die Ordnungskräfte besteht die Gefahr, dass ihre Brauwaren beschlagnahmt werden, wodurch Nyadeng manchmal das Geld verliert, auf das sie gehofft hatte. Zudem zahlt die Kundschaft nicht immer.
Joseph Lopir, der seit 13 Jahren in Kakuma lebt, ist sich der Herausforderungen, denen sich die Geflüchteten täglich gegenübersehen, sehr wohl bewusst. Er arbeitet als Kommunikationsbeauftragter für die „Solidarity Initiative for Refugees“ (SIR) und ist außerdem als freiberuflicher Filmemacher und Fotograf tätig.
Laut Lopir wenden sich einige Geflüchtete der Herstellung von Chang’aa zu, weil sie alternative Einkommensquellen benötigen. Das Geschäft erziele angeblich höhere Gewinne als weniger starke traditionelle lokale Getränke wie Busaa, ein dickflüssiges, breiartiges Bier aus Getreide, häufig Mais oder Hirse. Busaa wird in mehreren ostafrikanischen Ländern getrunken, darunter in Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo, Burundi und Uganda.
Lopir nennt Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und Stress als Faktoren, die sowohl zum Brauen als auch zum Alkoholkonsum im Lager beitragen. Junge Menschen stehen vor besonderen Herausforderungen, wenn sie nur begrenzten Zugang zu Arbeitsplätzen und kaum Möglichkeiten haben, sich eine nachhaltige Existenzgrundlage aufzubauen.
Ineffektive Polizeieinsätze
Es ist ein Teufelskreis: Für manche Geflüchtete steht der Alkoholkonsum in Zusammenhang mit dem Stress, den ihre schwierigen Lebensumstände verursachen. Andere beginnen mit dem Brauen, weil sie darin eine der wenigen Möglichkeiten sehen, Geld zu verdienen und diesen schwierigen Umständen zu entkommen – was wiederum den Alkoholkonsum ihrer verzweifelten Nachbar*innen weiter anheizt.
Das bedeutet nicht, dass jede*r arbeitslose Jugendliche in Kakuma Alkohol trinkt oder an der illegalen Herstellung von Alkohol beteiligt ist. Es ist jedoch wichtig, den breiteren wirtschaftlichen Kontext zu verstehen, in dem diese Praktiken stattfinden.
Wo legale Einkommensquellen rar sind, reicht es nicht aus, den Menschen einfach zu sagen, sie sollen ihre illegale Arbeit aufgeben – damit werden die Gründe, warum sie diese Tätigkeit überhaupt aufgenommen haben, nicht angegangen. Folglich bleibt die Durchsetzung der Vorschriften ein zentraler Teil des Problems. Laut Lopir setzen einige ihre Brau-Aktivitäten trotz Warnungen der Behörden und gelegentlicher Razzien immer wieder fort.
Dadurch entsteht ein sich wiederholender Kreislauf. Die Behörden gehen gegen illegale Brauereien vor; Produkte werden beschlagnahmt und entsorgt, doch die Hersteller*innen nehmen ihre Tätigkeit danach einfach wieder auf. Wenn Produkte vernichtet werden, tragen sie den unmittelbaren finanziellen Verlust. Die anhaltenden Auseinandersetzungen führen auf beiden Seiten zu Frustration.
Regulierung allein reicht nicht aus
Die anhaltenden Spannungen und Probleme zeigen, warum Maßnahmen nur begrenzte Wirkung entfalten können, wenn die zugrunde liegenden Probleme im Zusammenhang mit Existenzsicherheit ungelöst bleiben.
Jeder Vorschlag zur Regulierung der Herstellung oder des Verkaufs von Alkohol, einschließlich der Beschränkung des Verkaufs auf bestimmte Tage, muss im Hinblick auf das geltende kenianische Recht, Belange der öffentlichen Gesundheit sowie mögliche Auswirkungen auf die Gemeinden geprüft werden. Eine Regelung sollte nicht als Lösung betrachtet werden, ohne zuvor ihre Durchführbarkeit und die zu erwartenden Folgen zu bewerten.
Lopir schlägt einen umfassenderen Ansatz vor, der Regulierung, die Schaffung von Arbeitsplätzen und berufliche Bildung berücksichtigt. Anstatt lediglich darauf abzuzielen, das illegale Brauen auszumerzen, empfiehlt er, Wege zu finden, diese Praxis einzudämmen und gleichzeitig die Ursachen anzugehen, die sie aufrechterhalten.
Insbesondere für junge Geflüchtete reicht eine berufliche Ausbildung allein jedoch möglicherweise nicht aus. Lopir weist auf mangelnde Unterstützung nach der Ausbildung hin, was dazu führen kann, dass junge Menschen zwar neue Fähigkeiten erwerben, aber kaum praktische Möglichkeiten finden, diese anzuwenden.
Der Zugang zu Hilfsmitteln, Mentoring, Unterstützung bei der Unternehmensgründung und Kontakten zu potenziellen Arbeitgebern könnte dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Die Programme müssten zudem auf die Bedürfnisse der lokalen Wirtschaft eingehen, anstatt lediglich Schulungen anzubieten, die keinen klaren Weg zu einem Einkommen aufzeigen.
Für Haushalte, die bereits ihren Lebensunterhalt mit dem Brauen verdienen, könnte eine Einkommensunterstützung dazu beitragen, den Übergang in andere Berufe realistischer zu gestalten. Dazu wären Programme erforderlich, die sowohl den unmittelbaren finanziellen Bedarf decken als auch längerfristige wirtschaftliche Perspektiven schaffen.
Für Lopir ist Umsiedlung für manche Geflüchtete auch ein möglicher Weg zu besseren Zukunftsperspektiven. Dies ist jedoch keine sofortige oder allgemein verfügbare Lösung. Für die meisten Geflüchteten bleiben die Möglichkeiten, die sich ihnen unter ihren derzeitigen Lebensumständen bieten, weiterhin wichtig.
Alba Nakuwa ist freie Journalistin aus Südsudan. Sie lebt in Nairobi.
albanakwa@gmail.com