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Fachliteratur

Global denken – lokal handeln

von Floreana Miesen, Hans Dembowski

Hintergrund

Straßenfegerin in Hanoi.

Straßenfegerin in Hanoi.

Weltweit ähneln sich die Müllprobleme. Jede Kommune braucht aber Lösungen, die auf sie zugeschnitten sind. Internationale Erfahrung kann helfen, stimmige Konzepte zu formulieren.

Städte, die ihren Müll nicht in den Griff bekommen, versagen meist auch auf anderen Feldern wie Gesundheit, Bildung oder Verkehr. Das ist das Urteil einer Weltbankstudie von 2012. Im Umkehrschluss folgert sie, dass die Modernisierung der Abfallwirtschaft „einer der effektivsten Wege“ sei, um städtische Dienstleistungen generell zu verbessern.

Müll ist eine Konsequenz von Industrialisierung und urbanen Lebensweisen, wobei die Abfallmengen schneller wachsen, als der Wohlstand zunimmt, wie die Weltbank-Publikation ausführt. Das sei besonders in China und weiteren asiatischen Ländern zu beobachten, gelte aber auch für andere Weltregionen. Obendrein korrelierten große Müllvolumina mit der Emission von Treibhausgasen und der Verschmutzung von Gewässern. Prognosen besagen, dass 2050 mehr Menschen in Städten leben werden, als im Jahr 2000 die Erde bevölkerten, woraus sich die globale Dimension der Müllprobleme ergibt.

Als wichtige Botschaft betonen die Weltbank-Autoren, es sei unmöglich, Abfälle wirklich „weg“zuwerfen, weil sie immer irgendwo blieben. Kompetentes Abfallmanagement erfordere folglich Vermeidung, Weiterverwendung und Wiederverwertung. Deponien oder Verbrennung seien technisch anspruchsvoll, wenn sie umwelt- und gesundheitsschonend sein sollen, und kämen grundsätzlich nur für Abfälle in Frage, die völlig nutzlos sind.

Der Studie zufolge sind in weniger entwickelten Ländern die Müllsammelsysteme meistens ineffizient, obwohl sie oft die größten kommunalen Haushaltsposten ausmachen. Bis zu 60 Prozent der Abfälle würden aber gar nicht erfasst. In reichen Nationen hole die Müllabfuhr dagegen rund 98 Prozent ab. In Entwicklungsländern spiele die informelle Abfallwirtschaft eine zentrale Rolle, wobei Müllsammler und -sortierer meist keinerlei soziale Sicherung haben. Die Folgekosten unzureichender Entsorgungssysteme seien aber höher, als es ein zeitgemäßes System wäre, warnen die Fachleute von der Weltbank.


Langfristige Perspektive

Das UN Environment Programme (UNEP) urteilt in einer Studie (2015) recht ähnlich. Effektiv regulierte Abfallentsorgung ist demnach für das Funktionieren einer Gesellschaft unerlässlich. Akute Probleme – etwa Infektionskrankheiten wegen schlechten Abfallmanagements – erforderten Handeln. Die Folgekosten informeller und vernachlässigter Müllwirtschaft seien höher, als die Kosten regulierter Systeme wären – und zwar pro Kopf fünf- bis zehnmal höher.

Erfahrungsgemäß entwickeln sich Abfallmanagementsysteme inkrementell über Jahrzehnte hinweg, wie die UNEP-Autoren schreiben. Wenn Probleme einmal erkannt seien, könne die Politik Strategien formulieren, Gesetze erlassen und für den Aufbau der nötigen Infrastruktur sorgen. Derlei werde aber erst relativ spät zur Priorität nationaler Politik. Wünschenswert sei es aber, bei akutem Handlungsbedarf langfristige Perspektiven zu bedenken. Dafür könnten die Erfahrungen anderer Städte und Nationen wertvoll sein.

