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Wolle

“Je feiner, desto besser”

von Sabyr Toigonbaev

Meinung

Kirgisische Kaschmirziegen im Winter.

Kirgisische Kaschmirziegen im Winter.

Kaschmirwolle aus Kirgistan wird weltweit gehandelt. Die Produzenten erzielen aber keinen fairen Preis damit. Um das zu ändern, muss unter den Kaschmir-Bauern das Bewusstsein für Qualität wachsen. Wichtig ist, die Kaschmirziegen richtig zu züchten, auszukämmen und zu ernähren. Sabyr Toigonbaev, der Tierhalter berät, bewertet Kirgistans Bedeutung in internationalen Wertschöpfungsketten im Interview mit Eva-Maria Verfürth.

Sie arbeiten bereits seit vielen Jahren mit Bauern, die Kaschmirziegen züchten. Weshalb entscheiden diese sich für Ziegenhaltung?
Wir haben in unseren Forschungen herausgefunden, dass die Bauern sich Ziegen vor allem deshalb halten, weil sie billig sind, sich schnell vermehren und weder viel noch besonderes Futter brauchen. Sie bieten zudem eine gute Einnahmequelle: Man kann sie jederzeit leicht verkaufen oder tauschen, und auch der Verkauf von Kaschmirwolle bringt zusätzliches Einkommen. Mit fünf Ziegen kann ein Bauer ein Kilogramm Kaschmir im Jahr produzieren. Das bringt ihm rund 40 Dollar, was für einen armen Bauern hier sehr viel Geld ist. Deshalb raten wir ihnen seit Jahren, ihre Ziegen auszukämmen und die Wolle zu verkaufen. Wir erklären ihnen, wie sie es richtig machen und wie sie die Wolle aufbewahren müssen.

Welche Rolle spielt Kirgistan als Kaschmirproduzent auf dem Weltmarkt?
Mit 200 bis 250 Tonnen Kaschmir im Jahr ist Kirgistan ein verhältnismäßig kleiner Anbieter. Die Qualität der Wolle ist sehr unterschiedlich, was natürlich auch die Preise beeinflusst. Eine Nachfrage ist aber für alle Qualitätsstufen vorhanden, meist aus China, der EU oder den USA. Andere Länder produzieren vielleicht mehr, aber immerhin können wir alles, was wir produzieren, auch verkaufen. Allein aus Umweltschutzgründen wäre es nicht gut, die Kaschmir-Produktion hier stark auszuweiten. Wir sollten eher darauf setzen, die Qualität zu verbessern und höhere Preise zu erzielen.

Experten meinen, dass die Kaschmirwolle aus Kirgistan zwar gut ist, aber besser sein könnte. Wieso?
Internationale Labore haben bestätigt, dass unsere Kaschmirwolle genauso gut ist wie die aus China oder der Mongolei. Die Ziegen haben sich an unser kaltes Klima angepasst. Um die Tiere vor der Winterkälte schützen zu können, muss das Fell sehr feine Haare haben – das ist bei uns genauso wie anderswo. China und die Mongolei sind uns aber in der Zuchtauswahl weit voraus. Doch wir holen auf. Wir wissen nun, welche Ziegenart am vielversprechendsten ist. Schon aus geschichtlichen Gründen liegen wir aber noch hinter unseren Konkurrenten zurück. Als Kirgistan noch zur Sowjetunion gehörte, galten unsere Ziegen als weniger produktiv als diejenigen aus der Don-Region, da diese mehr Haare haben. Zwar ist deren Wolle von viel schlechterer Qualität, aber damals wurde darauf kaum geachtet. Daher wurde die Kaschmirproduktion bei uns in dieser Zeit vernachlässigt.

Wo wird die Wolle verarbeitet und Kleidung hergestellt?
Hier in Kirgistan haben wir dafür weder die Expertise noch die nötige Ausstattung. Unsere Bergbauern können nur auskämmen und die Wolle sortieren. Bisher haben wir noch keinen Investor gefunden, der eine Fabrik zur Kaschmir-Verarbeitung aufbauen würde. Auch andere ehemalige Länder der Sowjetunion haben keine großen industriellen Spinnereien. Faden und Garn wird bisher meist in China und Europa hergestellt.

Kaschmirproduktion ist noch relativ neu in Kirgistan. Wie fing alles an?
In der Sowjet-Ära haben sich die verschiedenen Regionen auf einzelne Produkte spezialisiert. Einige produzierten Rohstoffe, andere übernahmen die Fertigung. Kirgistan sollte nie ein Zentrum der Kaschmirproduktion werden. Die kleinen Mengen, die hier produziert wurden, gingen zur Verarbeitung nach Russland. Als die Sowjetunion zusammenbrach, wurde diese Lieferkette unterbrochen. Dafür kamen Investoren aus dem Ausland hierher, und chinesische, europäische und türkische Firmen begannen, sich für unser Kaschmir zu interessieren.

Welche Arbeiten fallen bei einem Bauern an, der Kaschmirziegen hält?
Kaschmirziegen müssen im April und Mai ausgekämmt werden. Dann werden sie zusammen mit anderen Tieren zum Weiden in die Berge getrieben. Einige Bauern zahlen dafür Hirten, andere passen selber auf die Herde auf. Im Tiefland bauen die Bauern Gras an, das im Winter als Futter dient. So machen sie das schon seit Generationen. Im Herbst weiden die Ziegen oft in der Nähe der Dörfer, im Winter werden sie im Stall gehalten. Im Frühjahr bekommen sie Nachwuchs. Zur Zeit der Sowjetunion gab es große Genossenschaftshöfe und staatliche Betriebe. Heute sind die Bauern auf sich allein gestellt. Es gibt aber einige Kooperativen und Bauernvereinigungen.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Ziegenzucht?
Die Folgen des Klimawandels sind beunruhigend. Es gibt zu viel Schnee, die Winter werden länger und dafür haben wir weniger Regen im Frühjahr. Außerdem sind Tierkrankheiten ein Problem sowie instabile Preise. Die Käufer aus dem Ausland können uns den Preis im Grunde einfach diktieren.

