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Weltbank

Neue Ziele, neue Struktur

von Ingrid-Gabriela Hoven, Martin Kipping

Hintergrund

Weltbank-Präsident Jim Yong Kim will seine Organisation reformieren.

Weltbank-Präsident Jim Yong Kim will seine Organisation reformieren.

Seit seinem Amtsantritt im Juli 2012 hat Weltbank-Präsident Jim Yong Kim seiner Institution einen umfassenden Reformprozess verordnet. Die Gouverneure verabschiedeten auf der Frühjahrstagung 2013 zwei neue, übergreifende Ziele für die Weltbankgruppe: eine weitgehende Überwindung extremer Armut (Reduktion auf drei Prozent der Weltbevölkerung) bis 2030 und die Förderung eines breit geteilten Wohlstands mit Blick auf die unteren 40 Prozent der Einkommensskala in jedem Land. Beide Ziele sollen auf ökologisch, sozial und fiskalisch nachhaltige Weise erreicht werden.

Bis zum Sommer 2013 haben Arbeitsgruppen in einem partizipativen Prozess zahlreiche konkrete Reformvorschläge erarbeitet, um die Weltbankgruppe in die Lage zu versetzen, ihre neuen Ziele zu erreichen. Dies mündete in eine neue, erstmals weltbankgruppenübergreifende Strategie, die auf der Jahrestagung im Oktober 2013 von den Gouverneuren verabschiedet wurde. Deutschland hat diese Neuaufstellung der Weltbankgruppe eng begleitet und nachdrücklich unterstützt. Derzeit läuft auf Grundlage der neuen Strategie eine umfassende Restrukturierung der Weltbank, wobei die bisherige Matrix-Struktur der Institution in sogenannte „Global Practices" überführt werden soll.

 

Inhaltliche Fokussierung

Die neuen Ziele schärfen den inhaltlichen Fokus der Weltbankgruppe. Die Bekämpfung der absoluten und relativen Armut bleibt im Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Um das Ziel von maximal drei Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut bis 2030 (und das später ergänzte Zwischenziel von maximal neun Prozent bis 2020) zu erreichen, würde es jedoch nicht ausreichen, die Entwicklung der vergangenen Jahre fortzuschreiben. Die Forschungsabteilung der Weltbank prognostiziert, dass sich die extreme Armut bei konstanten Entwicklungspfaden lediglich auf acht Prozent bis 2030 verringern würde. Wachstum und Verteilung müssen sich in den nächsten Jahren deutlich armutsmindernder auswirken, wenn das Armutsziel erreicht werden soll.

Mit dem Ziel des geteilten Wohlstands kommt Verteilungsaspekten wachsende Aufmerksamkeit zu. Schon die regelmäßige Berichterstattung zur Einkommensentwicklung der unteren 40 Prozent der Einkommensskala und deren Vergleich mit der durchschnittlichen Einkommensentwicklung der Gesamtbevölkerung wird ihren Niederschlag in nationalen und internationalen Diskussionen und Politiken finden. Aber auch die Programme der Weltbankgruppe müssen sich an diesem neuen Referenzrahmen ausrichten. Beispielsweise könnte das Ziel einer insgesamt dynamischeren Wirtschaftsentwicklung, wobei ein „trickle-down"-Effekt implizit angenommen wird, noch kein Vorhaben begründen. Spezifischer Gradmesser ist stattdessen das Wohlergehen der unteren 40 Prozent der Einkommensskala.

Die Weltbankgruppe will beide Ziele – Armutsminderung und Wohlstandsverteilung – auf ökologisch, sozial und fiskalisch nachhaltige Weise erreichen. Bei fiskalischer Nachhaltigkeit kann sie dabei auf etablierten Indikatoren, wie der Schuldentragfähigkeit, aufsetzen. Bei sozialer Nachhaltigkeit im Sinne von Inklusion und Mitspracherechten sowie bei ökologischer Nachhaltigkeit muss sie aber neue Wege beschreiten. Als Indikator zur ökologischen Nachhaltigkeit dient unter anderem der breit definierte nationale Kapitalstock („national wealth") unter Berücksichtigung der Naturressourcen. Die neue Weltbankgruppenstrategie unterstreicht die Notwendigkeit, wirtschaftliche Entwicklung im Rahmen der planetarischen Grenzen zu gestalten.

Folgerichtig kommt der Weltbankgruppe eine wachsende Rolle beim Schutz globaler öffentlicher Umweltgüter – jenseits rein nationaler Entwicklungsbemühungen – zu. In Bezug auf die ökologische Nachhaltigkeit hat Jim Yong Kim bislang einen besonderen Schwerpunkt auf den Klimawandel gelegt – illustriert unter anderem durch die Publikationsreihe „Turn down the heat", die in Zusammenarbeit mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung veröffentlicht wird. Die Minderung des Klimawandels und Anpassung daran haben mit einer eigenen Vizepräsidentin für den Bereich auch im Rahmen der Restrukturierung einen herausgehobenen Stellenwert erhalten.

 

Größere ­Entwicklungswirkung

Die Reformen dienen dazu, die Wirkungsorientierung der Weltbankgruppe und damit die Wirksamkeit ihrer Entwicklungsbeiträge zu stärken – eine Zielsetzung, die mit dem Schlagwort „Lösungsbank" („Solutions Bank") umschrieben wird. Neue Kriterien und Verfahren in der Länderprogrammierung sollen sicherstellen, dass sich die Weltbankgruppe darauf konzen­triert, die entscheidenden Engpässe („binding constraints") zu beheben, die den neuen Zielen im Weg stehen.

