D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Zika-Virus

Virus verdeutlicht Strukturprobleme

von Renata Buriti

Hintergrund

Brasilianisches Baby mit Mikrozephalie.

Brasilianisches Baby mit Mikrozephalie.

Brasilien hat dem Zika-Virus (ZIKV) den Kampf angesagt. Die sinkenden Infizierten-Zahlen seit Mitte des Jahres deuten auf einen ersten Sieg hin. Doch um die schwerwiegenden Folgen der Infektionen anzugehen und neue Epidemien zu verhindern, sind strukturelle Reformen nötig. Vor allem müssen die sanitäre Grundversorgung verbessert und das Gesundheitswesen gestärkt werden.

Brasilien hat die meisten ZIKV-Infizierten in Lateinamerika. Die Folgen sind so schlimm, dass die Regierung den nationalen Gesundheits-Notstand ausgerufen hat. Schätzungsweise haben sich mehr als 1,5 Millionen Menschen in Brasilien mit dem Virus angesteckt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden bereits mindestens 205 Säuglinge mit einer ZIKV-bedingten Mikrozephalie geboren, mehr als doppelt so viele wie üblich. Auch haben sich die Zahlen der Nervenerkrankung mit dem Guillain-Barré-Syndrom seit dem Ausbruch des Virus um 19 Prozent erhöht. Am härtesten hat ZIKV die ärmeren Regionen im Norden und Nordosten des Landes getroffen und hier vor allem arme und benachteiligte Familien.

Bereits zwei Monate nach dem Mikrozephalie-Ausbruch im Oktober 2015 veröffentlichte die brasilianische Regierung einen nationalen Plan zur Bekämpfung der Mikrozephalie mit drei Handlungsfeldern: Kampf gegen die Mücken, Pflege für Betroffene und technologische Entwicklung, Bildung und Forschung. Von den 500 Millionen Reais (141 Millionen Euro), die für die Bekämpfung des ZIKV für 2016 bereitstanden, sollte der weitaus größte Teil an den nationalen Fonds  gehen, der das gesetzliche Gesundheitssystem (SUS- Sistema Ùnico de Saúde) finanziert.

Um das Virus zu bekämpfen, setzte die Regierung zunächst hauptsächlich auf die Vernichtung der Mückenart Aedes aegypti. Sie schickte mehr als 200 000 Soldaten los, um in besonders stark betroffenen Gegenden Informationsblätter zu verteilen, Eiablageplätze zu zerstören sowie Moskitos und ihre Larven mit Insektiziden zu töten. Mindestens 400 000 schwangere Frauen sollten mit Mücken-Repellent versorgt werden. Zudem gab es eine landesweite Aufklärungskampagne in Schulen und Medien.

Tatsächlich sind die Meldungen von ZIKV-Fällen im Juni dieses Jahres im Vergleich zu Februar und Mai um mehr als 80 Prozent gesunken. Laut den brasilianischen Gesundheitsbehörden ist dies der „nationalen Mobilisierung“ gegen die Mücken zu verdanken. Einige Experten gehen davon aus, dass die Seuche in Brasilien bald ausklingen wird, da einmal Infizierte gegen das Virus immun sind. Andere sind der Meinung, der Rückgang an Erkrankungen stehe im Zusammenhang mit dem Beginn der kälteren Jahreszeit. Sie glauben, dass ab dem Frühjahr wieder mehr Fälle zu erwarten sind, wenn auch weniger als in diesem Jahr.


Auswirkungen

Die Folgen des Zika-Virus in Brasilien sind dramatisch. Schädelfehlbildung, verursacht durch Mikrozephalie, beeinträchtigt oft die geistige und körperliche Entwicklung der betroffenen Babys. Sie sind lebenslang auf intensive Betreuung angewiesen, womit viele Familien nicht nur psychisch, sondern auch finanziell überfördert sind. In Pernambuco, dem nordöstlichen Bundesland, in dem sich das Virus am stärksten ausgebreitet hat, leben 77 Prozent der betroffenen Familien in extremer Armut. Viele Eltern befürchten einen gravierenden Einkommensverlust, weil sich möglicherweise ein Elternteil in Vollzeit der Betreuung der betroffenen Kinder widmen muss.

