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Pressefreiheit

Neue Technik, alte Regeln

von Hans Dembowski
Lining up for short supplies in Zimbabwe – a photograph published on the www

Lining up for short supplies in Zimbabwe – a photograph published on the www

Das Internet verändert die Arbeitsweise von Journalisten und bedeutet neue Konkurrenz für etablierte Medien. In den meisten Entwick­lungsländern bleibt Internetzugang ein Privileg der Eliten. Dennoch ist die Wirkung zu spüren. Weltweit fürchten Journalisten um profes­sio­nelle Standards, weil ihre Arbeitgeber versuchen, Umsatz mit sensationalistischen, oberflächlichen und billigen Inhalten zu machen. [ Von Hans Dembowski ]

Wegen Kenias Wahlkrise zum Jahreswechsel sind in wenigen Tagen rund 600 neue Websites entstanden. Blogger diskutierten die Verfahrensfehler und die Gewalt, die darauf folgte. Charles Onyango-Obbo von der Nation Media Group in Nairobi räumt ein, dass die etablierte Presse vergleichsweise unkritisch und handzahm daherkam. Das Internet sei zu spüren gewesen, obwohl in Afrika im Schnitt nur fünf Prozent der Bevölkerung Zugang haben und die meisten Wahlblogs auf Englisch geschrieben wurden.

Der Web-Aktivismus nahm verschiedene Formen an. Einige Autoren diskutierten Rechtsfragen und forderten Demokratie, andere formulierten Hass und riefen zu Gewalt auf. Militante Gruppen nutzen das Web, um ihre Hooligans zu koordinieren. Mit Morddrohungen schüchterten sie Journalisten ein. Sie, nicht staatliche Stellen, beschnitten die Pressefreiheit. Ob sie mit politischen Parteien oder Behörden in Verbindung standen, war kaum auszumachen.

Laut Onyango-Obbo leben viele der Blogger im Ausland. Kenias Diaspora fand einen Weg, sich in das Geschehen einzumischen. Vermutlich fühlten sich viele von ihrer relativen Sicherheit weit weg vom Chaos in der Heimat ermutigt. Onyango-Obbo berichtet, dass die Web-Nutzer schnell eine Loyalität zu bestimmten Sites entwickelten und dass viele Autoren angesichts des krassen Demokratiedefizits ihrer Wut Luft machten. In jedem Fall bekam das Internet eine nie da gewesene Bedeutung. „Wir hatten das nicht erwartet“, sagt Onyango-Obbo. Tatsächlich sehen die meisten Journalisten in Entwicklungsländern im Internet keine relevante Konkurrenz. Eher erleichtert es ihnen die Produktion herkömmlicher Medien.

Vidya Subrahmaniam ist stellvertretende Chefredakteurin des Hindu, einer seriösen indischen Tageszeitung. Mit Grauen erinnert sie sich, wie sie vor nur 25 Jahren als Korrespondentin auf unzuverlässige Telefon- und Telegraphendienste angewiesen war. Häufig kamen Texte nur fehlerhaft an, und es war selten möglich, abgeschickte Artikel zu aktualisieren. In den 90ern war das Fax ein großer Fortschritt – verglichen mit E-mail ist es jedoch recht umständlich.


Boomende Presse

Während in vielen reichen Ländern die Printmedien in einer Krise stecken, boomt die Branche in Indien, weiten Teilen Afrikas und anderen Entwicklungsregionen. Immer mehr Menschen können lesen, und viele Länder sind demokratisch geworden. Dadurch ist neuer Raum für öffentlichen Diskurs entstanden.

Andererseits beklagt Subrahmaniam, dass höhere Auflagen und Umsätze nicht unbedingt mit größerer Qualität einhergehen. Viele indische Zeitungen seien sensationalistischer geworden – angeregt von den kaum regulierten Funkmedien, die „nur das Mantra ‚schnappt das Publikum’ kennen“. Sport- und Filmstars bekämen immer mehr Platz, während ernsthafte Berichterstattung über komplexe soziale und politische Entwicklungen zurückstehen müsse.

Das sieht auch Sankashan Thakur vom indischen Telegraph aus Kalkutta so: In gewisser Weise litten Medien in seinem Land unter „zu viel Freiheit“. Verleger könnten in Indien leicht Profit machen. Da ihnen das mit trivialen Inhalten gelänge, seien traditionelle journalistische Standards in Gefahr. Laut Thakur sind gesellschaftlicher Zusammenhalt und sogar die Demokratie in Gefahr, wenn die Medien eines Landes ihre Berichterstattung auf das Schicksal der reichsten fünf Prozent konzentrieren, aber die 80 Prozent am unteren Ende nicht beachten.

Professionelle Journalisten wissen, dass sie Ansichten aller in ein Thema involvierter Parteien wiedergeben und Fakten überprüfen müssen. Sie haben gelernt, sorgfältig zu zitieren und ihre Quellen zu nennen. All das ist wesentlich, damit die Öffentlichkeit ihre Arbeit beurteilen kann. Für sensationsfixierte Boulevardblätter oder Blogger, die ihre Emotionen artikulieren, ist derlei aber nicht typisch.

