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Ernährungssicherheit

Zum (guten) Leben zu wenig

von Sabine Balk

In Kürze

In Grundnahrungsmitteln wie Reis sind wichtige ­Mikronährstoffe nicht enthalten: Frau in Westbengalen.

In Grundnahrungsmitteln wie Reis sind wichtige ­Mikronährstoffe nicht enthalten: Frau in Westbengalen.

Noch immer werden schätzungsweise über 800 Millionen Menschen weltweit nicht täglich satt. Hinzu kommt ein anderes Riesenproblem: Mangel­ernährung. Diese bedeutet nicht unbedingt fehlende Kalorien, sondern eine Ernährung mit zu wenig Vitaminen und Nährstoffen.

Wer nicht täglich die minimal benötigte Kalorienzahl aufnimmt, kann kein gesundes und produktives Leben führen, betont Klaus von Grebmer, emeritierter Wissenschaftler des International Food Policy Research Institute (IFPRI). Weniger sichtbar, aber ebenso verheerend sei die Mangelernährung. Sie kann zu körperlichen und geistigen Entwicklungsstörungen, geringer Produktivität und sogar zum Tod führen.

Schätzungen zufolge sind 2,5 Milliarden Menschen weltweit nicht mit genug Vitaminen versorgt. Deshalb haben mindestens zehn Prozent der unter Fünfjährigen Untergewicht und 30 Prozent sind zu klein für ihr Alter. Von Grebmers Meinung nach kann der versteckte Hunger nur beseitigt werden, wenn die Bevölkerung aufgeklärt wird: Warum gibt es Mangelernährung; welche Strategien und Maßnahmen können zur Lösung führen? Antworten auf diese Fragen suchten im März die Teilnehmer eines mehrtägigen internationalen Kongresses der Universität Hohenheim in Stuttgart.

Rehana Salam von der Aga Khan University in Karachi untersuchte, ob der Mangelernährung durch Beigabe von Vitaminpulver – so genannten Micronutrient Powders (MNPs) – ins heimische Essen entgegengewirkt werden kann. Die Ergebnisse aus verschiedenen Ländern waren durchmischt. Laut Salam gab es weniger Blutarmut und verbesserte Hämoglobinwerte bei Frauen und Kindern. Die MNPs hatten aber keinen Einfluss auf Gewicht, Größe und Entwicklung der Kinder. Eine Beigabe von MNPs sei also im Vorfeld genau zu bedenken, schlussfolgert sie.

Hilary Creed-Kanashiro vom Instituto de Investigación Nutricional in Lima berichtet, dass Vitaminmangel ein großes Problem in Peru ist. Die Hälfe der Kinder zwischen sechs und 36 Monaten leiden an Blutarmut. Die Regierung versucht, der Bevölkerung nährstoffreiche Nahrung, besonders tierische Lebensmittel, und die Beigabe von Vitaminpulver und Eisen schmackhaft zu machen. Dennoch haben sich die Zahlen der von Blutarmut Betroffenen kaum geändert. Creed-Kanashiro hält die Änderung der Nahrungsgewohnheiten der Peruaner dabei für einen entscheidenden Faktor. Bislang bekommen Kinder der ländlichen Bevölkerung erst spät im ersten Lebensjahr Fleisch zu essen, da es als schwer essbar gilt. Auch Vitaminpulver wird bislang als „fremdes“ Produkt nicht gut angenommen. Nach Meinung von Creed-Kanashiro ist eine Schulung des Gesundheitspersonals nötig sowie die Berücksichtigung der kulturellen Prägung der Menschen.

Sweta Banerjee von der Welthungerhilfe in Neu-Delhi identifiziert die Ungleichheit in Bezug auf Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheitsleistungen als Hauptgrund für Mangelernährung. Das Ernährungsproblem sei langfristig also nur mit strukturellen Veränderungen zu lösen. In Indien sei der geringe Status von Frauen und von bestimmten ethnischen Gruppen das Hauptproblem. Die Fight Hunger First-Initiative, die die Welthungerhilfe 2011 in Indien mit zehn Partnern vor Ort ins Leben gerufen hat, setze genau da an, erklärt Banerjee.

Das Programm läuft sechs Jahre lang in den ärmsten Regionen Indiens und unterstützt die Organisationen der Dörfer und die Schulen und leistet Bildungsarbeit im Bereich Ernährung. Es sei noch zu früh, um die Ergebnisse zu präsentieren, der Zwischenstand sei aber bereits sehr positiv. Den Dorfbewohnern wurden rechtliche Ansprüche vermittelt, die Gemeindeorganisationen wurden geschult, Anbautechniken wurden vermittelt und Dorfplanung gestaltet. Die Initiative habe es bereits geschafft, dass sich viele Bauerngruppen gründeten, dass Frauen mehr Teilhabe bekamen und Wissen zur Kinderfürsorge vermittelt wurde.

Eine große Frage auf dem Hidden-Hunger-Kongress war, wie die Privatwirtschaft zur Beseitigung von Mangel- und Fehlernährung beitragen kann. Public-Private-Partnerships (PPPs) gelten manchen als Quelle von Expertise, Ressourcen und Geld. Viele zivilgesellschaftliche und staatliche Akteure misstrauen dem Privatsektor hingegen. Manfred Eggersdorfer von DSM Nutritional Products, einem führenden Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, sieht noch viele offene Fragen darin, wie PPPs zur Lösung der Ernährungsfrage beitragen können. Mit der richtigen Strategie könnten sie aber Wirkung in Entwicklungsländern erzielen.

Sabine Balk

Link:
2nd International Congress Hidden Hunger:

https://hiddenhunger.uni-hohenheim.de/

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