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Marginalisierung

Ohne Stimme

von Ipsita Sapra

Hintergrund

A Life Help Centre  for people with disabilities in Chennai formerly Madras.

A Life Help Centre for people with disabilities in Chennai formerly Madras.

Menschen mit Behinderung werden im ländlichen Indien in allen Lebensbereichen ausgegrenzt. Die Ursachen der Behinderungen sind meist Armut und schlechte Gesundheitsversorgung. Die Betroffenen sind auf sich selbst angewiesen, denn der Staat kümmert sich nicht ausreichend. Von Ipsita Sapra

Sacchidananda ist willensstark – und er hatte Glück. Er ist das Kind einer armen westbengalischen Dorffamilie und erkrankte mit zwei an Polio. Er war nicht geimpft worden. Die Folge ist eine schwere Gehbehinderung. Dennoch liebte der Junge seine Schule, wohin er ohne Krücken oder Rollstuhl über enge, unebene Dorfgassen und glitschige Teichufer hinkte. Er fiel  mehrfach ins Wassser – aber er schloss die Schule ab. Die Lehrer verlegten seinen Unterricht ins Erdgeschoss.

Mit Hilfe von Familie, Dozenten und Altersgenossen schaffte Sacchidananda es bis aufs College in Kolkata, wo er sich mit wenig Geld durchschlug. Heute lebt er als Schullehrer wieder in seinem Dorf. Er gilt als Vorbild, unter anderem, weil er seine Familie aus der Armut geholt hat. Nun lehrt er arme Kinder, nicht aufzugeben.

Sacchis Geschichte ist wahr, aber eher die Ausnahme als die Regel. Die Aussichten Heranwachsender mit Behinderungen im ländlichen Indien sind Armut, Marginalisierung und Hilflosigkeit. Statistiken zeigen, dass Menschen mit Behinderungen Persons with Disabilities – PWDs in allen Gesellschaften weniger arbeiten als gesunde Menschen, aber eine Vielzahl von bezahlten und unbezahlten Aufgaben übernehmen. In agrarisch geprägten Ökonomien arbeiten nur extrem beeinträchtigte und sehr alte Menschen gar nicht. Das Problem ist, dass die Arbeit von PWDs oft nicht anerkannt wird und nicht zu gesellschaftlicher Inklusion führt. Oft sind die Betroffenen von Bildung ausgeschlossen, können aber ohne Qualifikationen nur sehr wenig Geld verdienen. Es gibt für sie keinen Weg aus der Armut.

Im ländlichen Indien rangieren Menschen mit Behinderungen am untersten Ende der Lohnarbeit. Alle Tagelöhner verdienen wenig, und das auch nur saisonal. Eine Action Aid Studie belegt aber, dass PWDs als Letzte eingesetzt und als Erste entlassen werden. Obendrein verdienen sie weniger. Folglich übernehmen sie viele andere kleine Arbeiten, die aber auch kaum bezahlt werden. Frauen und Mädchen mit Behinderungen rackern zudem ohne Anerkennung im Haushalt. Mängel des Gesundheitswesen verschärfen die Probleme. Viele Sehbehinderungen wären leicht zu behandeln. Mit der passenden Brille wären einige Betroffene voll arbeitsfähig, bei anderen wären einfache chirurgische Eingriffe nötig. Aber dafür bräuchten sie professionelle Augenärzte.  

Angemessene orthopädische Hilfsgeräte wären ebenfalls wichtig. Oscar Pistorius, der „Blade Runner” aus Südafrika, hat bekanntlich mit seinen Metallprotesen sogar an Olympischen Spielen in London teilgenommen. Das war eine Riesenleistung, aber selbstverständlich kann nicht jeder ein Superheld werden. Im ländlichen Indien haben die meisten PWDs jedoch gar keine Hoffnung auf medizinische Versorgung und Rehabilitation. Die entsprechenden medizinischen Institutionen sind in den Städten, und sie erfordern erheblichen bürokratischen Aufwand, bevor sie helfen.


