D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Weltwirtschaft

Wachsende Unsicherheit

von Iwan J. Azis

Hintergrund

So schlimm darf es nicht wieder werden: Krawalle in Jakarta 1998 in der Asienkrise.

So schlimm darf es nicht wieder werden: Krawalle in Jakarta 1998 in der Asienkrise.

Fast acht Jahre nach Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 bleibt die Weltwirtschaft träge. Das Wachstum lahmt in Industrieländern und geht in den meisten Schwellenländern zurück. Ob alte und neue internationale Finanzinstitutionen (IFI) den Herausforderungen gewachsen sind, ist offen.

Einige Zeitlang haben die Schwellenländer (Emerging Markets, EM) das globale Wachstum angetrieben, während die Industrieländer (Advanced Economies, AE) stagnierten. Nun verringert sich die Kluft. Noch beunruhigender ist, dass sowohl in AE als auch in EM die Wirtschaft langsamer wächst, als dem langfristigen Trend vor der Krise entspricht.

Die EM stehen vor diversen Problemen. Der Ausblick ist für Rohstoffexporteure wegen schwacher Nachfrage und niedriger Preise düster. Derweil lahmt auch die Industrie, besonders in China. Der Dollar ist aber stark, also steigen die Kreditkosten. Der Druck auf alle öffentlichen und privaten Darlehensnehmer, die Schulden in Dollar bedienen, wächst. Derzeit summiert sich die Dollarverschuldung von Unternehmen in EM auf über 4 Billionen Dollar – viermal so viel wie 2008.

Die wirtschaftliche Abschwächung in China wurde erwartet und hält sich bisher im Rahmen. Aber die internationalen Auswirkungen sind schlimmer als angenommen. Selbst Länder, die kaum Handel mit China treiben, sind betroffen. Das Marktvertrauen ist insgesamt angeschlagen.

Jahrelang haben die AE – allen voran die USA – ultralockere Geldpolitik betrieben. Die aktuellen Probleme sind eine Folge davon. Wegen niedriger Zinssätze in den Industrieländern floss Kapital in die EM, wo Investoren höhere Erträge erhofften. Die Ströme waren gewaltig und unbeständig. Kredite wurden billiger und die Liquidität in EM wuchs, was das Wachstum antrieb. Gleichzeitig stiegen die Kurse der EM-Währungen.

Nun erhöht die US-Zentralbank die Leitzinsen wieder, während sich die Aussichten in China verschlechtern. Kapital fließt jetzt in die andere Richtung. In den EM werden Kredite teurer, während die Währungen international an Wert verlieren.

Es sind finanzielle Sicherheitsnetze nötig; konventionelle makroökonomischen Politik dürfte sich als unzureichend erweisen. Die Kapitalströme sind zu groß, um die Probleme auf nationaler Ebene zu lösen.

Für gesundes und inklusives Wachstum wollen die Regierungen der EM derzeit die Infrastruktur verstärkt ausbauen. Sie wissen, dass sie die Aufgaben allein nicht stemmen können. Das ist ein Grund, weshalb sie in jüngster Zeit neue internationale Finanzinstitutionen gegründet haben.

Sie ärgern sich aber auch über ihren unverhältnismäßig geringen Einfluss in den lang etablierten IFI. Konzipiert wurden die neuen Institutionen als Gegengewicht zum Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und den multilateralen Entwicklungsbanken wie der Asiatischen Entwicklungsbank, der Interamerikanischen Entwicklungsbank oder der Afrikanischen Entwicklungsbank.

Eine der neuen IFI ist die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB), die den Ausbau der Infrastruktur unterstützen soll. Ein anderes Beispiel ist die Chiang-Mai-Initiative (CMI), deren Währungskorb ASEAN-Ländern sowie China, Südkorea und Japan bei kurzfristigen Liquiditätsengpässen beistehen soll. Die New Development Bank, die den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) gehört, beschäftigt sich sowohl mit Infrastruktur als auch mit kurzfristiger Liquidität.


Unerprobte Institutionen

Angesichts steigender Risiken und Unsicherheit wächst nun der kurzfristige Liquiditätsdruck. Die CMI und ähnliche Initiativen sind aber noch unerprobt. Ihre Gründung war von Streit über Machtfragen überschattet. Ob sie den anstehenden Aufgaben gewachsen sind, bleibt abzusehen. Infrastruktur-Darlehen zu vergeben ist vermutlich die leichtere Aufgabe.

In gewisser Weise waren EM-Regierungen in den vergangenen Jahren zu selbstsicher. Sie hätten mehr tun können, um die Effektivität der neuen Währungsfonds sicherzustellen. Jetzt muss das vielleicht unter hohem Zeitdruck geschehen. Wegen der höheren US-Zinsen wandert nämlich Kapital destabilisierend aus EM ab.