Wirkungsvolle Abfallmanagement-Systeme beruhen in der Regel auf einem kohärenten Mix aus direkter Regulierung, wirtschaftlichen Anreizen und gesellschaftlicher Sensibilisierung, wie die UNEP-Autoren ausführen:

  • Gesetze und behördliche Vorschriften dienen dem Schutz von Gemeingütern wie etwa dem Umweltschutz oder der Vermeidung von Krankheiten. Sie definieren grundlegende Begriff, weisen Verantwortung zu, legen Standards fest und formulieren Sanktionen bei Nichteinhaltung. Die Politik muss proaktiv handeln und braucht solide Institutionen mit ausreichender Autorität. Wichtig sind auch gutes Monitoring und Datenerfassung, um Regelverstöße zu erkennen und zu ahnden.
  • Wirtschaftliche Anreize tragen dazu bei, das Verhalten von Privathaushalten und Unternehmen in die richtigen Bahnen zu lenken. Abfallentsorgung muss Geld kosten, damit Müllreduzierung, Weiterverwendung und Wiederverwertung ökonomisch attraktiv werden. Deshalb ist es falsch, Mülldeponien oder Verbrennungsanlagen aus dem allgemeinen Steueraufkommen zu finanzieren. Sinnvoll sind dagegen Pay-as-you-throw (PAYT)-Systeme für Restmüll. Grundsätzlich müssen aber besonders die Produzten größerer Abfallmengen die Entsorgungskosten selbst tragen. Wenn Geberinstitutionen finanziell den Aufbau und Betrieb fördern, müssen sie, um Nachhaltigkeit zu sichern, dafür sorgen, dass das System nach Projektende seine Kosten decken kann. Betrieb und Wartung sind grundsätzlich kommunalpolitisch mit Gebühren finanzierbar, für den Auf- und Ausbau von Infrastruktur können aber Mittel von Zentralregierung oder Geberinstitutionen nötig sein.
  • Wichtig sind schließlich die Aufklärung verschiedener Interessengruppen und die Mobilisierung der Öffentlichkeit. Information allein reicht nicht, um Verhaltensweisen zu ändern. Damit die Bevölkerung tatsächlich beginnt, Müll zu trennen, kommt es unter anderem darauf an, ihre Alltagssituation zu verstehen, ihre Interessen zu berücksichtigen und die nötige Infrastruktur bereitzustellen. Ein reger Austausch zwischen Bevölkerung, Politik und Staat ist also unerlässlich.

Konzeptionelle Stringenz sowie Kenntnis der lokalen Voraussetzungen sind laut UNEP wesentlich. Keine Strategie funktioniere ohne die Berücksichtigung von Klima, Kultur, Sitten, der örtlichen Abfallzusammensetzung und des lokalen Rohstoffbedarfs. Relevant seien zudem technisches Know-how und Finanzierung. Die billigste Alternative ist aber, wie UNEP warnt, oft nicht der richtige Weg.

Letztlich, so die UNEP-Studie, geht es um Verantwortung. Dabei reiche es nicht, rechtliche und finanzielle Pflichten zu definieren. Vielmehr müsse eine gute Müllpolitik ein Gefühl von „Eigentum“ wecken. Die Sauberkeit von Parks und öffentlichen Freiflächen müsse zu einem allgemeinen Anliegen werden. Das gelte ebenso für Umwelt- und Ressourcenschutz. Die alltägliche Straßenreinigung und Müllabfuhr seien wichtig – reichten aber nicht. Zeitgemäßes Abfallmanagement beginne schon in Produktion und Konsum, bevor Müll überhaupt anfalle.


Floreana Miesen ist freie Autorin und studiert Geographie in Bonn.
[email protected]

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
[email protected]


Links

UNEP, 2015: Global Waste Management Outlook.
http://unep.org/ietc/ourwork/wastemanagement/GWMO

Weltbank, 2012: What a waste – A global review of solid waste management.
http://documents.worldbank.org/curated/en/2012/03/20213522/waste-global-review-solid-waste-management
 

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