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Stadtplanung

„Menschen müssen umdenken“

von Hilda Rayappan, Lea Diehl

Hintergrund

Vom Fischfang leben in Mangaluru viele Menschen.

Vom Fischfang leben in Mangaluru viele Menschen.

Wirtschaftlich hat sich Mangaluru, eine Hafenstadt im südindischen Bundesstaat Karnataka, in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Staatliche Stellen unterstützen diesen Prozess. Hilda Rayappan setzt sich als Leiterin einer zivilgesellschaftlichen Organisation für die Interessen von Frauen und Benachteiligten ein. Im Interview mit Lea Diehl erörtert sie die Veränderungen der Stadt.

Wie hat sich die Infrastruktur von Mangaluru in den vergangenen Jahren entwickelt?
Die Infrastruktur hat sich sehr verbessert, das betrifft vor allem den Straßenverkehr. Die Zentralregierung hat viele Schnellstraßen bauen lassen, sodass Reisezeiten stark verkürzt wurden. Die Hauptverkehrsstraßen sind breit. Trotzdem ist der Verkehr zum Problem geworden, weil viele Menschen mittlerweile ein eigenes Auto fahren – und das gilt auch für Frauen. Zu den Hauptverkehrszeiten entstehen Staus. Es ist gefährlich, die Straßen entlangzulaufen oder sie zu überqueren. Besonders für alte Menschen müssen Bürgersteige gebaut werden. Es ist wichtig, den Verkehr besser zu organisieren.

Was muss sich außerdem ändern?
Die Wasserversorgung ist ein ernsthaftes Problem. In der Monsunzeit hat es zu wenig geregnet. Das wirkt sich auf die Trinkwasserversorgung aus. Es wird nicht genug getan, um Regenwasser zu sammeln. In anderen indischen Städten gibt es inzwischen Speichersysteme, zum Beispiel in Chennai. In Mangaluru hat sich so etwas leider noch nicht etabliert, obwohl Greenpeace und lokale Umweltorganisationen sich dafür einsetzen. Die Regierung konzentriert sich nur auf die Industrieentwicklung. Es werden Bäume gefällt, um Straßen zu bauen. Umweltschäden werden nicht berücksichtigt. Umweltpolitisch muss mehr getan werden; diese Probleme betreffen die ganze Gesellschaft.

Was tut die Regierung für die Entwicklung der Stadt?
Die indische Zentralregierung hat ein Programm namens „Swachh Bharat Abhiyan“ („Mission sauberes Indien“) etabliert, um Städte sauber zu halten. In Mangaluru wurde inzwischen eine Müllabfuhr eingerichtet, die den Abfall von den Haushalten abholt. Auch mit dem „Smart City“-Programm treibt die Zentralregierung Stadtentwicklung voran. Der Industriesektor soll ausgeweitet und Arbeitsplätze geschaffen werden. Außerdem werden Einrichtungen für die Zivilgesellschaft und eine Verbesserung der Infrastruktur versprochen. Achtundneunzig indische Städte wurden für Smart City ausgewählt, und in 20 hat das Programm schon begonnen. Mangaluru ist eine davon. Ich bin Mitglied in dem Smart City-Komitee und repräsentiere die Interessen von benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Die Bedürfnisse von Frauen und Armen dürfen bei der Stadtentwicklung nicht vernachlässigt werden. Ich bin überzeugt davon, dass das Smart City-Programm vieles verändern kann – wenn die Regierung ihre Versprechen einhält.

Haben Sie Zweifel daran?
Oft gibt es vielversprechende Pläne, die dann später nicht umgesetzt werden. Implementierung ist eine riesige Herausforderung.

Welche Herausforderungen haben Frauen und arme Bevölkerungsschichten?
Viele Frauen sind mittlerweile berufstätig. Sie brauchen Transportmöglichkeiten, um ihren Arbeitsplatz sicher zu erreichen. Leider kommt es immer noch oft vor, dass Frauen Opfer von sexueller Gewalt werden – auch in der Öffentlichkeit. Infrastruktur – wie Straßenbeleuchtung – kann den Heimweg sicherer machen. Aber infrastruktureller Wandel allein reicht nicht, das Denken muss sich ändern. Zum Beispiel müssen Ehemänner von berufstätigen Frauen lernen, im Haushalt zu helfen und Verantwortung für die Kinder zu übernehmen. Menschen müssen aufmerksamer sein, wenn Frauen Opfer von Gewalt werden. Oft werden Vergewaltigungsfälle gar nicht gemeldet. Frauen aus ärmeren Schichten werden von der Polizei vernachlässigt. Solche Beispiele zeigen, dass ein Mentalitätswandel nötig ist. Dafür kämpfen wir. Unsere Organisation führt Bildungsprogramme durch, um Geschlechtergerechtigkeit in der Gesellschaft zu stärken und marginalisierte Frauen zu unterstützen.

Lebt die arme Bevölkerung in isolierten Stadtvierteln?
Es gibt separate Stadtviertel für Menschen aus niedrigeren Kasten und aus Dörfern zugezogene Migranten. Die Regierung bemüht sich um gesellschaftliche Inklusion, aber solche Veränderungen dauern lang. Rechtlich gesehen, darf heute jeder Bürger sein Wohnviertel selbst wählen. Nicht nur die Regierung, auch die Zivilgesellschaft arbeitet daran, benachteiligte Menschen zu stärken. Im Vergleich zu Megastädten, wie Bangalore oder Mumbai, gibt es in Mangaluru wenig Slums. Es gibt Ecken, die wir als Slum bezeichnen, aber offiziell registriert sind sie nicht. In Bahnhofsnähe leben Menschen unter Müllplanen. Der Staat muss etwas für diese Menschen tun. Auch das gehört zur Stadtplanung dazu. Alle Menschen haben einen Ort verdient, an dem sie angemessen leben können.

Wie hat sich die Bevölkerung von Mangaluru in den letzten Jahren verändert?
Zurzeit kommen sehr viele Landflüchtige nach Mangaluru, doch auch hier finden viele von ihnen keinen Job. Arbeitslosigkeit ist zu einer echten Herausforderung geworden. Auf der andern Seite gehen viele junge Menschen ins Ausland. Viele studieren oder arbeiten in Australien oder in den USA. Ihre Familien bleiben hier. Alte Menschen leben deshalb oft allein. Das betrifft vor allem höhere Schichten. Auch diesen Herausforderungen muss sich Stadtplanung stellen.


Hilda Rayappan leitet die zivilgesellschaftliche Organisation Prajna Counselling Centre in Mangaluru, die sich für die Stärkung von Frauen und Familien einsetzt.
[email protected]


Link
http://www.prajnacounsel.in
 

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