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Togo

Erster behinderter Abgeordneter in Togos Parlament

von Samir Abi

Hintergrund

Gaëtan Ahoomey-Zunu ist der erste Abgeordnete Togos mit Behinderung.

Gaëtan Ahoomey-Zunu ist der erste Abgeordnete Togos mit Behinderung.

Menschen mit Behinderungen in Togo haben es schwer, einen Schul- und Arbeitsplatz zu finden. Viele landen als Bettler auf der Straße. Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich seit Jahren für Behindertenrechte ein, und ihr Engagement trägt Früchte: Ein politischer Wandel zeichnet sich ab.

Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Erstmals hat es ein Mann mit Behinderung ins togolesische Parlament geschafft. Gaëtan Ahoomey-Zunu konnte bei den Parlamentswahlen im Dezember 2018 trotz seiner Sehbehinderung die Bürger von sich überzeugen. Für fünf Jahre vertritt er nun die Interessen seiner Wähler aus den nördlichen Stadtteilen von Lomé, der Hauptstadt Togos.

Dass 2018 eine sehbehinderte Person in die Nationalversammlung gewählt wurde, ist ein bemerkenswertes Zeichen für den Wandel in der togolesischen Gesellschaft. Bereits 2013 versuchte ein Politiker mit Sehbehinderung sich ins Parlament wählen zu lassen. Doch Jérémy Vidja schaffte es damals noch nicht. Heute werden Menschen mit Behinderungen anders wahrgenommen.

Behinderungen als Belastung

Doch noch nicht überall. In vielen Regionen Afrikas führen Eltern die Behinderung ihres Kindes auf einen Fluch zurück. Sie glauben, dass dieser Fluch über die Familie dafür sorgt, dass Kinder mit Behinderungen geboren werden oder im Laufe ihres Lebens durch einen Unfall oder eine Krankheit körperlich oder psychisch eingeschränkt werden. Kinder mit Behinderungen sind eine große finanzielle Belastung für viele Familien, da die staatlichen Sozialleistungen in Togo unzureichend sind und es keine materielle und finanzielle Hilfe für Eltern gibt (siehe dazu meinen Beitrag aus 2014 auf www.dandc.eu).

Nur wenige Eltern haben den Mut, sich der täglichen Diskriminierung ihrer Kinder in den Weg zu stellen und ihnen Zutrauen zu schenken. Dadurch fällt es Eltern schwer, sie bei der sozialen und beruflichen Inklusion zu unterstützen. Oftmals gehen Kinder mit Behinderungen nicht in die Schule – obwohl die Erfahrung zeigt, dass sie und ihre Familien vom Schulbesuch profitieren. Ihre soziale Entwicklung wird im Klassenzimmer gefördert, und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie nicht als Bettler auf den Straßen der Großstädte landen.

Inklusive Schulen führen zum politischen Wandel

Seit den 1970er-Jahren gibt es in Togo erste Schulen für Kinder mit Seh- und Hörbehinderungen. Deutsche Nichtregierungsorganisationen spielten bei der Gründung dieser Schulen eine grundlegende Rolle und sorgten dafür, dass es heute eine intellektuelle Elite gibt, der Menschen mit Behinderungen angehören.

Die hervorragenden akademischen Leistungen dieser Pioniere und ihr Kampf für ihre berufliche Integration haben der gesamten togolesischen Gesellschaft die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen vor Augen geführt. Inklusive Bildung und der Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen sind in den vergangenen zehn Jahren zu einer Priorität der nationalen Politik geworden, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 zu erreichen.

Rund 20 Lehrer, die die Zeichensprache und die Brailleschrift beherrschen, arbeiteten 2021 daran, die 7139 beschulten Kinder mit Behinderungen zu begleiten. Diese mit Motorrädern ausgestatteten Lehrkräfte fahren täglich vier bis fünf Dörfer in einer Region ab, um behinderte Schüler einige Stunden im Unterricht zu unterstützen. Wenn die Gefahr besteht, dass Kinder die Schule abbrechen wollen, kümmern sich die Lehrkräfte auch um die Kommunikation mit den Eltern. Schulabbrüche sind weit verbreitet und werden durch lange und schwierige Schulwege sowie mangelnden Zugang zu Lernmaterialen beschleunigt.

Nicht alle profitieren

Die Zahl der mobilen Lehrer ist zu gering, um alle Kinder mit Behinderungen zu erreichen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Im vergangenen Jahr wurden in Togo 13 282 Kinder mit Behinderungen identifiziert, die aus einkommensschwachen Familien kommen und sich in einer schwierigen sozialen Lage befinden. Ihre Eltern können die vielen Kosten nicht decken, die der Schulbesuch eines behinderten Menschen mit sich bringt, sodass ein Schulabbruch droht.

