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Lateinamerika

Gesunde Kunden

von Caroline Sölle de Hilari

Hintergrund

Beratungsraum in einer bolivianischen Ortsbank.

Beratungsraum in einer bolivianischen Ortsbank.

Die zivilgesellschaftliche Organisation Pro Mujer, die in fünf lateinamerikanischen Ländern aktiv ist, kombiniert Mikrofinanz und Gesundheitsvorsorge. Das Konzept zeigt, dass Kleinkredite nicht nur Unternehmertum fördern, sondern auch menschlicher Entwicklung und sozialer Sicherheit dienen sollten.

Die positiven Wirkungen der Mikrofinanz sind bekannt. Kleine Finanzdienstleistungen verbessern die Einkommen benachteiligter Menschen, insbesondere von Frauen. Mikrofinanzinstitutionen (MFIs) ermöglichen es ihnen, in Kleinunternehmen zu investieren, aber auch soziale Leistungen bezahlen, um ihre  Familien zu versorgen.

Pro Mujer ist eine internationale Nichtregierungs-Organisation (NGO), die sich besonders um Frauen bemüht. Sie verbindet auf besondere Weise Mikrofinanzdienstleistungen (wie Kleinkredite, Sparguthaben und Versicherungen) mit Business-Training und Empowerment. Pro Mujer organisiert Workshops zu Gender-Fragen, häuslicher Gewalt, Kommunikation und Führungskompetenz und bietet Frauen so eine sichere und unterstützende Umgebung, in der sie Selbstbewusstsein und Vertrauen aufbauen können. Zudem bietet die NGO ihren Klientinnen hochwertige, aber preisgünstige medizinische Grundversorgung.

Gesundheitsfürsorge und Mikrofinanz gehören zusammen. Tatsächlich nutzen Klientinnen Mikrokredite oft für Gesundheitsausgaben. Insgesamt können – und sollten – MFIs mehr tun, um armen Menschen den Zugang zu medizinischer Versorgung zu erleichtern. Interessante Möglichkeiten sind:

  • Mikrokredite eigens für gesundheitliche Zwecke aufzulegen,
  • Sparkonten explizit für Gesundheitsausgaben einzurichten, 
  • Mikrokrankenversicherungen anzubieten, oder 
  • Gutscheine für medizinische Dienstleistungen zu verkaufen und den Klienten bei deren Finanzierung zu helfen.

Mikrokrankenversicherungen erleben in den letzten Jahren einen Boom. Dennoch ist der Ansatz nicht einfach. Das liegt unter anderem daran, dass bei einer Versicherung prinzipiell ungewiss ist, ob sie tatsächlich genutzt wird – arme Menschen aber davor zurück scheuen, Geld für Dinge auszugeben, die sie womöglich gar nicht brauchen werden. Versicherungen bündeln zudem die Risiken vieler Menschen. Sie brauchen also eine große Zielgruppe, um die Prämien klein halten zu können. Viele MFIs arbeiten dagegen mit kleinen Klientengruppen. Leider bieten viele Mikro-Versicherungen „Mikro“-Leistung nur zu „Makro“-Preisen. 

MFIs sind dennoch gut beraten, auch medizinische Leistungen in ihr Portfolio aufzunehmen. Sie können sich damit einen Wettbewerbsvorteil in einem zunehmend gesättigten Markt sichern. Zudem würde es zum sozialen Anspruch vieler MFIs passen. Es kommt darauf an, attraktive Produkte zu entwickeln und breitenwirksam zu vermarkten.

 

Der Ansatz von Pro Mujer

MFIs sind dafür bekannt, Frauen zu fördern. Die meisten Klientinnen von Pro Mujer zeichen drei Dinge aus: Sie sind arm, weiblich und wirtschaftlich selbständig. Jeder dieser Faktoren spielt für ihren Gesundheitszustand eine Rolle. Doña Juana ist ein „typisches” Beispiel.

  • Als arme Frau wusste Juana wenig über gesunde Lebensführung und   gute Essgewohnheiten. Sie suchte nur medizinische Hilfe, wenn sie sehr krank war – aber niemals zur Vorsorge. Mehr als 60 Prozent der Klientinnen von Pro Mujer sind übergewichtig oder adipös. Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Arthritis oder Krebs werden oft so spät diagnostiziert, dass die Behandlung sehr teuer wird. Krankheiten sind  der häufigste Grund für ökonomisches Scheitern. Zugleich sind Kosten, die diese Krankheiten für das öffentliche Gesundheitssystem bedeuten, recht hoch. Behinderungen und vorzeitiges Ableben betreffen MFI-Klientinnen viel zu häufig.
  • Als Frau wird Juana im Laufe ihres Lebens geschlechtsspezifische medizinische Versorgung benötigen: Verhütung, Schwangerschaftsbetreuung und Geburtspflege – und möglicherweise auch die Diagnose und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten wie etwa HIV/Aids. Sie sollte Vorsorgeuntersuchungen machen lassen und braucht vielleicht die auch Behandlung von Gebärmutterhals- und Brustkrebs. Darüber hinaus lebt Juana mit dem Risiko, häusliche Gewalt zu erleiden. Sie wird vermutlich auch Geld brauchen, um für die medizinische Versorgung ihrer Kinder aufzukommen. In den meisten Gesellschaften tragen die Frauen die Verantwortung für den Nachwuchs. 
  • Als Unternehmerin kann es sich Juana nicht leisten, Zeit zu verlieren. Daher zieht sie bisweilen teure private Gesundheitsdiestleistungen der kostenlosen öffentlichen Versorgung vor. Für eine kostenlose Ultraschalluntersuchung müsste Juana drei Arztbesuche einplanen. Für jede Konsultation würde sie mehrere Stunden warten und die Anreise bezahlen müssen. Eine Studie von Pro Mujer schätzt den wirtschaftlichen Verlust pro Stunde, die eine Frau, die in El Alto, Bolivien, nicht arbeitet, auf etwa 70 US-Cent. Da Juana auch jemanden dafür bezahlen müsste, dass er sich während ihrer Abwesenheit um ihr Geschäft kümmert, empfindet sie die umgerechnet sieben Dollar, die sie für einen privaten Ultraschall zahlt, als „billig“.

Angesichts der großen Nachfrage, sollten MFIs Gesundheits- und Mikrofinanzdienstleistung systematisch verknüpfen. Pro Mujer beispielsweise verfolgt den „one-stop shop”-Ansatz. Das Personal bietet allen Klientinnen Finanzdienstleistungen, Business-Training, Beratung und Gesundheitsservice an. Das ist für die Kunden praktisch und verringert die Zeit, die sie mit Pro-Mujer-Mitarbeitern zubringen. Zugleich erlaubt dieser Ansatz es Pro Mujer, effizient und kostengünstig zu arbeiten. 

Die NGO bietet den Klientinnen und deren Kindern basistherapeutische Behandlung, aber auch Vorsorgeuntersuchungen für ernste Gesundheitsprobleme an. Im Gegensatz zu anderen öffentlichen und privaten Gesundheitsanbietern steht Pro Mujer mit Frauen in direktem Kontakt, die besonders krankheitsgefährdet sind.  Die Mitarbeiter klären über Gesundheitsfragen auf und verschaffen Zugang zu medizinischer Versorgung.

Derzeit erreicht das Gesundheitsprogramm von Pro Mujer mehr als 250,000 Menschen in Argentinien, Bolivien, Mexiko, Nikaragua und Peru. Das Mikrofinazpersonal sorgt dabei auch für grundlegende Gesundheitsaufklärung, wirbt für für medizinische Angebote und verkauft klug konzipierte Gesundheitspakete. Ohne das Mikrofinanzprogramm würde die Organisation viel weniger Menschen erreichen.   

In Bolivien haben mittlerweile mehr als 60 Pro-Mujer-Zentren nicht nur Räume für Bankgeschäfte, sondern auch für Gruppentreffen und sogar medizinsch voll ausgestattete Behandlungszimmer. Rund 80 Prozent der über 110 000 bolivianischen Pro-Mujer-Kundinnen lassen Basisuntersuchungen wie Blutdruckmessung oder body-mass-indexing bei Adipositas vornehmen. Bei mehr als der Hälfte der Klientinnen wird die Brust untersucht und bei mehr als 25 Prozent ein jährlicher Krebsabstrich gemacht. Darüber hinaus nutzen die Klientinnen die medizinischen Dienste zur Grundversorgung für sich und ihre Kinder.

 

Zukunftsaussichten

Pro Mujer in Bolivien finanziert diese Dienste bisher mit Erlösen (Zinsen und Kommission) der Gelddienstleistungen. Das ist leicht zu handhaben. Aber der Mikrofinanzsektor wird in vielen Ländern immer stenger reguliert und die Gesetzgebung verhindert diesen Ansatz zunehmend. 

Deshalb hat Pro Mujer ein neues, finanziell-selbsttragendes Modell entwickelt. Zunächst wurde es in Nikaragua eingeführt, später auch in Peru. Es bietet Zugang zu Gesundheitsaufklärung, Vorsorge und Gutscheine für wichtige Leistungen. Eingeschlossen sind unbeschränkter Zugang zu Allgemeinärzten, medizinischer Beratung und zahnärztlicher Behandlung. Es umfasst auch Laboruntersuchungen, Krebsabstriche, Kostenvergünstigungen bei Fachärzten und verschreibungspflichtigen Medikamenten. Es enthält obendrein sogar  Gutscheine für Dinge, die nicht unmittelbar mit Gesundheit zu tun haben wie Lebensmittel, Kochgas und Kosmetiksalons.

Dank der Spar- und Kreditprodukte von Pro Mujer können sich die Klientinnen dieses Paket leisten. Der Erfolg hängt von der Nachfrage ab. Wenn zu wenig Frauen das Angebot nutzen, rechnet es sich nicht. In Nikaragua und Peru haben die Frauen aber begeistert reagiert. Pro Mujer hat die Absatzziele übertroffen und erreichte schon im ersten Jahr schwarze Zahlen.  

Die Auswirkungen auf die Gesundheit der Frauen müssen noch evaluiert werden. Dabei sollte weniger darauf geschaut werden, ob Prävalenz oder Inzidenz bestimmter Krankheiten reduziert werden. Wichtiger wären vielmehr den allgemeinen Gesundheitszustand zu erfassen, etwa mittles DALYs (Disability Adjusted Life Years). Eine Schwierigkeit dabei wird die riesige Vielfalt an Mikrofinanzdiensten in den unterschiedlichen MFIs sein. Manche haben Gesundheitskomponenten, andere nicht, und die Finanzierungsmodalitäten sind auch sehr unterschiedlich.

 

Caroline Sölle de Hilari war bis Juli 2013 für Gesundheit und menschliche Entwicklung für Pro Mujer in Bolivien zuständig. Sie dankt Gabriela Salvador von Pro Mujer International für ihren Beitrag zu diesem Essay. Sölle de Hilari wechselte kürzlich als Gesundheitsexpertin für Schulkinder in Latein Amerika und der Karibik zu Save the Children USA. Ihr Arbeitsplatz ist weiterhin in La Paz. [email protected]