D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Flucht

Bildungsnotstand bei Flüchtlingskindern

von Mona Naggar

Hintergrund

Musikunterricht für syrische Flüchtlingskinder in einer von UNICEF betriebenen Schule im Libanon.

Musikunterricht für syrische Flüchtlingskinder in einer von UNICEF betriebenen Schule im Libanon.

Bürgerkriege verursachen viele Schäden über Tod und Vertreibung hinaus. Unterbrochene Schulbildung bei Flüchtlingskindern ist solch ein langfristiger Schaden. Von Mona Naggar

Shaima ist überglücklich: Die Neunjährige kann endlich wieder in die Schule gehen. In Syrien, vor ihrer Flucht, besuchte das Mädchen mit dem langen braunen Pferdeschwanz die zweite Klasse. Im Flüchtlingslager im Libanon, wo sie nun mit ihren Eltern lebt, konnte sie über ein Jahr lang überhaupt nicht lernen, da es dort keine Schule gab. Im Sommer 2013 war es dann endlich wieder so weit. Die Nichtregierungsorganisation Beyond eröffnete im Auftrag von UNICEF eine Schule auf dem Camp.

Die Konstruktion besteht aus vier Klassenzimmern, genauso einfach gebaut wie die Unterkünfte der Menschen im Lager, nämlich simple Holzgerüste, bedeckt mit blauen Plastikplanen. In jeder Klasse sitzen ungefähr 25 Kinder. Die Klassen sind nicht nach Stufen eingeteilt, sondern nach Alter; Shaima geht in die Klasse 9 –11.

Der Lehrplan, von Beyond und UNICEF gemeinsam entwickelt, ist eine Mischung aus dem libanesischen und dem syrischen Lehrplan, erklärt Direktor Khalif Al-Mislat. Er sei auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten, die – ähnlich wie Shaima – eine Zeitlang nicht in die Schule gehen konnten. Die Kinder werden in Arabisch, Englisch, Biologie, Mathematik und So­zialkunde unterrichtet. Ziel ist, dass die Schüler im Falle der Rückkehr in ihre ­Heimat wieder Anschluss an das dortige Schulsystem finden oder auch von einer staatlichen libanesischen Schule aufgenommen werden können.

Ahmad Al-Hammoud ist Englisch- und Musiklehrer. Die Aufgabe der Schule sei es, sagt er, den Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch einen Raum zu bieten, wo sie spielen und sich entfalten können. Das Leben der Familien im Lager sei von Enge, Stress, Trauer um den Verlust von Verwandten im Krieg und finanziellen Sorgen geprägt. In der Schule könnten die Kinder einige Stunden am Tag der belastenden Atmosphäre zu Hause entfliehen.


Überforderung des Staats

Der Krieg in Syrien hat Millionen von Menschen in die Flucht getrieben. Viele suchen Schutz in den Nachbarländern – in Jordanien, Irak, Türkei und Libanon. In den letzten drei Jahren hat der Li­banon mindestens eine Million Syrer ­aufgenommen. Wahrscheinlich sind es mehr, da nicht alle Flüchtlinge sich beim UNHCR registrieren lassen.

Der Zedernstaat trägt die Hauptlast der Syrienflüchtlinge: Jeder vierte Bewohner dieses Landes kommt heute aus dem Nachbarland. Die Kapazitäten des chronisch po­litisch instabilen Libanon sind schon lange erschöpft. Die Belastung für den Arbeitsmarkt, für die Wasser- und Elektrizitätsversorgung sind kaum zu bewältigen.

Anders als in Jordanien oder in der Türkei leben die Flüchtlinge im Libanon nicht in Lagern, die vom UNHCR oder von den Regierungen errichtet wurden, sondern die Vertriebenen sind übers ganze Land verteilt. Sie mieten Wohnungen, kommen in Garagen unter oder bauen sich Hütten, wie im Camp, wo Shaima lebt. Dana Sleiman von UNHCR in Beirut erklärt, dass die Hälfte der syrischen Flüchtlinge im Libanon Kinder seien: „300 000 sind im Alter zwischen 5 und 17 Jahren, und sie benö­tigen eine Schulbildung.“ Diese große Herausforderung kann der Libanon allein nicht bewältigen.

Die Schulen, die Beyond im Auftrag von UNICEF im Libanon aufgebaut hat, sind ein Beispiel für informelle Bildung für syrische Flüchtlingskinder. Maria Assi von Beyond schätzt, dass es 460 Camps im Bekaa-Tal und im Norden des Libanon gibt. In diesen beiden ländlichen Gebieten unweit der syrischen Grenze haben sich die meisten Flüchtlinge niedergelassen. Nur ein Bruchteil der Kinder, die dort leben, haben die Gelegenheit, eine Schule zu besuchen, sagt Assi: „Wenn UNICEF mehr Geld zur Verfügung hätte, könnte es mehr schulische Angebote geben.“

Auch Organisationen von Exilsyrern versuchen, ihren jungen Landsleuten Zugang zu Bildung zu verschaffen. Ein Beispiel ist Alphabet, eine Initiative, die von Ranim Sheikh Ibrahim gegründet wurde. Die Apothekerin aus Damaskus sammelt Spenden unter ihren Freunden und Bekannten. In sechs Flüchtlingslagern konnte Sheikh Ibrahim damit kleine Schulen aufmachen. Syrische Lehrer aus den Camps übernehmen den Unterricht.