Dennoch ist dieser erste Schritt der togolesischen Regierung in Richtung einer inklusiven Bildung für alle zu begrüßen. Dass der öffentliche Haushalt von nun an den Schulbesuch von Kindern mit Behinderungen berücksichtigt, ist ein großer Fortschritt. Die Eltern und Absolventen mit Behinderungen werden jedoch weiterhin Druck auf den Staat ausüben müssen, um dieses Budget beizubehalten oder sogar zu erhöhen.

Die Vision eines inklusiven Arbeitsmarktes

Um in der öffentlichen Verwaltung und großen Privatunternehmen eine Quote für Arbeitnehmer mit Behinderung einzuführen, muss der Staat auch hier aktiv werden. Seit Dezember 2020 gibt es bereits ein Gesetz, das die Diskriminierung von Hochschulabsolventen mit Behinderung bei der Einstellung verbietet. Doch die Existenz eines solchen Gesetzes ist noch keine Garantie für seine Anwendung. Erschwert wird sie durch die hohe Arbeitslosenquote der Gesamtbevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Laut Angaben des nationalen Statistikamts betrug diese 35 Prozent im Jahr 2018.

Die Corona-Krise und die darauffolgende Inflation haben die Situation der Arbeitssuchenden noch prekärer gemacht. Nur eine geringe Anzahl von Unternehmen in Togo hat die Pandemie überlebt. Angesichts dieser Situation ist die Einstellung von Menschen mit Behinderungen keine Priorität für die Unternehmen. Sie ziehen es vor, nichtbehinderte Menschen einzustellen, um schnell wieder produktiv zu arbeiten.

Auch in der öffentlichen Verwaltung werden kaum Neueinstellungen vorgenommen, um den Sparauflagen des Interna­tionalen Währungsfonds (IWF) angesichts der übermäßigen Verschuldung des Landes nachzukommen. Die Ausgrenzung von Hochschulabsolventen mit Behinderungen aus der Arbeitswelt und das Fehlen eines spezifischen Finanzierungssystems zur Unterstützung ihrer unternehmerischen Projekte führen dazu, dass sich ein Teil dieser Personen den sozialen Protestbewegungen gegen die togolesische Regierung anschließt.

Soziale Protestbewegungen

Fovi Katakou, ein junger Togolese mit Mehrfachbehinderungen, ist in Westafrika wegen seiner Oppositionsarbeit gegen die togolesische Regierung bekannt geworden. Seine zehntägige Inhaftierung kurz vor dem Jahreswechsel 2021 sorgte auf dem afrikanischen Kontinent für Aufsehen. Fovi Katakou wurde vorgeworfen, die togolesische Regierung in sozialen Netzwerken kritisiert zu haben.

Der Sohn eines Mathematiklehrers und einer Kauffrau wurde von seinen Eltern unterstützt und konnte trotz seiner Mehrfachbehinderung seine schulische und universitäre Ausbildung abschließen. Er hat einen Abschluss in Soziologie und schreibt seit etwa zehn Jahren in sozialen Netzwerken über Armut und politische Unterdrückung in Togo. Bekanntheit erlangte er auch als begehrter Interviewpartner in den Medien. Fovi Katakou ist eine der prägnantesten Persönlichkeiten des sozialen Protests in Togo.

Aufgrund seines Engagements ist er den Repressionen der Behörden in Togo ausgesetzt. Sie schrecken nicht davor zurück, den Rollstuhlfahrer für seine Kritik oder seine Teilnahme an öffentlichen Demonstrationen ins Gefängnis zu stecken. Sein Mut, dem Regime trotz seiner Behinderung die Stirn zu bieten, macht ihn jedoch unbestreitbar zu einem beliebten Togolesen.

Er steht für eine neue Generation von Menschen mit Behinderungen, die sich nicht mehr auf das Betteln auf der Straße oder die Unterstützung durch soziale Organisationen beschränken wollen. Sie wollen trotz körperlicher Einschränkungen mit ihren geistigen Fähigkeiten dazu beitragen, ein freies und gerechtes Land aufzubauen, in dem niemand aufgrund seiner Armut oder Behinderung ausgegrenzt wird.


Samir Abi arbeitet für Visions Solidaires, eine nichtstaatliche Entwicklungsorganisation in Togo.
samirvstg@gmail.com