D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Bürgerschaftliches Engagement

„Grundrecht auf Gesundheit”

von Zafrullah Chowdhury

Meinung

“Old people often suffer from non-communicable diseases like diabetes, hypertension or cancer”

“Old people often suffer from non-communicable diseases like diabetes, hypertension or cancer”

Im Februar hat Gonoshasthaya Kendra in Dhaka das 40-jährige Jubiläum gefeiert. Diese zivilgesellschaftliche Organisation hat vor allem mit Krankenschwestern, Hebammen und anderem ­Gesundheitsfachpersonal in Bangladesch Pionierarbeit geleistet. Zafrullah Chowdhury, einer der Gründer, hat Hans Dembowski im Interview das Konzept erläutert. Interview mit Zafrullah Chowdhury

Sie sind während Bangladeschs Befreiungskrieg 1997 aus England zurückgekehrt. Wie waren damals Ihre Arbeitsbedingungen als Arzt?
Im damaligen Ostpakistan war die Lage entsetzlich. Das pakistanische Militär tötete Menschen, vergewaltigte Frauen, zerstörte Häuser und brannte die Felder nieder. Rund 10 Millionen waren nach Indien geflohen. In England hatte ich als Gefäßchirurg gearbeitet, aber ich wollte meinem Volk helfen. Mit anderen Ärzten und Pflegekräften bauten wir ein Krankenhaus in der Nähe von Agartala im nordöst­lichen indischen Bundesstaat Tripura auf. Wir waren nah an der Grenze und behandelten Flüchtlinge und verwundete Mukhti Bahini, wie die Freiheitskämpfer genannt wurden.

Wie lief das?
Das Krankenhaus hatte 480 Betten, es war nicht klein. Die wichtigste Erfahrung war aber, dass Ärzte die Gesundheitsversorgung nicht allein leisten können. Wir betrieben die Klinik mit vielen Freiwilligen, von denen einige ein paar Semester Medizin studiert hatten, die meisten aber keinerlei einschlägige Erfahrung hatten. Viele von ihnen waren junge Frauen, die aus dem besetzten Bangladesch geflohen waren. Wir bildeten sie in der Praxis in OP-Hilfe, Medikamentenausgabe und Krankenpflege aus. Es gelang, in wenigen Wochen ein kompetentes und motiviertes Team heranzubilden. Da wurde mir klar, dass das auch im größeren Maßstab möglich wäre und dass die Gesundheitsver­sorgung nicht um Ärzte herum organisiert werden muss, weil sich viele Routinedinge an Pflegekräfte delegieren lassen. Diese Leute sind wirklich wichtig, und wenn sie gut ausgebildet sind und ihr Handwerk verstehen, können sie viele essentielle Gesundheitsdienstleistungen ohne ärztliche Anweisung erbringen.

Bitte nennen Sie ein Beispiel.
Geburtshilfe ist ein gutes Beispiel. In Bangladesch bringen die meisten Frauen ihre Kinder daheim zur Welt, und das ist auch unproblematisch, wenn sie von einer kompetenten Hebamme betreut werden. Selbstverständlich sind im Fall von Komplikationen Krankenhäuser nötig, aber es gibt keinen Grund, alle werdenden Mütter beim Einsatz der Wehen sofort einzuliefern. Daran besteht nur in einem privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitswesen Interesse, weil damit Geld verdient werden kann. Aber die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fördert dieses Konzept zu Unrecht zum Programm. Für arme Länder taugt es nicht.

Wie ging es mit Gonoshasthaya Kendra los?
Das Konzept entwickelten wir schon in Tripura. Der Name bedeutet auf Bangla „Gesundheitszentrum der Menschen“. Als der Krieg beendet war, kehrten wir in das Land zurück, das nun Bangladesch hieß und unabhängig war. Wir konzentrierten uns auf Basisgesundheitsversorgung im ländlichen Raum mit örtlichen Freiwilligen und traditionellen Hebammen.

Reproduktionsmedizin war also immer ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
Ja, selbstverständlich. Es geht um die Grundvoraussetzungen menschlichen Lebens. Und das gilt besonders in einem armen Land mit schnell wachsender Bevölkerung. Wir haben immer großen Wert auf Familienplanung gelegt und über Methoden der Empfängnisverhütung aufgeklärt. Andererseits war die Nachkriegs­situation auch besonders. Sehr viele Frauen waren Vergewaltigungsopfer geworden, und manche waren schwanger. Sie wollten diese Babys nicht. Bangladesch ist vom Islam geprägt, unsere Kultur ist recht konservativ, und das galt damals noch mehr als heute. Dennoch verstanden die Leute, dass Frauen nicht die Kinder der Gewalt­täter, die sie missbraucht hatten, austragen wollten. In gewisser Weise hat die humanitäre Katastrophe uns geholfen, Familienplanung damals auf fortschritt­liche Weise anzugehen.