Medizinische Versorgung und die von der Regierung vorgesehene finanzielle Unterstützung zu erhalten gestaltet sich langwierig. Junge Mütter sind oft Stunden zum nächsten Krankenhaus unterwegs und warten dort weitere Stunden auf die Behandlung ihrer Babys. Und das nach Monaten Wartezeit für einen Termin. Das ZIKV überfordert das öffentliche Gesundheitswesen, das ohnehin seit langem unterfinanziert ist. Unzureichende Infrastruktur, fehlendes Personal, Mangel an Medikamenten und unterbezahlte Ärzte: diese Probleme bestanden vor dem Ausbruch des Virus in Brasilien, und sie bestehen auch weiterhin. Die an Mikrozephalie erkrankten Kinder und ihre Familien leiden besonders darunter. Je nach Schwere des Falls erfordert die Behandlung mehrere Spezialisten.

Das ganze Ausmaß der Folgen der Epidemie wird erst künftig klar werden. Bis zum großen Ausbruch im vergangenen Jahr wurde dem Virus international wenig Beachtung geschenkt, obwohl Studien zufolge in der Vergangenheit Zika-Epidemien in Französisch-Polynesien ebenfalls mit einem Anstieg von Mikrozephalie-Fällen und des Guillain-Barré-Syndroms einhergingen. Offen ist auch die Frage, warum sich das ZIKV in Brasilien derartig verbreitet hat und warum es dabei so große regionale Unterschiede gab.


Infrastruktur

Zu den wichtigsten Variablen, die zum epidemischen Ausbruch in einem Ort führen können, zählen Umweltbedingungen, Bevölkerungsimmunität und der Zufall. Auch genetische Faktoren, Ernährung und Umweltverschmutzung spielen Wissenschaftlern zufolge eine Rolle. Erfahrungen zufolge ist der Entwicklungsstand einer Region für die Ausbreitung viraler Krankheiten von besonderer Bedeutung. Die vom ZIKV am meisten betroffenen Regionen Brasiliens sind auch die am wenigsten entwickelten. Schlechte Wasserversorgung und sanitäre Einrichtungen können die Ausbreitung des Virus beschleunigen. Verbesserungen in diesem Bereich sind laut den UN die effektivste Strategie im Kampf gegen ZIKV-Epidemien.

Fast 40 Prozent der brasilianischen Bevölkerung hat keinen Zugang zur öffentlichen Wasserversorgung oder zu sauberem Trinkwasser. Improvisierte Wasserspeicher sind ideale Brutstätten für Mücken. Es verwundert nicht, dass der Nordosten des Landes, der eine besonders schlechte Infrastruktur hat, die höchste Zahl von Dengue-Erkrankungen aufweist. 80 Prozent der Bevölkerung hatte diese Krankheit bereits, die ebenfalls von Aedes aegypti übertragen wird.

Die fehlende Abwasserversorgung in manchen Gegenden ist ein weiteres Problem. Gemäß den aktuellsten Daten des Nationalen Sanitären Informationsdienst von 2013 wird nur bei 48 Prozent der Haushalte das Abwasser gesammelt, und davon werden nur 39 Prozent behandelt. Forscher in Brasilien haben herausgefunden, dass die Aedes-Mücke sich auch in schmutzigen Wasseransammlungen vermehren kann, was das Risiko für die Ausbreitung von Krankheiten weiter erhöht. Nach Einschätzung des nationalen Industrieverbands CNI wird das Land erst 2054 eine flächendeckende sanitäre Versorgung haben.


Renata Buriti ist Postgraduierte an der TH Köln und spezialisiert auf Wasserressourcenmanagement.
[email protected]

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren