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Geschlechtergleichstellung

Frauenleid in Nigeria

von Bimbola Oyesola

Hintergrund

Trade unionists celebrating the international women’s day

Trade unionists celebrating the international women’s day

Viele Mütter sind Ungerechtigkeit und Diskriminierung im Berufsleben ausgesetzt. Nigerias Gewerkschaften fordern Wandel, können aber ihre überwiegend männliche Basis dafür nur schwer mobilisieren. Von Bimbola Oyesola

Rose Adu ist Mutter von zwei Kindern und erwartet das dritte. Sie unterrichtet an einer Privatschule im Staat Lagos. Ihr Tag beginnt um vier Uhr morgens: Sie steht auf, um die Kinder für die Schule fertig zu machen. Täglich bereitet Rose das Mittagessen für die Kinder – und häufig auch das Abendessen. Für die Fahrt zur ihrer Schule braucht sie mehr als 90 Minuten mit dem Bus. Wegen Staus kann die Strecke bis zu vier Stunden dauern. Sie verlässt das Haus morgens um 6 Uhr und kehrt abends um 20 Uhr zurück. Wegen ihrer häuslichen Verpflichtungen kommt sie meist nicht vor Mitternacht ins Bett. Dieser anstrengende Trott ist typisch für das Leben nigerianischer Frauen.

Als werdender Mutter stehen Rose laut der Internationalen Organisation für Arbeit (ILO) drei Monate Mutterschutz zu. Aber obwohl Nigeria ILO-Mitglied ist, hatte Rose in ihren bisherigen Schwangerschaften nie mehr als sechs Wochen Urlaub. Vielleicht muss sie dieses Mal sogar bis zur Geburt des Babys warten, bis sie in Mutterschutz gehen darf.
Der Mutterschutz für arbeitende Frauen ist seit der ILO-Gründung 1919 ein Kernthema der Organisation. Die erste Konvention zum Mutterschutz (Nr. 183) wurde bereits 1919 verabschiedet. Es geht darum, die Rollen der Frau als Mutter und Erwerbstätige in Einklang zu bringen. Die ILO will unfairer Behandlung am Arbeitsplatz vorbeugen.

Geschlechtergleichstellung ist auch seit jeher ein Thema der nigerianischen Gewerkschaftsbewegung. Trotzdem bleiben die Ergebnisse bisher enttäuschend. Frauen stellen 45 Prozent der nigerianischen Bevölkerung. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen – ob in Staat, Privatsektor oder zivilgesellschaftlichen Organisationen – entspricht dem nicht.

Viele Nigerianerinnen leider unter Ungerechtigkeiten und Ausgrenzung am Arbeitsplatz. Eine Folge ist, dass ihre Mitarbeit in Gewerkschaften gering ist. Als das westliche Bildungssystem in Nigeria eingeführt wurde, wollten viele Eltern weder, dass ihre Töchter zur Schule gingen, noch dass sie einen Beruf erlernten. Die Mädchen sollten Hausfrauen werden. Dieses Verständnis der Rolle der Frau in der Gesellschaft ist noch weit verbreitet und beschränkt die Chancen von Frauen, ihr Potential voll auszuschöpfen.

Die ILO fordert für Frauen dieselben Chancen wie für Männer. Das tun prinzi­piell auch Nigerias Gewerkschaften. Es gibt zwei Gewerkschaftsdachverbände, den Trade Union Congress (TUC) und den Nigeria Labour Congress (NLC). In den 90er Jahren gründeten sie eine gemeinsame Frauenkommission. Sie wollten so
– die Koordinierung genderbezogener Gewerkschaftsarbeit unterstützen,
– Frauenstimmen auch in Männer-dominierten Organisationen Gehör verschaffen und
– mehr Frauen motivieren, den Gewerkschaften beizutreten.

Mitgliedsgewerkschaften wurden aufgerufen, ihrerseits Frauenkommissionen zu gründen. Die Spitze der Arbeiterbewegung argumentiert, je mehr Frauen einbezogen würden, desto eher werde Geschlechtergleichstellung Priorität. Sie fordert gleichen Zugang zu Jobmöglichkeiten und spricht sich gegen Geschlechterdiskriminierung aus. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, forderte TUC-Präsident Peter Esele die Regierung auf, das Ministerium für Frauenangelegenheiten wieder einzuführen und die Bildung von Frauen zu fördern. Zudem verlangte er, die Regierung solle den 8. März zum landesweiten Feiertag machen. „Wir werden weiterhin sicherstellen, dass mehr Frauen auf allen Ebenen gewählt werden“, sagte Esele.