Kaschmirkleidung ist relativ teuer. Wie kann es da sein, dass die Ziegenzüchter keinen guten Preis dafür bekommen?
Sie freuen sich, dass sie wenigstens etwas verdienen können. Aber es stimmt natürlich: Für die harte Arbeit, die sie leisten, und die Widrigkeiten, denen sie dabei ausgesetzt sind, bekommen sie keinen fairen Lohn. Ein Teil des Problems ist, dass die meisten nicht genug über Qualitätsunterschiede wissen, und einfach all ihre Wolle zum selben Preis verkaufen. Viele der Bauern wissen zwar, für welche Produkte Kaschmir genutzt wird; aber sie wissen nicht, wie viel verarbeitete Wolle Wert ist. Sie verkaufen daher meist zu dem Preis, den die Abnehmer ihnen von sich aus anbieten.

Was müsste getan werden, damit sich das ändert?
Die Qualität unserer Wolle muss besser werden und das Bewusstsein dafür steigen. Die Regierung und internationale Organisationen leisten hier gute Arbeit. Sie informieren über richtiges Auskämmen, Zuchtauswahl und Fütterung. Außerdem sollten die Produzenten die Zwischenhändler umgehen und direkt mit den großen internationalen Firmen Geschäfte machen. Davon würden beide Seiten profitieren, denn die Bauern würden bessere Qualität liefern, wenn sie damit einen höheren Preis erzielen könnten. Ein erster Schritt könnte außerdem sein, den Bauern Zugang zu Finanzdienstleistungen und finanzielle Unterstützung anzubieten, denn viele von ihnen haben Schulden bei den Zwischenhändlern.

In einem Artikel schreiben Sie, dass die Produktion von hochqualitativem Kaschmir in Kirgistan gefährdet ist, da die Züchter verschiedene Ziegenarten kreuzen. Was hat es damit auf sich?
Sie versuchen dadurch schwerere Wolle zu erhalten, also mehr Gewicht zu bekommen. Statt auf Qualität zu achten, gehen sie davon aus, dass sie nach Kilos bezahlt werden. Dabei zählt Gewicht überhaupt nicht. Je feiner und dünner die Wolle ist, umso besser. Auf dem Weltmarkt ist es rentabler, 150 bis 250 Gramm hochwertige Wolle zu verkaufen als 400 bis 600 Gramm in geringer Qualität. Da aber viele Bauern hier all ihre Wolle zum selben Preis verkaufen, versuchen sie natürlich, möglichst viel davon zu produzieren. Das sind die falschen Anreize. Qualität muss sich auszahlen. Der Markt muss diversifizierter und effektiver werden.

Sollte Kirgistan seine Kaschmirproduktion ausweiten?
Kirgistan wird nie eine große Kaschmirnation werden, aber es kann eine Nische auf dem Weltmarkt besetzen. Das wäre zum Beispiel durch Bio- oder Fairtrade-Zertifizierung möglich. Außerdem brauchen wir langfristige Verträge mit großen Unternehmen. Die Regierung, internationale Geber und private Investoren können viel verändern, wenn sie über die Vorteile von Qualität und guten Zuchtmethoden informieren.

Was tun internationale Organisationen wie die HELVETAS Swiss Intercooperation bereits, um die Bauern in Kirgistan zu unterstützen?
Einige internationale Organisationen unterstützen die Bauern und die Zwischenhändler. Ohne ihre Hilfe würde das Geschäft nicht wirklich in Gang kommen. Eines davon ist das “BAI-ALAI” -Programm der HELVETAS Swiss Intercooperation. Es wird von der Schweizer Regierung finanziert und lief 2014 an. Mit dem Programm soll in so entlegenen Gegenden wie Alai und Chon Alai die Armut gemindert werden, indem es Einkommen und Arbeitsplätze besonders für Frauen und Jugendliche schafft. Die Entwicklung des Kaschmir-Sektors unterstützt die HELVETAS, indem sie

  • internationale Labortests durchführen lässt, die die Qualität der kirgisischen Wolle beurteilen und zertifizieren;
  • tierärztliche Unterstützung bietet, inklusive Beratung zur Krankheitsvorsorge;
  • den Dialog zwischen den Bauern und den verarbeitenden Betrieben fördert;
  • die Tierhalter über richtiges Auskämmen und Sortieren der Wolle informiert;
  • sie zu Zuchtmethoden berät;
  • während der Auskämmsaison Woll-Sammelstellen in den Dörfern organisiert;
  • Woll-Einsammler rekrutiert und sie in Qualität und Preissetzung schult,
  • Kontakt zu ausländischen Einkäufern aufnimmt, um sie mit den Genossenschaften und Bauernvereinigungen zusammenzubringen; und
  • das Potenzials von Zertifizierungen prüft (Bio & Fair Trade).

Dank HELVETAS sind wir im Moment im Gespräch mit einem Investor, der Kaschmirwolle in Kirgistan verarbeiten möchte. Ich hoffe, dass die Verhandlungen erfolgreich sein werden.

 

Sabyr Toigonbaev ist Livestock Business Facilitator für das Programm “Small Business and Income Creation” der HELVETAS Swiss Intercooperation in Kirgistan, das von der Schweizer Regierung finanziert wird.
[email protected]

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