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Menschenrechte

„Wir fordern keine Sanktionen“

von Rowland Jide Macaulay, Friederike Wyrwich

Meinung

South Africa is an exception: participants in Johannesburg’s gay-pride parade in October last year

South Africa is an exception: participants in Johannesburg’s gay-pride parade in October last year

Metropolitan Community Churches (MCC) sind Kirchen für homo­sexulle Christen. Pastor Rowland Jide Macaulay gründete 2006 im nigerianischen Lagos die MCC House of Rainbow. Kurz darauf verbat ein neues Gesetz Homoehen. Wegen Morddrohungen verließ Macaulay Nigeria 2008. Heute arbeitet er von London aus. Von Rowland Jide Macaulay

Warum haben Sie House of Rainbow in Nigeria gegründet?
Viele Kirchen in Nigeria heißen Schwule und Lesben nicht willkommen. Homosexualität wird mit den Worten „Schande“ und „Sünde“ beschrieben. Wir selbst aber sehen uns nicht so, sondern als Kinder des lebendigen Gottes. Wir bezeichnen uns als GAY, das steht für: God Accepts You (Gott akzeptiert Dich), Gott Adores You (Gott liebt Dich) und God Accompanies You (Gott begleitet Dich). Leider lassen sich christliche oder andere Religionsgemeinschaften nicht auf unsere Bedürfnisse ein. Sie versuchen nicht mal zu verstehen, wie es Menschen geht, die Leute des gleichen Geschlechts lieben. Alle haben Angst vor dem Thema.

Wie leben Homosexuelle in Nigeria?
Es ist sehr schwierig, offen mit seiner Homosexualität umzugehen. Die größten Ängste betreffen die Reaktionen von Gesellschaft und Familie. Solche Ängste beeinträchtigen die geistige Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden erheblich. Nigeria ist kein Sozialstaat, der alle Bürger absichert. Die Menschen hängen völlig von ihrer Familie ab. Wenn ich – noch im Alter von 40 Jahren – ganz auf meine Familie angewiesen wäre, könnte ich mich nicht als schwul outen. Die Angst und der Zwang, sich ständig zu verstecken, macht eine gesunde Beziehung zwischen zwei Liebenden äußerst schwierig. Letztlich führt Unterdrückung zu destruktivem und gefährlichem Verhalten – mit der Folge psychischer und gesundheitlicher Probleme einschließlich sexuell übertragbarer Krankheiten. Die ökonomische Dimension ist wichtig. Wer in Nigeria seine Homosexualität offen leben will, muss zuerst wirtschaftlich unabhängig werden. Auf Sozialleistungen kann sich niemand stützen. Du musst beruflich selbständig sein, bevor du ein Coming-Out wagen kannst, denn Arbeitgeber würden homosexuelle Mitarbeiter höchstwahrscheinlich feuern.

Was passiert, wenn Menschen auf der Straße als schwul oder lesbisch zu erkennen sind?
Ich kenne einen besonders deprimierenden Fall. Es handelt sich um eine Mann-zu-Frau Transsexuelle, ein Mitglied unserer Gemeinde. Sie wurde viele, viele Male angegriffen und schlimm verprügelt. Aber nur ein Bruchteil der Schwulen weltweit zeigt sich nach außen feminin. Das ist auch in Nigeria nicht anders. Auf dem Weg zu unserer Kirche wurden immer wieder Gemeindemitglieder angepöbelt und einige auch verprügelt. Viele brauchten danach psychologische Beratung. Ich selbst wurde auf nigerianischen Straßen angegriffen und misshandelt. Oft wurde mein Eigentum beschädigt. Leider sind weder Polizei noch das Gesetz auf unserer Seite. Die Leute leben jeden Tag in Angst.

Was sagt das nigerianische Recht zu Homosexualität?
Es kriminalisiert gleichgeschlechtliche Beziehungen. Das ist ein Erbe der britischen Kolonialzeit. Kapitel 21, Artikel 214 und 217 unseres Strafgesetzbuchs verbieten gleichgeschlechtliche Beziehungen. Die Strafe kann sich bis auf 14 Jahre Gefängnis belaufen. In Nordnigeria ist die Lage noch schlimmer. Dort wurde das islamische Recht der Scharia eingeführt, wonach sogar ein Todesurteil möglich ist. Nigeria ist wirklich ein gefährlicher Ort für Homosexuelle.

Wie arbeitet Ihre Kirche in solch einer feindlichen Umgebung?
Erst haben wir uns in einem Hotelsaal getroffen, später ein Zimmer in meiner Wohnung genutzt. Bei der ersten Sitzung waren wir 32 Leute. Die Anzahl überraschte uns, aber schon bald kamen mehr als 100 Menschen zu den regelmäßigen Treffen. 2006 haben wir einige größere Veranstaltungen mit mehr als 400 Leuten organisiert. Da es aber gefährlich ist, mit House of Rainbow in Verbindung gebracht zu werden, verdoppelte das Hotel die Saalmiete. Wir mussten in mein Zuhause umziehen. Daraufhin ging auch die Teilnehmerzahl auf circa 20 zurück, stieg dann aber wieder auf etwa 50. Ich lebe in einer Wohngegend, das Hotel liegt in einem Geschäftsviertel.

Wer kommt in Ihre Kirche?
Es sind hauptsächlich junge Männer, von Jugendlichen bis zu Mittdreißigern, einem Alter, in dem nigerianische Männer eigentlich verheiratet sein sollten. Ist ein schwuler Nigerianer erstmal mit einer Frau verheiratet, wird er sich höchstwahrscheinlich von der Schwulenszene und allem fernhalten, wodurch man ihn verdächtigen könnte, mit anderen Männern zu schlafen.

Gelingt es denn einigen, eine gleich­geschlechtliche Beziehung zu leben?
Das ist sehr schwierig. Viele sind noch sehr jung. Es gibt Beziehungen, aber sie sind nicht öffentlich. Außerhalb der Homosexuellenszene weiß niemand davon. Für nigerianische Lesben ist die Lage noch schwieriger, weil sie noch jünger heiraten müssen. Männer können ihre Hochzeit herauszögern und Entschuldigungen vor ihren Familien finden. Frauen haben diese Option fast nie.

Ist House of Rainbow noch aktiv?
Ja, wir existieren noch. Seit ich Nigeria verließ, haben wir eine interaktive Website aufgebaut und wir nutzen Youtube. Leute können meine Botschaften online verfolgen. Wir haben viele kleine Gruppen im ganzen Land. Tatsächlich ist die Zahl unserer Gemeindemitglieder gestiegen. Künftig wollen wir lokale Führungskräfte heranziehen, die kleine Gruppen von bis zu zehn Personen leiten. Die Gruppen sind absichtlich klein, damit sie keinen Verdacht erregen.

Ist es dasselbe, in Nigeria oder im Westen schwul oder lesbisch zu sein?
Die individuelle Erfahrung, homosexuell zu sein, unterscheidet sich nicht, aber das soziale Umfeld ist anders. In Afrika geht es brutaler zu. Überraschenderweise gibt es aber auch in Nigeria Fälle von Schwulen oder Lesben, die sich vor ihren Familien geoutet haben, ohne Probleme zu bekommen. Aber das ist seltener als beispielsweise in England oder Frankreich. Das Coming-Out in der Gesellschaft und gerade der Nachbarschaft ist in Nigeria schwieriger. Ihr Außenminister Guido Westerwelle lebt sein Schwulsein ganz offen, ebenso wie andere Führungskräfte im Westen. Das macht verunsicherten jungen Homosexuellen Mut. Obendrein haben viele westliche Länder heute Anti-Diskriminierungsgesetze. Das gibt es in Afrika nur in Südafrika.

Ist die internationale Schwulen- und Lesbenbewegung ein Vorbild?
Für Afrika nicht, denn wir gehen die Dinge hier auf eine ganz andere Art und Weise an. Unsere Kultur ist einfach anders. Wir sagen unseren europäischen Freunden immer: Unterstützt uns, aber geht mit uns die kleinen Schritte. Erkennt unsere Sorgen an. Besprecht euch mit uns, bevor ihr in unserem Namen handelt.

Westliche NGOs und Regierungen machen Druck auf afrikanische wegen Schwulendiskriminierung.
Ja, aber sie müssen sicherstellen, dass ihre Einmischung nicht kontraproduktiv wirkt. Das ist aber oft der Fall. Als das erste nigerianische Gesetz zum Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe 2006 ins Parlament kam, demonstrierten die Leute im Westen dagegen, ohne sich mit uns Nigerianern abzusprechen. Der Rückschlag im Land war immens und schmerzhaft. Besser gehandhabt wurden die Krisen in Uganda, wo ein Gesetz zur Todesstrafe für Homosexuelle im Parlament diskutiert wurde, und Malawi, wo zwei Homosexuelle hingerichtet werden sollten. In beiden Fällen arbeitete man enger mit den Menschen zusammen, die in diesen Ländern leben und betroffen sind. Erfolg hängt davon ab, sich gegenseitig zuzuhören und Erfahrungen auszutauschen.

Aber engagieren sich die Afrikaner auch selbst?
Wir müssen unseren Spitzenpolitikern zeigen, dass es in Afrika Schwule und Lesben gibt. 2009 begann ich am UN-Menschenrechtsrat teilzunehmen. Ich wurde eingeladen, Afrika als Afrikaner zu vertreten. Wenn jemand mit einem weißen europäischen Hintergrund für Afrikaner spricht, verstärkt das nur das Klischee, Homosexualität sei irgendwie Ausdruck westlicher „Dekadenz“. Aufzustehen und zu sagen „Ich bin schwul und komme aus Nigeria“ ist ein Signal, das afrikanischen Regierungsvertretern zeigt, dass es Homosexuelle in Afrika gibt und dass einige auch ihre Meinung äußern. Wir können das Thema nur aus Afrika heraus in Angriff nehmen – was aber nicht bedeutet, dass wir die Unterstützung unserer Brüder und Schwestern im Westen nicht schätzen würden.

Wie sehen Sie deren Aufgabe?
Westliche Menschenrechtler und Regierungen können uns mit Lobby- und Advocacyarbeit helfen. Afrikas Regierungen müssen verstehen, dass auch Homosexuelle Menschenrechte haben – etwa das Recht auf Selbstdarstellung und freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wir fordern keine Sanktionen. Wir wollen unsere Regierungen in einem diplomatischen Prozess überzeugen.

Die Fragen stellte Friederike Wyrwich. Das Interview fand nach einer Veranstaltung im Auswärtigen Amt in Berlin im Herbst statt.