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Bevölkerung

Wandel in den Köpfen

von Vera Dicke

In Kürze

Mother feeding her child in a refugee camp in Southern Sudan

Mother feeding her child in a refugee camp in Southern Sudan

Das Bevölkerungswachstum wird einigen Ländern Probleme bereiten. Doch fehlender politischer Wille und kulturelle Faktoren erschweren nötige Maßnahmen. Viele halten einen Paradigmenwechsel für dringend nötig.

Laut Statistiken der UN leben seit Ende Oktober mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde; täglich kommen um die 216 000 hinzu. Während die Bevölkerung in den Industrieländern schrumpft, wird sie sich in Subsahara-Afrika bei einer Fruchtbarkeitsrate von 4,5 Kindern pro Frau innerhalb von 30 Jahren verdoppelt bis verdreifacht haben. Sozialwesen, Arbeitsmarkt, Ressourcen – die dortigen Systeme sind für eine so große Bevölkerung nicht ausgelegt.

Teilnehmer einer internationalen Konferenz zur Bevölkerungsentwicklung in Subsahara-Afrika der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in Berlin waren sich einig: Für Politiker ist es höchste Zeit zu reagieren. Boniface K’Oyugi, Chef der kenianischen Koordinationsbehörde für Bevölkerung und Entwicklung, fordert eine Erhebung von noch mehr Daten zur Bevölkerungsentwicklung, die den Entscheidungsträgern das wichtige Thema aufzwingen sollen. Das fordert auf internationaler Ebene auch Wolfgang Lutz, Leiter des World Population Program am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Österreich. Bei Klimawandel und Armutsbekämpfung, die auf der internationalen Agenda ganz oben stehen, hänge viel von der Bevölkerungsentwicklung ab.

Nicht nur die Politik muss überzeugt werden. K’Oyugi und Lutz sind sich einig: Weniger neue Erdenbürger gibt es nur infolge eines Wandels in den Köpfen der Menschen. Die Politik kann ihnen nicht befehlen, weniger Kinder zu kriegen, sondern muss die Motive verstehen, wie den Wunsch nach mehr Kindern bei hoher Kindersterblichkeit. Man müsse Müttern und Vätern gute Gründe geben, die Zukunft ihrer Familien besser zu planen: Dein Kind kann eher überleben, wenn es weniger Geschwister hat, und deine Frau, wenn sie weniger Kinder bekommt.

Kulturelle Hindernisse

Tirsit Grishaw von DSW Äthiopien weist aber darauf hin, dass Argumente allein nicht reichen. Zu großen Familien führen vor allem kulturelle Faktoren; in einer Gesellschaft, die dominante Männer bevorzugt, gelten viele Kinder als Segen. Frauen erkennen zwar die Probleme, die damit einhergehen, und erfahren sie am eigenen Leib. Aber viele bestimmen nicht selbst über ihren Körper und die Zahl ihrer Kinder.

Laut der DSW müssen Frauen zum Beispiel durch Bildung in die Lage versetzt werden, Nein zu sagen und ihre Rechte wahrzunehmen. Dann dürfte die Fruchtbarkeitsrate deutlich sinken. Auf diesen Zusammenhang verweist auch die vom Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der DSW verfasste Studie „Afrikas demografische Herausforderung“. Wenn Frauen eine Sekundärbildung genießen, sinke die Zahl ihrer Kinder. Sonst heirateten sie oft früh und bekämen noch als junges Mädchen ihr erstes Baby.

Demografischer Bonus

Weniger Bevölkerungswachstum beeinflusst auch die Wirtschaft. Einer der Autoren der Studie, Reiner Klingholz, zeigt am Beispiel einiger asiatischer und lateinamerikanischer Länder: Sinkende Fruchtbarkeitsraten können zu einem demografischen Bonus führen und Entwicklung anregen. Denn viele Erwerbstätige aus den geburtenstarken Jahrgängen müssen dann relativ wenige Jüngere und Ältere versorgen. Bei genügend Arbeitsplätzen äußert sich das in wirtschaftlichem Fortschritt. Die Länder dürften dank dieser Entwicklung auch verkraften, wenn diese Generation zu Rentnern wird – sofern sie den demografischen Bonus zum Ausbau der Sozialsysteme nutzen.

Doch wie soll die Politik auf Veränderungen reagieren, die bereits jetzt anstehen? Schon heute bestehen die Gesellschaften von Entwicklungsländern größtenteils aus jungen Menschen. Um deren Potenzial zu nutzen und Konflikte zu vermeiden, muss die Jugend in politische, wirtschaftliche und soziale Aufgaben persönlich ein­gebunden werden – zum Beispiel durch ­Jugendparlamente und durch eigene Fördermaßnahmen, fordert Bettina Silbernagel von der GIZ.

Vera Dicke