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Sexualisierte Kriegsgewalt

Trauma-Arbeit kostet Zeit

von Eleonore von Bothmer
In Bürgerkriegs- und Konfliktregionen werden Frauen oft Opfer brutaler Übergriffe. Vergewaltigung wird als Waffe systematisch eingesetzt. So werden auf effektive Weise ganze Gesellschaften geschwächt und zerstört. Die Betroffenen tragen tiefe psychische Wunden davon – und oft auch gravierende körperliche Schäden. Diese Frauen brauchen umfassende und langfristige Betreuung: medizinisch-psychologisch ebenso wie rechtlich und sozial. Dennoch sollten sie nicht einfach zu Opfern abgestempelt werden, sondern in ihrer Rolle als aktive Subjekte gestärkt werden. [ Von Eleonore von Bothmer ]

„Im Kongo ist es gefährlicher, eine Frau zu sein als ein Soldat“, sagt Charlotte Isaksson, die frühere Genderbeauftragte der schwedischen EUFOR Streitkräfte in der Demokratischen Republik Kongo. Die Zahlen sprechen für sich: 100 000 Frauen wurden dort nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im Jahr 2008 vergewaltigt. Oft fanden die Übergriffe in aller Öffentlichkeit statt, nicht selten schändeten mehrere Männer die Frauen oder Mädchen, wie Venantie Bisima Nabintu vom Womens’ Network for Justice and Peace (RFDP) berichtet. Zum Teil verwendeten die Angreifer zudem Flaschen oder Holzstücke.

Manche Vergewaltiger gehen so brutal vor, dass die Verletzungen ihrer Opfer genäht werden müssen. Manche der Leidtragenden werden inkontinent. Fast immer werden die Frauen psychisch traumatisiert, nicht selten werden sie mit HIV infiziert oder geschwängert. Darüber hinaus erfahren sie oft soziale Ächtung – und werden von Ehemann, Familie und Gemeinschaft verstoßen. „Ein vergewaltigtes Mädchen wird automatisch zur Ausgestoßenen“, sagt die somalische Friedensaktivistin Asha Haji Elmi.

Isakssons Aussage trifft offensichtlich auch für andere Konfliktregionen in Afrika zu: Während des Völkermordes in Ruanda 1994 wurde schätzungsweise eine halbe Million Frauen vergewaltigt, in Liberia zwei von drei. In Sierra Leone galt das für 94 Prozent der Flüchtlingsfrauen.

Dabei werden die Opfer immer jünger. 17 Prozent derjenigen, die nach sexueller Gewalt in Krankenhäusern von Ärzte ohne Grenzen in afrikanischen Konfliktregionen behandelt wurden, waren Kinder unter 12 Jahren. Aber nicht nur in Afrika ist sexuelle Gewalt gegen Frauen in Kriegszeiten Alltag: Im ehemaligen Jugoslawien wurden während des Bürgerkriegs zwischen 20 000 und 60 000 Frauen Opfer sexuellen Missbrauchs. Die Nachsorge der Betroffenen dauert bis heute an.

Um gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Konflikten anzugehen, sollten mehr weibliche Polizistinnen ausgebildet und eingesetzt werden. Außerdem müssen sämtliche Sicherheitskräfte, auch die Blauhelme, für das Thema sensibilisiert werden – ein Unterfangen, das gar nicht so schwierig ist, wenn man sich wirklich darum bemüht, Geschlechterfragen in die Ausbildung zu integrieren, sagt Isaksson. Dafür müssten die Leute in einer Sprache angesprochen werden, die sie verstehen. „Man kann wirklich etwas erreichen“, betont die Fachfrau aus Skandinavien.

Wiederkehrendes Leid

Trotz aller Änderungen des internationalen Rechts – entscheidend sind dabei zwei UN-Resolutionen, die im vergangenen Jahr erlassen wurden (siehe Kasten) – wird es in Krisenregionen wohl auch weiterhin zu Übergriffen gegen Frauen kommen. Wie Stephen Rapp, Chefankläger des Sondergerichts in Sierra Leone, sagt: „Sexuelle Gewalt hat in allen Konflikten eine Rolle gespielt.“

Folglich muss den Betroffenen geholfen werden. Leider fehlt es aber oft an geeigneten Konzepten. Selmin Çalıskan von der deutschen Frauenrechtsorganisation medica mondiale klagt, bisher beschränke sich der Einsatz auf Einzelmaßnahmen mit einer Vielfalt verschiedener Instrumente. Sie nennt Afghanistan als Beispiel, wo alle möglichen Geber aktiv seien, aber keiner wisse, was der andere tut. „Viele Frauen sterben, weil wir keine stimmigen Konzepte haben“, sagt Çalıskan.

