D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Globale Statistiken

Rasant wachsende Armut

von Hans Dembowski

Blog

Die Weltbank geht davon aus, dass die Zahl extrem armer Menschen 2020 weltweit wegen Covid-19, Gewaltkonflikten und Klimakrise zunimmt. Diese Warnung prägt ihren kürzlich erschienenen diesjährigen Bericht über „Poverty and Shared Prosperity“.

Die Autoren schätzen, dass allein wegen der Coronavirus-Krise dieses Jahr 100 Millionen Menschen in extreme Armut fallen. Das ist eine rasante Zunahme, denn 2017 betrug die Gesamtzahl extrem Armer weltweit nicht ganz 690 Millionen. Sie war seit Langem rückläufig, wobei sich die Abnahme zuletzt verlangsamt hatte. Nun hat sich der Trend aber umgekehrt, was selbstverständlich auch Folgen für die Ernährungssicherheit hat.

Die Klimakrise verschärft die Not, denn den Schätzungen zufolge werden im Laufe dieses Jahrzehnts bis zu weiteren 132 Millionen Menschen extreme Armut erleiden. Auch Gewaltkonflikte verursachen neue Not, wobei sich die Auswirkungen der drei Grundprobleme laut Weltbank-Bericht wechselseitig verschärfen.

Die Armen seien weiterhin überwiegend jung, lebten im ländlichen Raum und hätten keine gute Ausbildung, schreiben die Autoren. Allerdings gebe es auch „neue Arme“ in Ballungsräumen, die von Beschäftigung im informellen Sektor, auf Baustellen und in Fabriken abhingen.

Der Alarm ist unmissverständlich und beruht auf detaillierten globalen Statistiken. Leider sind die vorgeschlagenen Gegenrezepte weniger überzeugend. Die Behauptung, Erfolg hänge von kompetenter und fokussierter politischer Führung ab, fällt nicht schwer. Gute Regierungsführung durchzusetzen ist aber alles andere als trivial. Der wichtigen Frage, weshalb viele Spitzenpolitiker keinen großen Wert auf Rechenschaftspflicht legen, geht der Bericht nicht nach. Aus diplomatischen Gründen scheut sich die Weltbank grundsätzlich davor, explizit politische Dinge zu diskutieren.

Andererseits neigt sie seit Langem dazu, möglichst viel den Marktkräften zu überlassen. Entsprechend heißt es in der aktuellen Publikation, bedürftige Gruppen müssten identifiziert werden und dann gezielte Hilfe bekommen. Dieser Ansatz ist dreifach problematisch:

  • Er erfordert einen hohen Verwaltungsaufwand,
  • verwendet Finanzmittel für die Ausgrenzung unzureichend bedürftiger Menschen und
  • sorgt bei diesen für Verärgerung.

Es ist teurer, aber politisch viel weniger konfliktträchtig, basale Sicherungssysteme zu schaffen, die tendenziell allen einen gewissen Schutz bieten. Nationbuilding profitiert davon auch (siehe meinen Beitrag im Monitor von E+Z/D+C e-Paper 2019/11).

Der Report ist nicht leicht zu lesen. Die Weltbank entwickelt einen eigenen Fachjargon und ihr technokratischer Stil verschleiert politische Spannungen. Beides ist in einer multilateralen Institution sicherlich ein Stück weit unvermeidbar. Klarere Botschaften würden aber der weltweiten Öffentlichkeit helfen, die Zusammenhänge zu verstehen – und sie würden mehr Druck in Richtung gute Regierungsführung erzeugen.


Link
World Bank, 2020
: Reversals of fortune. Poverty and Shared Prosperity Report 2020.
https://www.worldbank.org/en/publication/poverty-and-shared-prosperity

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren