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Landwirtschaft

Renaissance statt Revolution

von Hans-Heinrich Bass
Land is a scarce resource in Africa: terraced fields in Rwanda

Land is a scarce resource in Africa: terraced fields in Rwanda

Afrikas Ernährungsprobleme werden immer drängender. Viele fordern deshalb eine grüne Revolution auf dem Kontinent – doch die Argumente dafür gründen oft auf Missverständnissen. Eine grüne Renaissance mit Fokus auf Ernährungssicherung wäre sinnvoller. Von Hans-Heinrich Bass

Afrikas Landwirtschaft erhält von der Entwicklungspolitik endlich wieder mehr Aufmerksamkeit. Grund dafür sind nicht nur die jüngste Hungerkrise, sondern anhaltende Strukturprobleme: Die durchschnittliche Flächenproduktivität stagniert in Afrika seit Jahrzehnten – im krassen Unterschied zu allen anderen Weltregionen. Bei rasch steigender Bevölkerungszahl sinkt die Pro-Kopf-Produktion. Unzweckmäßige Lagerung und schlechte Transportmöglichkeiten verursachen immense Verluste auf dem Weg der Nahrungsmittel vom Feld auf den Teller.

Oft ist zu hören, Afrika verfüge noch über riesige ungenutzte, fruchtbare Flächen. Auf ihnen könnten Hochertragssaaten, Spritzmittel und synthetischer Dünger eine grüne Revolution anstoßen. Unterstützt durch neue Überlandstraßen und ausgebaute Häfen, würde sich dann der Bodenreichtum Afrikas in einen tatsächlichen Wettbewerbsvorteil verwandeln. Dann könnten afrikanische Farmer nicht nur den Hunger des eigenen Kontinents stillen, sondern der Welt noch Soja und Getreide zur Produktion von Fleisch und Agrotreibstoffen liefern.

Multinationale Unternehmen, aber auch Regierungsfonds aus den Schwellenländern pachten in Erwartung hoher Weltmarktpreise große Ackerflächen in Afrika. Verfechter der grünen Revolution hoffen, sie werden auch das Know-how für eine moderne Agrarindustrie mitbringen. Afrikanische Vertragsbauern müssten dann nur noch in die globalen Lieferketten eingebunden werden und den Umgang mit modernen Informations- und Finanzsystemen erlernen. Profilierte Vertreter dieser Sicht sind das McKinsey Global Institute, das OECD Development Centre und die International Finance Corporation (die Weltbanktochter, die den Privasektor unterstützt). Einige afrikanische Regierungen sehen die Dinge ähnlich. Doch das Konzept beruht auf Missveständnissen.

Drei Missverständnisse

Das erste Missverständnis betrifft die Bodenreserven. Wer nur die typischen europäischen und nordamerikanischen Felder kennt, denkt oft fälschlicherweise, dass viele Flächen in Afrika nicht bewirtschaftet sind. Dabei handelt es sich in Wahrheit um hochkomplexe Mischnutzungssysteme. In den semiariden Gebieten zum Beispiel gibt es Ackerbau mit jahrelangen Brachen. Auch das Sammeln von Baumfrüchten und mehrfach ineinander verschränkte Weidezyklen nomadischer Viehhalter sind auf den ersten Blick nicht als Nutzungssysteme zu erkennen. Viele Gebiete erscheinen dann unterbevölkert, weil sie an der Ressource Landfläche gemessen werden und nicht am eigentlichen Engpass Wasser.

Viele Kleinbauern verkürzen in semiariden Regionen bereits die Brachezeiten und halten das Vieh der Nomaden von ihren Äckern fern – woraus sich zahlreiche Konflikte ergeben. Wer Neuland erschließt, muss immer größere Flächen roden, weil die Böden nicht genug hergeben. Dies ist ein Grund, warum die Flächenproduktivität im Durchschnitt so gering bleibt.

In den Waldregionen wiederum ist der Anschein üppiger Fruchtbarkeit trügerisch. Die Nährstoffe stecken nahezu ausschließlich in der Biomasse; der Boden ist bereits in geringer Tiefe unfruchtbarer Stein. Selbst wenn man die Klimawirkungen außer Acht ließe – man kann diese Böden nicht auf Dauer intensiv nutzen.

Dort jedoch, wo Intensivlandwirtschaft tatsächlich möglich ist, gibt es sie bereits: etwa im Hochland Kenias und im dichtbesiedelten, hochparzellierten Ruanda. Tatsächlich hat Afrika also keine großen Flächenreserven mehr.

Das zweite Missverständnis ist die Auffassung, dass eine größere Produktion von Nahrungsmitteln automatisch den Hunger besiege. Grüne Revolutionen nutzen jedoch zunächst den Besitzern großer Flächen, das hat die historische Erfahrung gezeigt. Nur für sie lohnen sich die Investitionen in Bewässerungsanlagen oder Maschinen. In der Folge konzentriert sich das Landeigentum. Die Kleinbauern werden verdrängt. Bei Missernten reicht die eigene Produktion nicht mehr zum Überleben, und da andere Einkommensmöglichkeiten auf dem Lande fehlen, können keine Nahrungsmittel hinzugekauft werden. Auf den Überlandstraßen werden die auf den größeren Farmen erzeugten Nahrungsmittel abtransportiert, zurück bleibt der Hunger – wenn sich die schleichend Enteigneten nicht selbst auf den Weg in Flüchtlingslager und städtische Elendsviertel machen.

Das dritte Missverständnis betrifft die Effekte der Landverpachtung an internationale Investoren. Tatsächlich überwiegen die Nachteile:
– Erstens nutzen die neuen Pächter die Böden oft nicht standortgerecht. In Mali zum Beispiel produzieren nun zwei riesige Areale Reis für den Export nach ­Libyen und Zuckerrohr für den nationalen Markt, deren Bewässerungskanäle die Wege der Viehnomaden unüberwindbar durchschneiden.
– Zweitens entstehen meist nur saisonale Arbeitsplätze. Die Entlohnung ist gering, anspruchsvollere Aufgaben im Management und in der Agrartechnik werden von Fachkräften aus den asiatischen Schwellenländern wahrgenommen. Auch Saatgut und Agrarchemikalien werden importiert.

Bewässerungsgroßprojekte werfen zudem volkswirtschaftliche Fragen auf. Nach Berechnungen der Weltbank sind die Kosten für ein konventionelles Bewässerungsprojekt in Afrika pro Hektar dreimal so hoch wie in Asien. Das liegt vor allem an den Besonderheiten der afrikanischen Böden und ihrer raschen Versalzung durch die Verdunstung. Lediglich bei modernen, also kapital- und wartungsintensiven Bewässerungstechniken gibt es eine Angleichung Afrikas an Asien. Doch gerade Kapital ist in Afrika ein Engpassfaktor.

Über die Jahrhunderte haben afrikanische Bauern gelernt, den Herausforderungen knappen Wassers, karger Böden und extremer Wetterlagen zu begegnen. Sie haben sich gegenseitig abgesichert und ihre Risiken minimiert. Die Herden der Nomaden bestanden zum Beispiel aus einer Mischung von schnell reproduzierbaren und dürreresistenteren Tierarten. Bäume wurden beim Anlegen neuer Felder oft verschont, weil sie nicht nur Medizin und Handelswaren, sondern in der Trockenzeit auch Nahrung und Futter liefern können. Einige Ackerbauern nutzen auch heute noch die Überflutungszonen der großen Flüsse optimal aus, indem sie Pflanzen mit unterschiedlichem Wasserbedarf anbauen und mehrfach umsetzen.

Freilich sind diese Systeme heute in Auflösung begriffen (siehe Kasten). Dabei könnte es sinnvoll sein, an sie anzuknüpfen.

Alternativen für die Zukunft

Sicherlich gibt es auch in der afrikanischen Agrargeschichte Beispiele anthropogener Zerstörung der Lebensgrundlagen. Doch im Allgemeinen verstehen die afrikanischen Bauern ihren Boden und die subtilen Wechselwirkungen der Feldfrüchte und Tiere. Diesen Schatz gilt es zu bewahren.

Was Not tut, ist daher eine grüne Renaissance – nicht als Rückschritt zu einem vermeintlich goldenen Zeitalter, sondern als eine Neuinterpretation dieser Kenntnisse unter den heutigen Bedingungen. Die internationale Agrarforschung konzentriert sich immer noch auf Weizen und Reis. Afrikanische Pflanzen spielen aber nahezu keine Rolle. Forschungsinstitute in der Schweiz, in Taiwan und in Deutschland haben den Bedarf aber bereits erkannt und sind Vorreiter auf diesem Feld. Erwähnung verdient auch die Indigenous Knowledge Initiative der Weltbank.

Die Erträge moderner organischer Landwirtschaft können auch in den Tropen ähnlich hoch sein wie die in der konventionell modernisierten Landwirtschaft. Das zeigten Studien der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Uganda und Tansania. Zudem ist die organische Landwirtschaft nachhaltig. Sie verbraucht und verschmutzt weniger Wasser, erhält die Bodenfruchtbarkeit und kommt ohne teure synthetische Dünger, Insektizide oder Pestizide aus. Solche positiven Auswirkungen auf Umwelt und Klima sollten die internationale Gemeinschaft und die na­tionalen Regierungen anerkennen und auch entlohnen.

Die Steuer- und Subventionspolitik vieler afrikanischer Länder sorgt typischerweise für niedrige Preise auf städtischen Lebensmittelmärkten. Ein wichtiges Motiv ist dabei, Unruhen vorzubeugen. Wichtiger wäre aber die Armutsbekämpfung auf dem Land, wo die Not oft viel größer ist und die Menschen erst in die Elendsviertel der Städte vertreibt.

Die Ernährungssicherung muss im Zentrum aller Unterstützung für den Agrarsektor stehen. Sei es bei der Beratung von Kleinbauern oder Infrastrukturmaßnahmen: Food Crops sind wichtiger als Cash Crops, gute Feldwege sind wichtiger als Überlandstraßen, lokale und regionale Märkte sind wichtiger als Weltmärkte. Weder Armut noch Hunger verschwinden bei wirtschaftlichem Wachstum von alleine – sie müssen gezielt bekämpft werden.

Damit die Viehhaltung ökologisch verträglich wird, muss sich auch bei afrikanischen Hirten die Einsicht durchsetzen, dass Qualität vor Quantität geht. Veterinärmedizinische Versorgung und Impfstandards können dazu einen Beitrag leisten. Doch nicht nur die Hirten, sondern auch Kapitalanleger müssen für nachhaltige Alternativen gewonnen werden. Leider gilt die Größe einer Herde per se noch vielfach als Zeichen für Wohlstand. Es wäre sinnvoll, andere Investitionsmöglichkeiten zu schaffen.

Schließlich kommt es darauf an, ländliche, landwirtschaftsnahe Kleinindustrien aufzubauen – vor allem in der Lebensmittelverarbeitung. Eine ländliche Kleinindustrie – das zeigt das Beispiel China – steigert die regionale Produktivität durch Arbeitsteilung, schafft Einkommen für Landlose und reduziert den Abwanderungsdruck. Wenn die Produkte direkt nach der Ernte verarbeitet werden, minimiert das Verluste. Dabei sind traditionelle Methoden zur Trocknung von Gemüse oder Fisch wichtiger als die Kühlkettenoptimierung zur Belieferung von städtischen Supermärkten. Durch eine allmähliche Qualitätsverbesserung in Kombination mit einer Spezialisierung in der Nische können afrikanische Produzenten dann auch internationale Märkte beliefern. Aber der zweite Schritt darf nicht vor dem ersten getan werden.