„Wo Frauen zerstört werden, zerstört man die Zukunft eines ganzen Volkes“, sagt der Arzt Lusi Kasereka. Er ist Direktor der regierungsunabhängigen Organisation Heal Africa im Kongo. Früher habe man gedacht, dass bei Vergewaltigten nur der körperliche Schaden behoben, die vaginalen Verletzungen behandelt werden müssten. Dabei litten viele Frauen mehr noch unter ihren Gewalterfahrungen. Um der Komplexität der Thematik gerecht zu werden, sei ein ganzheitlicher Ansatz nötig.

Heal Africa beispielsweise versucht unter anderem in so genannten „healing arts“-Projekten, Frauen einfache handwerkliche Dinge wie Brötchenbacken und Nähen beizubringen. Mit solchen Fertigkeiten können sie ihre Ressourcen aktivieren und auf würdige Weise ihren eigenen Lebenshalt verdienen. Kasereka betont, dass oft eine ganz neue Lebensgrundlage geschaffen werden müsse.

Dazu gehört auch, dass das Unrecht anerkannt wird, das den Betroffenen widerfahren ist. Die Täter müssen an die Öffentlichkeit, nicht die Opfer. Es muss klargestellt werden, dass nicht die Vergewaltigten schuldig sind, sondern ihre Peiniger. Das ist allerdings nicht selbstverständlich. „Vergewaltigung ist das einzige Verbrechen, bei dem das Opfer bestraft wird“, meint Ute Scheub, Mitbegründerin des deutschen Frauensicherheitsrates. Bei allen Gräueltaten, die viele Frauen erlebt haben, dürften sie nicht als ewige Opfer abgestempelt werden, sondern müss­ten als aktive Subjekte anerkannt und gestärkt werden.

Auch das Gesundheitswesen müsse sich dem Thema sexualisierte Gewalt stellen, ein entsprechendes Umfeld für die Frauen müsse geschaffen werden, so Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Im Idealfall gibt es Krankenhäuser, die den Frauen Rehabilitationsmaßnahmen anbieten, und wo sie darüber hinaus auch Rechtsberatung bekommen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstütze beispielsweise eine derartige Klinik in Nigeria.

Wo auch immer und unter welchen Umständen Frauen Opfer sexueller Gewalt werden, müssen sie langfristig betreut werden – und zwar in sämtlichen Lebensbereichen. Darin waren sich die Experten auf der von InWEnt gemeinsam mit UNIFEM am internationalen Frauentag, dem 8. März, in Berlin veranstalteten Konferenz zu Gewalt gegen Frauen einig.

Marijana Senjak, die seit 16 Jahren am Frauen-Therapie-Zentrum in Bosnien mit Betroffenen arbeitet, betont, wie wichtig es in der Arbeit mit Traumatisierten ist, „schnell Strukturen zu schaffen“. Zu den wichtigen Herausforderungen zählt sie neben medizinischen und juristischen Aspekten auch berufliche Ausbildung, Reintegration und psychosoziale Aufgaben: „Trauma-Arbeit ist immer langwierig.“

Auch die Medien spielten eine bedeutende Rolle, meint Senjak. Diese müssen nicht nur über Ereignisse informieren, sondern auch über Ursachen und Folgen aufklären. Es sei wichtig, dass Journalisten ihre Arbeit als einen edukativen Auftrag verstünden.

Gerade in armen und politisch instabilen Ländern ist es aber oft nicht einfach, solche Forderungen zu erfüllen. So fehlten zum Beispiel für die angemessene psychologische Betreuung der Menschen, die durch massive Gewalterfahrungen traumatisiert wurden, meist entsprechend ausgebildete Fachleute. In Uganda etwa gebe es ein oder zwei Psychiater und ebenso wenige klinische Psychologen, berichtet der Bielefelder Psychologieprofessor Frank Neuner. In Liberia oder im Kongo sehe es kaum anders aus. Gemeinsam mit Kollegen hat er eine Therapieform zur Traumabehandlung entwickelt, deren Anwendung er auch geschulten Nicht-Experten zutraut. Er sieht das pragmatisch: „Wenn es nicht anders geht, muss man eben Laien ausbilden, um die Opfer zu behandeln.“

Auch die Rolle der Männer muss genauer betrachtet werden – aber man müsse sich vor klischeehaften Ansichten hüten, warnt Neuner. Grundsätzlich müssten Männer in Maßnahmen zur Gewaltprävention einbezogen werden, aber dazu müsse man ihnen auch die Chance geben, so Muriel Volpellier vom Internationalen Rehabilitationsrat für Folteropfer (IRCT) in Dänemark. Auch seien nicht nur Frauen Opfer sexualisierter Gewalt. Rund zehn Prozent der traumatisierten Menschen, die zu ihr in die Beratung kämen, seien Männer. Diese müssen nicht nur um ihrer selbst willen behandelt werden, sondern auch, weil sie ihre Erfahrungen eher mit in die Familie tragen. Bei Männern, die selbst zum Opfer wurden, gilt das Risiko, dass sie selbst zu Tätern werden, als besonders groß.