Genderfragen haben also von Anfang an eine große Rolle gespielt?
Unbedingt – und dafür gab es noch einen weiteren Grund. Wir brauchten Gesundheitspersonal im ländlichen Raum. Wir konnten dort keine jungen Frauen aus den Städten einsetzen. Deren Familien hätten nie erlaubt, dass sie weit von zu Hause entfernt arbeiten. Also sagten wir in den Dörfern: „Wenn ihr Fachkräfte wollt, die sich im Notfall um euch kümmern, dann müssen das eure Töchter sein. Wir werden sie entsprechend ausbilden.“ Es dauerte nicht lange, da brachten wir un­seren Auszubildenden auch das Radfahren bei. Frauen auf Fahrrädern! Das war eine kleine Revolution, das hatte es noch nie gegeben. Es war aber nötig, den Aktionsradius der jungen Kolleginnen auszu­weiten, denn ihre wertvollen Fähigkeiten wurden in vielen Dörfern gebraucht.

In den 1980er Jahren trugen Sie auch zum Start der Produktion von generischen Pharmaka in Ihrem Land bei.
Ja, es ging darum, dass Markenpräparate für Entwicklungsländer zu teuer sind. Es gibt auch keinen Grund, warum sie hohe Preise zahlen sollten. Die meisten unverzichtbaren Medikamente unterliegen keinem Patentschutz mehr. Zum Glück hörte unsere Regierung damals auf ­unseren Rat. Dank der damaligen Gesetzgebung konnte Bangladesch dem Beispiel Sri Lankas folgen, wo die ­Generikaherstellung schon zuvor auf­genommen worden war.

Welche Themen treiben Sie heute um?
Die Alterung der Gesellschaft ist ein wich­tiges Thema. Die Anzahl der Senioren wächst in Bangladesch schnell. Sie haben spezielle Gesundheitsprobleme. Sie brauchen zudem über die rein medizinische Versorgung hinaus gelegentlich ein freundliches Lächeln und den Druck einer warmen Hand. Krankengymnastik ist relevant, und wir müssen dafür sorgen, dass entsprechend Fachleute ausgebildet werden. Alte Menschen haben öfter Behinderungen als junge. Zudem leiden sie häufiger an nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Krebs. Krebsbehandlung ist extrem teuer, arme Menschen können sich das nicht leisten. Wir meinen, dass unser Land eine Krebsklinik braucht, um für arme Patienten zu sorgen und kostengünstige Methoden zu entwickeln. Gonoshasthaya Kendra plant solch eine Klinik, und es wäre großartig, wenn Deutschland uns dabei mit Training und Materialspenden unterstützen würde.

Trägt sich Gonoshasthaya Kendra finanziell?
Das ist eine typische Geberfrage, und ich kann sie nicht leiden. Finanzielle Nachhaltigkeit ist nicht alles. Es gibt ein Grundrecht auf Gesundheit. Patienten dürfen nicht zum Leid verurteilt werden, nur weil sie keine Kaufkraft haben. Gesundheitsversorgung darf nicht dem Markt überlassen werden. Der Staat muss Verantwortung übernehmen und sicherstellen, dass alle Bürger versorgt werden. Dafür sind diverse physische und soziale Infrastrukturen nötig. Es geht nicht nur um Geld.

Aber wie decken Sie Ihre Ausgaben? Betreibt Gonoshasthaya Kendra so etwas wie eine Mikroversicherung?
Wir haben in der Tat ein Versicherungssystem. Die Beiträge richten sich nach dem ökonomischen Status der Klienten. Reiche und Wohlhabende zahlen mehr, und das dient der Quersubventionierung unserer Dienstleistungen für arme Patienten. Arme Klienten zahlen wenig, zum Teil nur ein paar Cent im Jahr. Die allerärmsten Menschen behandeln wir ohne Bezahlung. Insgesamt deckt Gonoshasthaya Kendra so und durch bezahlte Behandlungen etwa 50 Prozent der Kosten. Der Rest wird mit Spenden aus den Dörfern, Zuwendungen von anderer Seite und Solidaritätsleistungen von kleinen karitativen Einrichtungen sowie sozialen Bewegungen in Bangladesch und weltweit finanziert.