Seine Vorgängerin Peace Obiajulu blieb dennoch skeptisch. Sie betonte, die Rolle der Frau als Mutter sei die Wurzel der Diskriminierung am Arbeitsplatz. Sie selbst war die erste Frau, die je einen na­tionalen Gewerkschaftsdachverband in ­Afrika anführte. Ihr zufolge entsprechen Arbeitspraktiken oft nicht den internationalen Standards oder den nationalen ­Gesetzen, sodass Staat und Sozialpartner – einschließlich der Gewerkschaftsbewegung – sich der Herausforderung stellen und Geschlechtergleichheit durchsetzen müssten.

Die ILO verspricht werdenden und stillenden Müttern während und nach der Schwangerschaft Arbeitssicherheit, Mutterschutz und eine gewisse Zeit Arbeitsschutz nach ihrer Rückkehr in den Beruf. Die Frauen sollen in ihrem alten oder einem vergleichbaren Job mit gleicher Bezahlung weiterarbeiten können. Aber viele nigerianische Arbeitgeber halten sich nicht an diese Regeln, klagt Halima Ibrahim, eine ehemalige Vorsitzende der gemeinsamen Frauenkommission der Gewerkschaften.

Sogar einige staatliche Behörden garantieren Ibrahim zufolge keinen bezahlten Mutterschutz für unverheiratete Schwangere. Auch Gewerkschaftsmitglieder waren von solchen Regelverstößen betroffen, berichtet die Funktionärin. Aber die Gewerkschaften waren nicht in der Lage, genug Mitglieder zu mobilisieren, um an der Lage etwas zu ändern.

„Die Einführung befristeter Verträge hat den rechtlichen Mutterschutz ausgehöhlt“, sagt Ibrahim. Viele Menschen werden nicht dauerhaft eingestellt, sondern nur für bestimmte, vorher festgelegte Aufgaben in einem begrenzten Zeitraum. Oft garantieren Unternehmen auch keinen Urlaub. Also sind schwangere Frauen gezwungen, ihren Job aufzugeben, um sich nach der Geburt wieder darauf zu bewerben – ohne jegliche Sicherheit, dass sie ihren alten Job auch wiederbekommen. Ibrahim berichtet zudem von Arbeitgebern wie der Nigeria Aviation Handling Company (NAHCO), die Arbeitnehmerinnen feuerte, weil sie innerhalb der ersten zwei Arbeitsjahre schwanger wurden.

Doppelt so hart arbeiten

Diskriminierung am Arbeitsplatz ist eine riesige Herausforderung. „Die meisten Arbeitgeber glauben nicht, dass Frauen mit der gleichen Qualifikation wie Männer auch genauso kompetent sind“, meint Ibrahim. Das entspräche dem Klischee der „intellektuell unterlegenen und weniger produktiven Frau“. Damit eine Frau genauso geschätzt wird wie ein Mann, müsse sie doppelt so hart arbeiten.

Die ehemalige TUC-Präsidentin Peace Obiajulu betont, dass der Anteil von Frauen bei den geringfügig Beschäftigten größer ist als ihr Bevölkerungsanteil. Sie meint, die Gewerkschaften müssten Frauen stärker dabei unterstützen, die Ansprüche ihrer Familien und Arbeitgeber unter einen Hut zu bringen. Die Gewerkschaftsbewegung sollte sich ihr zufolge massiv für bessere Arbeitsgesetze und die Durchsetzung bestehenden Rechts stark machen, was Themen wie Schwangerschaftsschutz, Kinderbetreuung, gleiche Bezahlung und Schutz vor sexueller Belästigung angeht. Zugleich betont Obiajulu, Geschlechtergleichstellung sei ein politisches Querschnittsthema. Wichtige Aspekte sind Gesundheit, Primär- und Sekundärausbildung sowie Bürgerrechte.

Im Parlament brachte die Labour Party, die den Gewerkschaften nahesteht, ein Gesetz ein, das Arbeitgeber dazu zwingen würde, Kindertagesbetreuungen einzurichten. Solche Einrichtungen ermöglichen den Frauen, ihre Kinder zu stillen und zugleich ihrem Job nachzugehen. Laut Labour Party ließe sich so auch die Produktivität steigern, weil sich Frauen besser auf ihren Job konzentrieren könnten. Die ILO unterstützt diesen Ansatz, aber nigerianische Arbeitgeber befürworten ihn nicht.

Die Labour Party fordert zudem Gesetze für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Diskriminierung. Zum Beispiel könnten Quoten Mädchen helfen, in der Schule mitzukommen. Aber wenn Frauen nicht aktiver werden und für ihre Forderungen kämpfen, wird jeglicher Fortschritt weiterhin nur frustrierend langsam erreicht werden.