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Behindertensport

Mittel zum Zweck

von Christopher Minko, Bophea Smith

Hintergrund

Der kambodschanische Spieler Man Veasna wärmt sich für ein Spiel der Weltmeisterschaft im Behinderten-Volleyball (stehend) 2007 in Kambodscha auf.

Der kambodschanische Spieler Man Veasna wärmt sich für ein Spiel der Weltmeisterschaft im Behinderten-Volleyball (stehend) 2007 in Kambodscha auf.

Vor 20 Jahren hat der Australier Christopher Minko die Nichtregierungsorganisation (NGO) Cambodian National Volleyball League (Disabled), CNVLD, gegründet – und damit das erste Sportangebot für Menschen mit Behinderung in Kambodscha geschaffen. Im Interview mit Bophea Smith erzählt er von Erfolgen und Rückschlägen und weshalb die NGO jetzt nicht mehr gebraucht wird.

Sie sind Australier, leben aber seit 20 Jahren in Kambodscha. Was hat Sie dorthin verschlagen und wie kamen Sie dazu, ein Sportprogramm für Menschen mit Behinderung aufzubauen?
Ich kam 1996 als Freiwilliger über ein Programm der australischen Regierung nach Kambodscha. Meine Aufgabe bestand zum einen darin, das Bewusstsein für Landminen und Behinderung zu erhöhen, und zum anderen, die Integration von Kambodschanern mit Behinderung in die Gesellschaft zu unterstützen.

Sport war mein Mittel zum Zweck. Sport hat ein großes Potenzial, die Gesundheit eines Menschen, seine Selbstwertschätzung und sein Selbstvertrauen zu stärken. Ich habe mich auf Mannschaftssport konzentriert, weil er Teamgeist und Gemeinschaftssinn fördert. Wir haben mit Volleyball für Männer angefangen, dann kamen Rollstuhlrennen für Männer und Frauen hinzu und schließlich Rollstuhlbasketball für Frauen.

1996 kämpften in Kambodscha noch Rote Khmer, und das Land steckte politisch im Chaos. Gab es zu der Zeit überhaupt irgendein Sportangebot für Behinderte, irgendeine Unterstützung oder Organisation, die sich um sie kümmerte?
Nein, als ich ankam, gab es für Behinderte überhaupt keine Sportmöglichkeiten. Wir haben mit Volleyball begonnen, weil das praktisch der Nationalsport war. Außerdem war es kostengünstig – man braucht lediglich einen Ball und ein Netz. Mein Hauptziel war die gesellschaftliche Integration von Minenopfern. Volleyball ist der perfekte Sport für Amputierte. Ich habe das Programm nach internationalen Sportrichtlinien und Standards aufgebaut. Auf dieser Grundlage entstand der kambodschanische Behindertensportverband, der heute eine etablierte Organisation ist, die mit internationalen Verbänden kooperiert, um Behindertensport weiterzuentwickeln.

Gibt es in Kambodscha überdurchschnittlich viele Behinderte? Und wenn ja, woran liegt das?
Relativ zur Bevölkerungszahl hat Kambodscha mit die meisten Menschen mit Behinderung. Das ist eine der vielen tragischen Folgen der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in den 1970er-Jahren. Die Hauptursachen von Behinderungen sind Landminen und Kinderlähmung.

Wie kann die Teilnahme an einem Sportprogramm bei der Integration Behinderter in die Gesellschaft helfen und ihr Selbstwertgefühl steigern?
Sport ist ausgesprochen gut dazu geeignet, bei Menschen mit Behinderung eine positive Veränderung zu bewirken. Er verbessert die Gesundheit und das körperliche Wohlbefinden – und unterstützt auch häufig den Rehabilitationsprozess. Eine Folge davon ist eine deutlich verbesserte Lebensperspektive. Mit Wettkampfsport auf nationaler oder sogar internationaler Ebene werden der Gesellschaft die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung plastisch vor Augen geführt. Ganz Kambodscha hat den Aufstieg der Behinderten-Volleyball-Nationalmannschaft über mehrere Weltmeisterschaften hinweg verfolgt. Außerdem können die Athleten über den Mannschaftssport ein Netzwerk aus Unterstützern aufbauen.