Illusionäre Selbstständigkeit

Der Standardansatz, Menschen mit Behinderungen in das soziale und wirtschaftliche Leben zu integrieren, ist, sie auszubilden, damit sie ihr eigenes Geschäft aufmachen und ihren Lebensunterhalt verdienen. Theoretisch klingt das gut, in der Praxis funktioniert es aber meist nicht.  

Berufliche Fertigkeiten sind keine Garantie für ertragreiche Selbstständigkeit. Unternehmertum erfordert mehr. Gründer müssen Märkte verstehen und neue Geschäftsideen entwickeln. Sie müssen Dinge nicht nur herstellen, sondern auch vermarkten. Sie müssen Expansion planen, und je mehr das gelingt, umso anspruchsvoller werden die Managementaufgaben. Nur wenige Menschen haben ein Händchen dafür, und auch sie brauchen anfangs Unterstützung. Es überrascht nicht, dass es PWDs in der Regel nicht gelingt, mit einem Kleinstbetrieb der Armut zu entkommen und soziales Ansehen zu erlangen.

Abermals ist die Kluft zwischen Stadt und Land relevant. Von Indiens 17 staatlichen berufsbildenden Rehazentren Vocational Rehabilitation Centres – VRCs befinden sich 16 in Landeshauptstädten. Nur 1,5 Prozent der Betroffenen vom Land werden dort ausgebildet, und es gibt kaum Belege dafür, dass sie nachher erfolgreich Betriebe gründen. Die VRCs unterstützen ihre Absolventen dabei auch nicht.

Und um ein Geschäft aufzubauen, bedarf es zudem mehr als der mentalen Bereitschaft. Zumindest anfangs ist auch physische Leistungsfähigkeit gefragt. Unebene Straßen voller Schlaglöcher, Treppen oder unzugängliche Busse – all das beeinträchtigt Gründer mit Behinderungen und schränkt ihre Fähigkeit ein, Aufträge zu akquirieren und neue Chancen oder Partner zu finden. Ein weiterer Nachteil ist, dass PWDs in dem Maße, in dem sie auf medizische Behandlung oder auch nur Krankengymnastik angewiesen sind, weniger Zeit und Geld zur Verfügung steht als ihrer Konkurrenz.  

 

Unzureichendes Staatshandeln

Mehrere sozialpolitische Programme sollen in Indien Armut mindern – und dabei eigentlich auch Menschen mit Behinderung berücksichtigen. Die offiziellen Statistiken belegen aber, dass sie diese Zielgruppe vernachlässigen siehe Kasten. Das liegt aber nicht einfach am Scheitern gut gemeinter Maßnahmen.

Die Wurzel der Probleme ist, dass die Politik ­Menschen mit Behinderung trotz diverser Programme einfach nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkt. 1995 wurde das Persons with Disabilities Bill rechtskräftig. Dieses Gesetz autorisiert aber keine Instanz zur Durchsetzung von Regeln. Es benennt auch keine Verantwortlichkeiten. Auf der staatlichen Verwaltung lastet also kein Druck, Inklusion zu verwirklichen. So hatte denn auch beispielsweise die 1997 ins Leben gerufene National Handicapped Finance and Development Corporation NHFDC, eine nationale Institution zur Förderung behinderter Menschen, bis Dezember 2008 gerade mal 36 000 Betroffene unterstützt und nur etwa die Hälfte ihres Budgets ausgegeben.


Die indische Regierung arbeitet nun an einer Novelle des Gesetzes. Der Entwurf ist voll politisch korrekter Begriffe wie „Nicht-Diskriminierung“ und „Chancengleichheit“. Die neuen Regeln werden vielleicht das Leben der PWDs erleichtern, die reguläre Arbeitsverträge haben, weil diese mit Sozialleistungen inklusive Krankenversicherungen einhergehen. Im informellen Sektor, der mehr als 90 Prozent der Erwerbspersonen und 95 Prozent der Menschen mit Behinderungen beschäftigt, wird die Reform aber nichts bewirken.

