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Wirtschaftspolitik

Hauptsächlich informelle Beschäftigung

von Hans Dembowski

In Kürze

Informelle Beschäftigung bleibt die Norm: Imbiss-Stand in Delhi.

Informelle Beschäftigung bleibt die Norm: Imbiss-Stand in Delhi.

Indien braucht weitere Liberalisierung, fordern zwei prominente Ökonomen. Dann werde Wachstum einen „doppelten Angriff auf Armut“ bewirken.

Jagdish Bhagwati und Arvind Panagariya sind indische Volkswirte, die an der New Yorker Columbia Universität lehren. Sie sind stolz auf den Fortschritt, den ihr Heimatland in den vergangenen zwei Jahrzehnten erreicht hat, meinen aber, dass mehr geschehen muss. Ihr aktuelles Buch „Why growth matters“ entwirft eine zweigleisige Wirtschaftspolitik. Eine Art von Reformen („Track I“) soll das Wachstum beschleunigen, eine weitere Art („Track II“), soll „effektiverer und inklusiver Umverteilung“ dienen.

Bhagwati fordert schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Liberalisierung in Indien. Er argumentiert, dass Wachstum neue Arbeitsplätze und Chancen schafft und deshalb für Armutsbekämpfung nötig ist. Zudem führe es zu höheren Staatseinnahmen, mit der die Umverteilungspolitik finanziert werden kann, damit arme Menschen neue ökonomische Möglichkeiten auch nutzen können. Bildungs- und Gesundheitspolitik seien dafür wichtig.

Entsprechend setzt sich Bhagwati seit Jahrzehnten für Wachstumsstrategien ein. Die etatistisch-sozialistischen Konzepte, die Indien nach der Unabhängigkeit verfolgte, brachten tatsächlich kein schnelles Wachstum. Das änderte sich in den frühen 90er Jahren, als Manmohan Singh, der heutige Premierminister und damalige Finanzminister, begann, die Wirtschaft zu liberalisieren. Er stützte sich dabei auf Vorarbeiten von Akademikern wie Bhagawati und seine eigenen volkswirtschaftlichen Einsichten.

Heute betonen Bhagwati und Panagariya die indische Ownership der Reformen, die eben nicht nur eine Kapitulation gegenüber Weltbank und Internationalem Währungsfonds in einer Zahlungsbilanzkrise waren. Ihr Beweis ist, dass der Prozess nicht umgekehrt wurde, als Indiens Devisenreserven bald darauf wieder eindrucksvoll wuchsen.

Die beiden Professoren finden auch die Ergebnisse in Sachen Armutsbekämpfung eindrucksvoll. Der Anteil der Armen an der indischen Bevölkerung sei von 40 Prozent Ende der 80er Jahre auf etwa 20 Prozent Ende des vergangenen Jahrzehnts gesunken. In derselben Zeit sei die Armutsquote unter den Scheduled Castes and Tribes, den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen Indiens, von rund 50 Prozent auf etwa 40 Prozent gesunken. Bhagwati and Panagariya widersprechen vehement der Sicht, dass arme Menschen nichts von Wachstum hätten und Umverteilung das Hauptmittel der Armutsbekämpfung sei. Sie halten Indien für zu arm, um Not nur mit Umverteilung zu begegnen. In der Tat betrug die Wirtschaftsleistung Indiens pro Kopf laut IWF 2012 nicht ganz 1500 Dollar.

Bhagwati und Panagariya fordern weitere Liberalisierung – beispielsweise des Arbeitsmarkts. Sie zeigen auf, dass Gesetze, die Arbeitnehmer eigentlich schützen sollen, kontraproduktiv sind, weil sie reguläre Beschäftigung im Privatsektor verhindern. „Wegen Regeln des Arbeitsrechts steigen die Produktionskosten jeweils, wenn ein Betrieb sieben, zehn, 20, 50 oder 100 Mitarbeiter beschäftigt“, halten die Autoren fest. Die Folge ist, dass es in Indien kaum reguläre Arbeitsplätze gibt.

2009/2010 waren dem Buch zufolge nur 9,8 Millionen Menschen regulär in der Privatwirtschaft beschäftigt. Das ist eine winzige Zahl in einem Land mit 1,2 Milliarden Einwohnern. In vielen anderen Ländern Asiens hat das Wachstum privater Industrieunternehmen viele reguläre Arbeitsplätze geschaffen, zunächst in Niedriglohnbranchen wie Bekleidung und Spielzeug, später aber auch in anspruchsvolleren Wirtschaftszweigen. Bhagwati and Panagariya warnen, dass die Arbeitsgesetzgebung diesen Entwicklungspfad in Indien versperrt. Stattdessen bleibt informelle Arbeit ohne jeglichen Schutz die Norm.

Das Wachstum beschleunigen würden aus Sicht der beiden Wissenschaftler Reformen des Grundeigentumsrechts, Verbesserungen der Infrastruktur und Investitionen in höhere Bildung. Als Ergebnis versprechen sie mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze sowie höhere Staatseinnahmen, die für „Track II“-Reformen verwendet werden könnten. Dabei sollte sich der Staat dann auf Dinge wie Grundbildung, Gesundheitswesen und Ernährungssicherheit konzentrieren.

Hans Dembowski