Dina Yaziji Haddad geht mit ihrer kürzlich gegründeten Organisation Allemni (Allemni ist arabisch und heißt auf Deutsch „lehre mich“) gezielt gegen Kinderarbeit bei Syrern im Libanon vor. Allemni bietet Eltern eine finanzielle Unterstützung an. Im Gegenzug verpflichten sie sich, ihre Kinder statt zur Arbeit in die Schule zu schicken. Yaziji Haddad, die seit vielen Jahren in Kanada lebt, kooperiert mit im Libanon ansässigen syrischen Organisationen, die vor Ort Eltern und Kind begleiten. Kevin Watkins, Direktor des Londoner Overseas Development Institute, hat im Auftrag des UN-Sondergesandten für Bildung den Libanon bereist und einen Bericht über die Bildungssituation der syrischen Flüchtlingskinder verfasst.

Der Experte weist darauf hin, dass die Weltgemeinschaft zu wenig für die Bildung dieser Kinder tut und die libanesische Regierung nicht genug unterstützt. Watkins bewertet die Lage so: „Wenn syrische Flüchtlingskinder die Kinder eines Landes wären, hätte dieses Land weltweit die niedrigste Einschulungsrate.“

Das UNHCR weist in ihrer Ende November 2013 erschienenen Studie darauf hin, dass 80 Prozent der syrischen Kinder im Libanon nicht in die Schule gehen. Die Gründe dafür sind vielfältig: weite Anfahrtswege, Unterschiede zwischen syrischem und libanesischem Lehrplan, finanzielle Not der Familien und die Verbreitung von Kinderarbeit sowie Mobbing an den libanesischen staatlichen Schulen. Aber der Hauptgrund ist, dass es schlicht zu wenig Bildungsangebote für syrische Kinder gibt.


Verschiedene ­Initiativen

Das libanesische Erziehungsministerium öffnete im Jahr 2012 die staatlichen Schulen auch für syrische Kinder. 40 000 Kinder konnten so kostenlos eine reguläre Schule besuchen. Aber damit waren die Kapazitäten erschöpft. Das Bildungs­ministerium konnte die anfallenden Kosten für noch mehr syrische Schüler nicht tragen.

In diesem Jahr wurde nun mit einer ­Finanzierung von UNHCR eine zweite Schicht an einigen staatlichen Schulen eingeführt. Das war ein Vorschlag von ­Kevin Watkins. 30 000 Kinder konnten somit zusätzlich aufgenommen werden.

Ein Beispiel für die Initiative der libanesischen Regierung ist die Schule Hosh Al-Umara in Zahlé, einer mittelgroßen Stadt in der Bekaa, im Osten des Libanon. Im regulären Vormittagsunterricht sind bereits mehr als die Hälfte der Schüler Syrer. Seit Januar bietet die Schule für syrische Kinder die Möglichkeit, am Nachmittag die Schulbank zu drücken. Der Unterricht nach libanesischem Curriculum geht von 14 bis 18 Uhr. 365 Kinder und Jugendliche gehen in die Klassen 1 bis 9.

Die Nachfrage ist so groß, dass der Bedarf nach einer weiteren Schule in Zahlé besteht, sagt Direktorin Jhonny Abu Touma. „Unsere Schule ist die größte in der Gegend, aber noch mehr Kinder können wir auf keinen Fall aufnehmen.“ Die Schüler kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, erzählt Abu Touma: „Einige sind sehr arm. Neulich habe ich ein Kind gesehen, das keine Strümpfe anhatte und viel zu große Schuhe trug. Ein anderes Kind wird von seinem Vater in einem Mercedes vorgefahren. Einige bringen Croissants in die Schule mit. Andere können sich noch nicht mal ein Pausenbrot leisten.“

Durch die fluchtbedingte Schulunterbrechung haben viele Schüler große Wissenslücken. Die Direktorin erzählt, dass einige jüngere Kinder die Buchstaben wieder vergessen haben, die sie in Syrien bereits gelernt hatten. Informelle Bildungsangebote können dabei helfen, diese Lücken zu schließen und eine Wissensgrundlage aufzubauen, sagt die erfahrene Pädagogin.

Kevin Watkins kritisiert, dass die Weltgemeinschaft zu lange den Aufenthalt der Syrer im Libanon als ein kurzfristiges „Flüchtlingsproblem“ betrachtet habe. Er fordert einen internationalen Drei-Jahres-Plan für Bildung, der den Ausbau aller ­Bildungsoptionen finanziert – Unterricht an regulären staatlichen Schulen, informellen Unterricht, Erschließung neuer Gebäude und Lehrkräfte, und auch syrische Lehrer, die sich im Libanon aufhalten, sollen verstärkt rekrutiert werden.

Das UNHCR hat für das Jahr 2014 den Finanzierungsbedarf für die Schulbildung syrischer Kinder im Libanon mit 53,4 Million Dollar beziffert. Knapp 30 Prozent dieser Summe hat das Flüchtlingswerk bis jetzt bekommen. Die Mehrheit der syrischen Kinder im Libanon wird auch dieses Jahr keine Gelegenheit haben, eine Schule zu besuchen. Für Shaima und ihre Mitschüler ist der Unterricht für dieses Schuljahr sicher. Ob es im nächsten Jahr weitergeht, ist noch offen.

 

Mona Naggar ist Journalistin und Journalismustrainerin. Sie lebt in Beirut. [email protected]