Behindertenvolleyball gibt es „stehend“, wobei die Spieler Prothesen verwenden dürfen, aber nicht müssen. Die andere Art ist Sitzvolleyball, also für Rollstuhlfahrer. Sie haben in Kambodscha Volleyball stehend für Männer eingeführt und schnell ist eine sehr erfolgreiche Nationalmannschaft entstanden.
Ja, uns ist es gelungen, eine Liga mit 13 Mannschaften aufzubauen und jährlich Turniere abzuhalten. Athleten aus dieser Liga wurden ausgewählt, um bei den Weltmeisterschaften für Kambodscha zu spielen. Schon 1999 hat die Mannschaft eine Silbermedaille bei den ASEAN Para Games in Thailand geholt. 2001 hat Kambodscha Gold bei den Asian Games im südkoreanischen Busan gewonnen. 2003 nahm das Team an der Weltmeisterschaft in Griechenland teil und wurde Fünfter. 2005 kam es in der Slowakei auf den vierten Platz. Die Weltmeisterschaften im Behindertenvolleyball (stehend) 2007, 2009 und 2011 richtete Kambodscha selbst aus. Der größte Erfolg der Mannschaft war der zweite Platz hinter Deutschland 2011. Die Spiele wurden live von allen Fernsehsendern des Landes übertragen. 96 Prozent der Kambodschaner sahen zu. Das war eine tolle Möglichkeit, darzustellen, was Menschen mit Behinderung leisten können. Die Sportler wurden sogar vom Ministerpräsidenten empfangen.

Gab es denn auch Rückschläge?
Es war nicht einfach, Behindertensport in einem Land zu etablieren, das unter den Folgen eines Bürgerkriegs litt. Aber mit der Zeit sind wir wirklich sehr erfolgreich geworden. Leider gab es einen großen Rückschlag: Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat sich zunehmend auf die Bedürfnisse der Industrieländer konzentriert und fördert nun teure Sportarten wie Rudern und Reiten. Um die Bedürfnisse von Entwicklungsländern kümmert sich das IPC wenig. Es sollte die Entwicklung kostengünstiger Sportarten fördern. Es war ein großer Fehler, Volleyball (stehend) nach Sydney 2000 von der Liste der paralympischen Sportarten zu streichen. Das kambodschanische Programm wurde daraufhin eingestellt. Der Fokus galt fortan rollstuhlbasierten Sportarten.

Welche neuen Programme hat CNVLD etabliert, und welche Rolle spielt Behindertensport in Kambodscha heute?
CNVLD hat zwei weitere erfolgreiche Programme aufgebaut: Rollstuhlrennen und Rollstuhlbasketball für Männer und Frauen. Sie sind inzwischen in die staatlichen Reha-Zentren in den Provinzen Kampong Speu und Battambang integriert. Insgesamt ist der Behindertensport heute gesellschaftlich gut anerkannt. Letztes Jahr haben kambodschanische Behindertensportler mit beachtlichem Erfolg an den ASEAN Para Games in Singapur teilgenommen; die Rollstuhlrennfahrer brachten mehrere Gold- und Silbermedaillen heim.

Wie finanziert sich CNVLD?
Wir hatten über die Jahre Unterstützung von zahlreichen Gebern, unter anderem von der australischen und der deutschen Regierung. Sie haben uns nicht nur mit Geld geholfen, sondern auch Trainer geschickt, die unsere Trainer und Athleten nach internationalen Standards ausgebildet haben. Auch NGOs wie das australische und das Internationale Rote Kreuz sowie private und Firmensponsoren gehörten zu unseren Geldgebern. CNVLD ist stolz darauf, dass 80 Prozent aller Einnahmen direkt den Sportlern zugutekamen. Nur 20 Prozent flossen in die Verwaltung. Ich selbst habe durchweg mit einem Freiwilligengehalt gearbeitet. Die Finanzierung ist nach wie vor eine große Herausforderung. In Kambodscha besteht ein immenser Bedarf an Sporteinrichtungen. Schwimmen gehört zum Beispiel zu den besten rehabilitativen Sportarten für Behinderte, aber es gibt so gut wie keine öffentlichen Schwimmbäder.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Nach 20 Jahren habe ich allmählich genug. Ich bin aber sehr stolz auf das, was wir erreicht haben. CNVLD stellt die Arbeit nun ein, die Programme stehen in Zukunft unter der Regie des Behindertensportverbands und des Ministeriums für Soziales, Veteranen- und Jugendrehabilitierung. Sie werden die Projekte managen und weiterentwickeln – von Kambodschanern für Kambodschaner. Das ist der größte Erfolg von CNVLD. Ich werde aber weiter mit den Athleten in Kontakt bleiben und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, wo ich kann. Ich selbst werde in Kambodscha bleiben und mich wieder mehr auf meine musikalischen Wurzeln konzentrieren. Ich spiele in der Phnom Penher Band „Krom“, die kürzlich einen Plattenvertrag mit einem großen amerikanischen Musiklabel unterschrieben hat.


Christopher Minko hat die NGO Cambodian National Volleyball League (Disabled) – CNVLD gegründet.
[email protected]

 

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