Ferner erhält das Wissensmanagement in der Weltbank einen größeren Stellenwert, um die Produktion, Verbreitung und praktische Anwendung von Wissen zu verbessern. Schon jetzt schätzen die Schwellenländer vor allem den analytischen und konzeptionellen Gehalt von Weltbank-Programmen. Die Restrukturierung ermöglicht es der Weltbankgruppe darüber hinaus, ihre weltweite Präsenz besser für den Transfer von Erfahrungen und Lösungsansätzen zwischen den Weltregionen zu nutzen. Parallel will sie ihr institutionelles Lernen verbessern – auch das Lernen aus Fehlschlägen („learning from failure"). Mit Misserfolgen will die Institution deutlich offensiver als in der Vergangenheit umgehen. Sie will ihr Risikomanagement konsequent auf die Entwicklungswirkung ausrichten und die teils zu große Risikoscheu überwinden. Denn, wie es Präsident Jim Yong Kim ausdrückte, „the greatest risk may be taking no risk at all".

Die neue Weltbank-Strategie ist die erste gruppenübergreifende Strategie; das heißt, sie gilt sowohl für die International Bank for Reconstruction and Development (IBRD) und die konzessionäre International Development Association (IDA) als auch für die beiden Privatsektorarme der Weltbankgruppe, die International Finance Corporation (IFC) und die Multilateral Investment Guarantee Agency (MIGA). Außerdem verfolgt die neue Strategie das Ziel einer „One World Bank Group", in der alle Organisationen sehr viel enger als bisher zusammenarbeiten. Dadurch soll die Privatsektorentwicklung wirksamer gefördert werden, insbesondere über die Einbeziehung der Privatsektor-Expertise der IFC in die Arbeit von IBRD/IDA. Es soll auch deutlich mehr privates Kapital für die Entwicklungsziele mobilisiert werden durch die Kombination von Beiträgen zur Verbesserung der staatlichen Rahmenbedingungen durch IBRD/IDA, von Beteiligungen oder Darlehen für Unternehmen durch IFC und von Versicherungsprodukten für Auslandsinvestitionen durch MIGA.

Angesichts der verhältnismäßig bescheidenen Mittel selbst einer Institution wie der Weltbankgruppe im Vergleich zu privaten Kapitalströmen wird es von zen­traler Bedeutung für die Ziele der Weltbank sein, Privatkapital zu mobilisieren und mehr private Investoren als Motor für Entwicklung zu gewinnen.

Die neue Strategie der Weltbankgruppe versteht die Privatwirtschaft jedoch nicht nur als Kapitalquelle, sondern auch als bedeutenden Akteur für nachhaltige Armutsbekämpfung, da die notwendigen Arbeitsplätze letztlich im Privatsektor entstehen müssen. Die Förderung der Privatwirtschaft bleibt somit ein wichtiges Thema der Weltbankgruppe; die Privatwirtschaft wird demnach als Partner definiert, mit dem man den Austausch sucht.

Auch über den Privatsektor hinaus öffnet sich die Weltbankgruppe in ihrer neuen Strategie sehr viel stärker für Partnerschaften mit externen Akteuren: Ideen, Konzepte und Wissen von außen sollen umfassender aufgenommen werden. Die Kommunikation mit der Weltbank nahmen Außenstehende bisher häufig als „Einbahnstraße" wahr. Dies will die Institution ändern. Sie hat bereits verschiedene Kooperationen deutlich intensiviert, wie beispielsweise mit den Vereinten Nationen in fragilen Staaten (unter anderem in der Region der Großen Seen) und beim ­Klimaschutz, wo die Weltbankgruppe den UNFCCC-Prozess unterstützt, oder mit der GIZ im Bereich Wissensmanagement.

 

Fazit

Der laufende Reformprozess der Weltbankgruppe ist nicht ohne Risiken, schon angesichts seines schieren Umfangs. Die neuen Ziele müssen messbar gemacht werden, die Institution wird grundlegend restrukturiert, auch eine neue Finanzstrategie wird erarbeitet. Ein solch umfassender Reformprozess ist zwangsläufig mit Reibungen und Unsicherheiten verbunden. Die Weltbankgruppe ist jedoch auf gutem Weg, ihre Beiträge zur Armutsbekämpfung noch gezielter und wirksamer zu gestalten. Gleichzeitig engagiert sich die Weltbankgruppe zunehmend für globale öffentliche Güter, wo sie als Institution mit globaler Ausrichtung aus deutscher Perspektive auch besondere Verantwortung trägt.

Vor diesem Hintergrund wird die Weltbankgruppe für Deutschland weiter an Bedeutung wachsen, da sie für die Bundesrepublik ein geeignetes und zunehmend wichtiges Forum ist, die internationalen (Entwicklungs-)Agenden wirkungsvoll mit zu gestalten. Die stärkere Öffnung der Weltbankgruppe für die Zusammenarbeit mit externen Partnern verbessert gleichzeitig die Möglichkeiten für Partnerschaften auch mit deutschen Akteuren.

 

Ingrid-Gabriela Hoven ist Exekutivdirektorin für Deutschland bei der Weltbankgruppe.
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Martin Kipping ist Berater der deutschen Exekutivdirektorin bei der Weltbankgruppe und Direktor  für Deutschland bei der Karibischen Entwicklungsbank. Die Autoren formulieren in diesem Artikel ihre persönliche Meinung.
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