Entwicklung und
Zusammenarbeit

Naturkatastrophen

Soziale Sicherung in Pakistan flexibler gestalten

In Pakistan sind die Menschen auf vielfältige Weise gefährdet: durch langfristige Probleme wie strukturelle Armut ebenso wie durch plötzliche Krisen wie Krankheiten oder Naturkatastrophen. Was getan wird, damit das soziale Sicherungssystem die Menschen in all diesen Fällen besser schützen kann.
Ein mobiler Registrierungswagen besucht Gemeinden in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die von klimabedingten Katastrophen betroffen sind. Farman Nawaz
Ein mobiler Registrierungswagen besucht Gemeinden in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die von klimabedingten Katastrophen betroffen sind.

Es war ein kleiner Lichtblick inmitten von großem Leid: Als die Bewohner*innen des Dorfes Beshonai im Distrikt Buner in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa 2025 nach Starkregen von Überschwemmungen schwer getroffen wurden, konnten sie sich zumindest vor Ort für Hilfe registrieren, dank eines mobilen Registrierungsfahrzeugs. „Wir dachten, wir müssten wieder meilenweit reisen, um uns registrieren zu lassen“, erinnert sich Salma, eine der Dorfbewohnerinnen. „Aber dieses Mal kam das Team zu uns.“

Zuverlässige Unterstützungsangebote und ein sicherer Zugang dazu sind die Voraussetzungen dafür, dass Menschen nach Naturkatastrophen und anderen Krisen möglichst schnell wieder auf die Beine kommen. In vielen Ländern des Globalen Südens besteht aber eine große Herausforderung darin, diese Angebote maßgeschneidert zu liefern: in strukturellen Krisen ebenso wie nach plötzlichen Notfällen. Dabei hat die verheerende Sturzflut im Grenzgebiet von Nepal und Tibet Ende August dieses Jahres einmal mehr gezeigt, wie schnell ganze Landstriche ihre Lebensgrundlagen verlieren können.

Pakistan zählt zu den Ländern, die von den Auswirkungen der Klimakrise besonders betroffen sind. Das Land hat mehr als 250 Millionen Einwohner*innen, von denen einige in sehr abgelegenen, gebirgigen Gegenden leben. Seit den historischen Überflutungen von 2022 haben sich mehrere weitere Naturkatastrophen ereignet, wenn auch in geringerem Ausmaß, wie die Wolkenbrüche im Distrikt ­Buner. Dann verwandeln sich schmale Bäche in reißende Ströme, die Schlamm und Trümmer durch Dörfer spülen, Häuser zerstören, Straßen wegspülen und ganze Gemeinden über Nacht von der Außenwelt abschneiden.

Hört man Menschen wie Salma genau zu, wird klar: Nach solchen Katastrophen kämpfen sie nicht nur mit dem Verlust von Angehörigen, Besitztümern und ihrem Zuhause, sondern auch mit Unsicherheit. Oft haben sie etwa wichtige Dokumente verloren, können aber Behörden nicht erreichen, weil Infrastruktur zerstört ist. Das soziale Sicherungssystem, das sie eigentlich unterstützen sollte, erscheint für viele plötzlich unerreichbar. Eine Anwohnerin, Najma, berichtete es in einem Gespräch so: „Wir wussten nicht, wo wir neu anfangen sollten oder wie wir Hilfe finden konnten.“

Plötzliche Krisen bringen Systeme an ihre Grenzen

Soziale Sicherungssysteme in Pakistan und anderswo sind häufig darauf ausgelegt, diejenigen zu unterstützen, die auf Basis längerfristig erhobener Daten als benachteiligt identifiziert wurden. Solche statischen Systeme, deren Daten nur in größeren Abständen aktualisiert werden, geraten jedoch an ihre Grenzen, wenn Krisen plötzlich zuschlagen. Das gilt auch für Pakistans größtes Sozialhilfeprogramm, das Benazir Income Support Programme (BISP). Welche Personen Ansprüche auf BISP-Unterstützung haben, hing lange von den Ergebnissen von Haushaltserhebungen ab, die im Abstand von mehreren Jahren durchgeführt wurden. 

Die fortschreitende Klimakrise erhöht aber das Risiko für unvermittelt eintreffende und kaum vorhersehbare Extremwetterereignisse. Systeme, die nur in größeren Abständen aktualisiert werden, können mit den drastischen Klimaveränderungen der vergangenen Jahre kaum Schritt halten. 

Nötig ist also eine Anpassung der sozialen Sicherungs­systeme, um diesen Gefahren Rechnung zu tragen. „Sozialschutz muss langfristig angelegt, schockresilient und in die Bemühungen um Klimaresilienz integriert sein,“ sagt ­Meriem El Harouchi, Erste Sekretärin bei der Delegation der Europäischen Union in Pakistan.

Ein Hirte in Kenia steht Anfang 2022 in einer Herde von Ziegen und Schafen, die vermutlich durch Wetterextreme getötet wurden.

Datengrundlagen stärken

Auch Johanna Knoess, Projektleiterin für adaptive soziale Sicherung bei der GIZ Pakistan, betont die Notwendigkeit, soziale Sicherungssysteme anzupassen: „Adaptive soziale Sicherung bedeutet, sicherzustellen, dass Systeme auf plötzliche Schocks ebenso effektiv reagieren können wie auf chronische Armut“, sagt sie. „Die Stärkung von Datensystemen und der Ausbau von Mechanismen zur Versorgung der letzten Meile sind entscheidend, um dies zu ermöglichen.“

Die schnelle Registrierung nach einem Katastrophenfall mit den eingangs erwähnten Registrierungsfahrzeugen des BISP ist eine von mehreren Maßnahmen. Wenn es Menschen nach einer Katastrophe nicht möglich ist, selbst ein Registrierungszentrum zu erreichen, muss die Registrierung eben zu ihnen kommen. 

Mit Unterstützung der EU und Deutschlands arbeitet Pakistan zudem daran, die Datengrundlagen für BISP-Unterstützung regelmäßiger zu aktualisieren. Es sollen außerdem mehr Daten zum Katastrophenrisiko einfließen, um Veränderungen in den Lebensumständen der Menschen schneller berücksichtigen zu können. Eine Familie, die noch vor wenigen Wochen in einer stabilen Lage war, benötigt möglicherweise plötzlich Unterstützung; wird ihr Status jedoch nicht im System aktualisiert, läuft sie Gefahr, übersehen zu werden.

Auch Initiativen zur finanziellen und digitalen Bildung sorgen für bessere soziale Sicherung in Pakistan. In der Provinz Sindh etwa lernen Frauen im Rahmen der „Digital and Financial Literacy Initiative“ des BISP, wie man mobile Geldbörsen nutzt, kleine Ersparnisse verwaltet und auf Informationen zu sozialer Sicherung zugreift. Die Frauen erwerben dabei nicht nur wertvolle Fähigkeiten, sondern steigern auch ihre Selbstsicherheit. 

Farman Nawaz ist Communication Advisor beim Adaptive Social Protection Project von GIZ Pakistan.
farman.nawaz@giz.de  

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