Während indische Journalisten ihre professionellen Standards von Verlagen mit niedrigen Qualitätsansprüchen bedroht sehen, bekümmert ein ähnlicher Trend Journalisten in den reichen Nationen. Viele Verlage reduzieren ihre Belegschaften und den Rechercheaufwand, während sie versuchen, Kunden mit schnell generierten Inhalten anzulocken. Zunehmend lesen die Menschen dort nämlich Nachrichten im Internet, ohne für die Informationen zu bezahlen. Bertrand Pecquerie vom World Editor Forum spricht daher von „einem neuen Unternehmensmodell“. Aus Sicht des malaysischen Journalist Kean Wong, der aus Berlin berichtet, kommt es darauf an, „die professionelle Kultur des Journalismus“ trotz kommerzieller Probleme zu pflegen.

Profis berichten Fakten akkurat und stellen klar, wer was gesagt hat. Das ist für demokratische Partizipation unerlässlich. Der frühere Weltbankpräsident James Wolfensohn bezeichnete deshalb Pressefreiheit sogar einmal als den Kern von Entwicklung. Qualitätsjournalismus ist zudem für den volkswirtschaftlichen Erfolg wichtig, denn Investoren brauchen verlässliche Informationen. Das betonte Eduard Westreicher vom Bundesentwicklungsministerium im März auf einer Konferenz in Berlin, die das Internationale Institut für Journalismus (IIJ) von InWEnt zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausrichtete.

Bei dieser Gelegenheit sagte F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka, journalistische Qua­­litätsstandards würden sich behaupten. Gute Berichterstattung beruhe auf genauer Prüfung der Quellen, und das sei „nichts Neues“. Medienhäuser, die das vernachlässigten, riskierten ihre Glaubwürdigkeit. Niemand wolle sich von einem „Bürgerpiloten anstelle eines Profipiloten heimfliegen lassen“. Im Journalismus sei das auf Dauer nicht anders. Als problematisch bezeichnete dagegen Hugh Williamson von der Financial Times, dass das Internet recherchierende Journalisten unter immensen Zeitdruck setze. Aus Sicht von IJJ-Leiterin Astrid Kohl gibt es viele Mittel, die Pressefreiheit zu fördern. Der Ansatz von InWEnt ist, journalistische Fähigkeiten zu trainieren und Kollegen international zu vernetzen, um so die professionelle Ethik zu pflegen.


Grenzenlose Kommunikation

Moderne Kommunikationstechnik macht es Dissidenten in autoritär regierten Ländern bekanntlich relativ leicht, Informationen ins Ausland zu schaffen. Beispiele bieten per Handy übermittelte Bilder von buddhistischen Mönchen aus Burma im vergangenen Herbst oder Berichte, die von iranischen Blogs stammen. Inwiefern das Internet auch hilft, umstrittene Informationen in solche Länder zu tragen, ist indessen eine andere Frage.

In den frühen Tagen des Internets schien Zensur undenkbar. Das hat sich geändert, da Regierungen ihre Software ständig weiterentwickeln. Alan Robles, Journalist und Webhost aus Manila, spricht ironisch von der „great fire wall of China“. Es gibt zwar Wege, Zensur zu umgehen, beispielsweise durch die Nutzung von Proxyservern oder Code-Wörtern für bestimmte, von autoritären Regimen tabuisierte Themen. Fachleute wissen jedoch, dass das, was heute noch funktioniert, morgen schon blockiert sein kann, da staatliche Kontrolleure sich darum bemühen, mit den Dissidenten Schritt zu halten.

Es ist technisch schwierig, das Internet zu kontrollieren. Manche undemokratischen Regierungen scheuen auch aus politischen Gründen davor zurück, weil Eingriffe in das Web ihrem internationalen Ruf schaden würden. Skrupellose Regime neigen aber dazu, Online-Autoren, derer sie habhaft werden, drakonisch zu bestrafen. Solch brutale Abschreckung schränkt Meinungsfreiheit selbstverständlich auch ein. Laut der internationalen Organisation „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlichte ein Drittel der weltweit inhaftierten Autoren ihre umstrittenen Texte im Internet.

Beim grenzüberschreitenden Internetverkehr geht es derweil meist nicht um politische Opposition. Vielmehr halten Migranten so Kontakt zu Verwandten und Heimat. Alan Robles weist darauf hin, dass Philippinos täglich rund eine Milliarde SMS-Nachrichten produzieren. Die vielen Auswanderer seien aber nie zu einer politischen Kraft zusammengewachsen. Sie hätten keinen Einfluss auf die innenpolitischen Angelegenheiten des Archipels. Im Krisenfall könnte sich das schnell ändern. Zumindest war das in Kenia der Fall – ohne dass die Diaspora politisch zu einer gemeinsamen Position gefunden hätte.