Staatliches Handeln erreicht die Menschen auf dem Land, wo etwa 75 Prozent der Personen mit Behinderungen leben, oft gar nicht. Etwa ein Drittel der Mittel, die die Bundesregierung für PWDs vorsieht, geht an nichtstaatliche Organisationen, die ihre Büros in den Städten haben. Weitere 15 Prozent gehen an nationale Institutionen, die ebenfalls eher im urbanen Raum angesiedelt sind.

Es gibt keine staatliche Strategie, um arme Menschen mit Behinderungen auf dem Land über ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren. Das Hauptproblem ist, dass Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe mehrfach diskrimiert werden – wegen Armut, ­Behinderung, Analphabetismus und mangelnder Gesundheitsversorgung. Hinzu kommen Benachteiligungen wegen Geschlecht, Glaube und Kastenzugehörigkeit. Um die Dinge zu verbessern, müssen die Panchayats einbezogen werden – die gewählten Gemeinde- und Dorfräte, welche die unterste Ebene des indischen Staatsapparats bilden. Es gibt aber kein Konzept, diese Räte einzubeziehen. Alles in allem tut Indien wenig, um das Recht von PDWs auf Arbeit zu verwirklichen und zu schützen. Dabei hat die Regierung die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities – UNCRPD unterzeichnet.  

Die Betroffenen sind in ihrer Mobilität eingeschränkt und an Marginalisierung gewöhnt. Sie tun sich schwer damit, öffentlich Gehör zu finden und politisch Einfluss zu nehmen. Letzlich sind sie eine fragmentierte Bevölkerungsgruppe ohne Stimme. Es ist ihnen nicht gelungen, selbstbewusste soziale Bewegungen zu starten. Trotz aller Widerstände versuchen sie aber, ihre Stärken zu entwickeln. Sie tun, was sie können, um Fertigkeiten zu erwerben und beruflich Fuß zu fassen. Manchen helfen inzwischen Computerkenntnisse, Jobs zu finden, weil große Unternehmen beginnen, einschlägige Arbeitsplätze auch im ländlichen Raum zu schaffen. Andererseits bemühen sich zivilgesellschaftliche Organisationen zunehmend um Einfluss auf dem Land.


Hoffnungsschimmer

Dass die Dinge anders sein könnten, ist empirisch belegt. Ein vielversprechendes Beispiel ist das Centre for PWD livelihoods CPDL im Bundesstaat Andhra Pradesh. Es handelt sich um eine öffentlich-private In­itiative, bei der Youth4Jobs Foundation, die Society for Elimination of Rural Poverty SERP und die Landesregierung von Andhra Pradesh mitmachen.  

Die CPDL-Partner leisten Pionierarbeit, indem sie Jugendlichen Englisch-, Computer- und andere Kenntnisse vermitteln, die auf dem Markt gefragt sind. So wird die Zielgruppe für den Handel und IT-Dienstleistungen ausgebildet. Dank CPDL haben sich mehr als 300 000 Menschen mit Behinderungen in Selbsthilfegruppen von je zehn Mitgliedern formiert und Kontakt zu Banken bekommen, so dass sie Kredite für Investitionen erhalten können. CPDL betreibt 14 Ausbildungszentren in Andhra Pradesh und vermittelt kompetente PWDs an Unternehmen. Die Initiative hat in nur 18 Monaten 2500 Menschen mit Behinderungen ausgebildet, von denen nun 70 Prozent reguläre Arbeit im formalen Sektor haben und gut verdienen.

Das Fazit ist, dass zunächst begriffen werden muss, dass die meisten PWDs zahlreiche Tätigkeiten ausüben, die aber kaum anerkannt werden. Inklusion könnte erreicht werden, wenn mehr getan würde, um die sozialen und institutionellen Hindernisse, die sie ausgrenzen, abzubauen. Dann könnten viele PWDs richtig erwerbstätig werden.