Interessant ist, dass andere AE nicht dem US-Beispiel folgen. Eine große Divergenz zeichnet sich ab, denn Japan und die EU lockern die Geldpolitik, während die USA sie verschärfen. Möglich scheint ein episches Tauziehen zwischen der US-Zentralbank und ihren mächtigsten Gegenstücken, den Zentralbanken von China, Japan und der EU.

Weder die Folgen für die Weltwirtschaft noch die für die EM lassen sich absehen. Klar ist, dass die EM bei der Eindämmung von Kapitalabwanderung und Instabilität auf sich gestellt sind. In den vergangenen Jahren haben die AE geldpolitischen Egoismus, aber keine Rücksicht auf die Folgen in den EM gezeigt.

2015 flossen fast 750 Milliarden Dollar netto aus EM ab, nachdem ihnen seit 1988 Kapital nur zugeströmt war. Für die Finanzmärkte begann kein Jahr historisch schlechter als dieses. Die Lage ist unnormal und beunruhigend.

All das bedeutet nicht, dass in den EM schwere Rezessionen kommen müssen. Es könnte helfen, wenn die US-Wirtschaft sich sehr dynamisch entwickelt. Die Lockerung der Sanktionen gegen den Iran könnte ebenfalls Auftrieb schaffen. Auch können sich Länder vom Welttrend abkoppeln. Insgesamt stehen die Zeichen aber auf Rezession.


Selbstgefälliges Establishment

Die etablierten IFI geben sich jedoch unbekümmert. Beim IWF heißt es, die Märkte reagierten über. Sein kürzlich veröffentlichter World Economic Outlook sagt den EM 2016 eine Wachstumsrate von 4,5 Prozent voraus – höher als im vergangenen Jahr. Die Weltwirtschaft insgesamt soll um 3,6 Prozent wachsen.

Tatsächlich war das globale Wachstum in den vergangenen Jahren aber immer niedriger, als der IWF vorhersagte. Vermutlich ist der Fonds auch diesmal zu optimistisch. Vor einigen Jahren kam eine von ihm selbst beauftragte Studie zu dem Schluss, der IWF habe eine „systematische Tendenz zu allzu positiven Voraussagen“ (Timmermann 2006). Ob die aktuellen Prognosen ernst zu nehmen sind, steht dahin.

Die multilateralen Entwicklungsbanken sind kaum zuverlässiger. Eine ihrer Schwächen ist, dass ihre Modelle die wachsende Interdependenz zwischen Volkswirtschaften nicht beachten. Zudem verlassen sie sich auf die Daten, die Mitgliedsländer liefern und unter Umständen nicht objektiv sind. Voraussagen resultieren daher häufig eher von Wunschdenken als nüchterner Analyse.

Obendrein neigen die Entwicklungsbanken zu schwammiger Rhetorik. Begriffe wie „ungleichmäßiges“, „gedämpftes“ oder „weitgehend anhaltendes“ Wachstum sind mehrdeutig und können in die Irre führen.

Eigentlich sollen IFI-Prognosen Entscheidungsträgern helfen, Politik und Haushalte kompetent zu gestalten. Diesem Zweck dienen weder übertriebener Optimismus noch vage Statements. Leider sind die Empfehlungen und Länderprogramme der etablierten IFI manchmal irrelevant oder sogar schädlich. Ihre Strukturanpassungspolitik ist mehrfach gescheitert (siehe Kasten).

Eine Ursache der Krise von 2008 war das Unvermögen der Rating-Agenturen, Finanzinstitutionen und Immobilienmärkte richtig zu bewerten. Das schuf ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Inter­essenkonflikte trugen zu der Fehlleistung bei, denn die Kunden der Rating-Agenturen sind die großen Finanzmarktakteure. Das Ansehen der Agencies ist bis heute beschädigt.

Den IFI droht ein ähnliches Schicksal, wenn sie nicht objektive Analysen und Voraussagen liefern. Wegen der derzeit evidenten Probleme gilt das besonders. Wenn IFI Krisenentwicklungen und deren Folgen wie Arbeitslosigkeit, Armut, Ungleichheit et cetera nicht richtig einschätzen, kann die ökonomische Lage nur schlimmer werden.

Es irritiert auch, dass die etablierten IFI seit Jahren zum wachsenden geldpolitischen Egoismus der Industrieländer schweigen. Weshalb die Regierungen der EM neue IFI haben wollen, ist leicht zu verstehen.


Iwan J. Azis ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Cornell University im Staat New York und der University of Indonesia. Er ist auch der Leitautor von „Managing elevated risk”, das die Asiatische Entwicklungsbank und Springer 2014 veröffentlicht haben und das als e-book frei zugänglich ist: http://www.adb.org/sites/default/files/publication/150174/managing-elevated-risk.pdf
[email protected]

Quelle:
Timmermann, A., 2006: An Evaluation of the World Economic Outlook Forecasts. Washington: IMF Working Paper No.06/59.

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren