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Ernährungssicherheit

Produktivität steigern

von Kwadwo Asenso-Okyere

Hintergrund

Flower exports raise rural people’s incomes: farm worker in Kenya

Flower exports raise rural people’s incomes: farm worker in Kenya

Die afrikanische Bevölkerung wächst schnell und folglich auch ihr Bedarf an ­Nahrung. Künftig wird es nicht mehr reichen, mehr Land zu nutzen. Es müssen neue Wege beschritten werden, um die Erträge zu erhöhen. Von Kwadwo Asenso-Okyere

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der Lebensstandard in den Entwicklungsländern schneller gestiegen als je zuvor. Südlich der Sahara legte die landwirtschaftliche Wachstumsrate von 2,3 Prozent in den 1980er Jahren auf 3,8 Prozent im Schnitt der Jahre 2000 bis 2005 zu. Das ist gut so. Es ist belegt, dass jedes Prozent Agrarwachstum ländliche Armut um 1,83 Prozent reduziert (Fan, Johnson, Saurkar und Makombe 2008). Kein anderer Sektor hat eine ähnlich große Wirkung.

Der Haken an der Sache ist, dass in Afrika das Agrarwachstum bisher vor allem auf mehr Landnutzung zurückzuführen ist. Die Produktivität pro Hektar hat kaum zugelegt. Vielfältige Innovationen sind möglich und erwünscht. Zweifelsohne muss Afrika verbessertes Saatgut, Dünger und Bewässerungssysteme der Grünen Revolution verwenden, wie andere Länder es zuvor taten – allerdings ohne deren Fehler zu wiederholen.

Wachsender Bedarf

Obwohl die Landwirtschaft südlich der Sahara wächst und die Nahrungsmittelsicherheit gestärkt wurde, bleibt noch ein langer Weg zu gehen. Daten der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO – Food and Agriculture Organization) zeigen, dass 2010 rund 73 Prozent der Afrikaner von weniger als zwei Dollar pro Tag lebten, 27 Prozent nicht genügend Kalorien konsumierten und 24 Prozent der unter fünfjährigen Kinder untergewichtig waren. Von 925 Mil­lionen hungernden Menschen dieser Welt lebten 239 Millionen in Afrika südlich der Sahara.

Viele afrikanische Bauern verwenden über 60 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Lebensmittel. Dementsprechend bleibt ihnen wenig Geld für andere Bedürfnisse.

Da sie im Inland nicht genug produzieren, geben afrikanische Volkswirtschaften jährlich zusammen 30 Milliarden bis 50 Milliarden Dollar für Lebensmittelimporte aus. Folglich fehlen dem Kontinent Mittel für die Infrastruktur und die Sozialpolitik. Da die Bevölkerung Afrikas von 2009 bis 2050 laut Prognosen von einer Milliarde auf 2,3 Milliarden anwachsen wird, muss die Agrarproduktion drastisch steigen. Im Jahr 2030 wird der Kontinent ansonsten bereits 150 Milliarden Dollar für Lebensmittelimporte benötigen.

Erhöhte Agrarproduktivität hat auf vielen Erdteilen zu höheren Einkommen der Bauern geführt. Bessere Nahrungsmittelversorgung war die Folge. Afrikanische Ernteerträge liegen aber noch weit unter dem internationalen Durchschnitt. Die geringe Produktivität hat verschiedene Gründe:
– den Mangel an moderner Technik und effizienten Methoden,
– den geringen Einsatz von ertragreichem Saatgut und Düngemittel,
– ungenügende Bewässerung und
– fehlende Marktanreize, weil Bauern kaum Absatzchancen haben.
Übergeordnete Probleme verschärfen dabei die Situation. Dazu gehören
– politische Instabilität und Gewaltkonflikte,
– schwache Institutionen und schlechte Regierungsführung, aber auch
– die unzureichende Gesundheitsversorgung der Menschen auf dem Land.

Keine Frage: Die Agrarproduktivität in Afrika muss dringend steigen, damit der künftige Bedarf gedeckt werden kann.

Der Klimawandel wird die Lage weiter verschärfen. So werden die Erträge aus dem Regenfeldbau beispielsweise vielerorts sinken. Die Bauern müssen sich anpassen – indem sie Regenwasser sammeln, dürreresistente Pflanzen kultivieren und die Umwelt schützen.

Über die Landwirtschaft hinaus

Bisher liegt der Fokus der Entwicklungspolitik auf der kleinbäuerlichen traditionellen Landwirtschaft. Diese muss ihre Effizienz steigern. Die Landwirte müssen von der bloßen Selbstversorgung („Subsistenzlandwirtschaft“) zu marktorientierter Produktion übergehen. Diese Transformation würde ihre Ernährungssicherheit erhöhen.

Damit diese Transformation gelingt, müssen viele Bedingungen erfüllt sein. Sie umfassen
– makroökonomische und politische Stabilität,
– solide Regierungsführung,
– Technologietransfer,
– Zugang zu Märkten und
– Rentabilität der Landwirtschaft.

Zudem müssen dringend neue Jobs außerhalb der Landwirtschaft entstehen. Denn wenn traditionelle Kleinbauern den Sektor verlassen, sind sie auf neue Beschäftigungsmöglichkeiten angewiesen. Es sind auch viele neue Arbeitsplätze möglich, denn der höhere Output der Bauern wird die Weiterverarbeitung der Ernten und verwandte Dienstleistungen erfordern.

Die Grüne Revolution darf also nicht von einschlägiger Gewerbeentwicklung abgekoppelt werden. Sonst wird es weder breites Wirtschaftswachstum noch erfolgreiche Armutsbekämpfung geben. Nur ein integrierter Ansatz kann die Ernährungssicherheit verbessern, Jobs schaffen und die Wertschöpfung steigern. Dabei sollte auch das bislang noch weitgehend ungenutzte Potenzial der Gentechnik in Betracht gezogen werden – mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen für Verbraucher und Umwelt.

Es ist bemerkenswert, dass die von der Bill & Melinda Gates Foundation geförderte Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) auf Kleinbauern abzielt und die Bedeutung der Biodiversität anerkennt. AGRA fördert im Wesentlichen zwölf Nutzpflanzen. Die Allianz stellt Saatgut zur Verfügung und unterstützt 60 Saatgutunternehmen in 13 afrikanischen Ländern. Sie arbeitet außerdem an Mikrofinanzdienstleistungen, um Kleinbauern den Erwerb von ergänzenden Produktionsmitteln wie Dünger und Pflanzenschutz zu ermöglichen. Zudem fördert AGRA auch Vermarktungsstrategien.

Die staatliche Unterstützung konzentriert sich ihrerseits vor allem auf Kleinbauern. Es wäre allerdings sinnvoll, dynamischere Organisationsformen zu fördern: Vertragsanbau, Genossenschaften und der Aufbau von Großbetrieben sollten berücksichtigt werden.

Ertragssteigerungen sind wichtig, und es gibt in der globalisierten Welt attraktive Exportnischen, zum Beispiel für Blumen und Gemüse. Diese werden in kommerzieller Landwirtschaft angebaut – manchmal ergänzt durch kleinbäuerlichen Vertragsanbau. Einkommen aus diesen Nischenmärkten kommen ländlichen Haushalten zugute und dienen ihrer Ernährungssicherheit.

Die Ausbreitung von Supermärkten in Afrika wird neue Beziehungen ­zwischen Handel und Landwirtschaft herbeiführen. Die Einzelhandelsmanager brauchen konstanten Warenfluss in standardisierter Qualität. Die gesamte Wertschöpfungskette ist für sie relevant. Prinzipiell bietet dieser Trend den Kleinbauern Chancen. Häufig ­gelingt es ihnen allerdings nicht, diese wahrzunehmen. Viele Landwirte meinen, der Einzelhandel gehe sie nichts an.

Ausbildung, Forschung und Innovation

Der World Development Report der Weltbank von 2008 unterstrich, dass Wissen und Fähigkeiten für Innovationen nötig sind. Innovationen sind für Agrarwachstum wesentlich, weil sie Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und folglich auch den Lebensstandard aller Beteiligten anheben.

Forschung liefert neue Technologien und verbesserte Praktiken. Sie muss natürliches Ressourcen­management sowie soziale, kulturelle und ökonomische Aspekte der Produktion, der Verarbeitung und der menschlichen Lebensgrundlage einbeziehen. Indigenes Wissen ist wichtig, sollte jedoch durch wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt werden.

Obwohl Technologie für das Wachstum essentiell ist, werden in Afrika insgesamt nur sieben Prozent der agrarischen Wirtschaftsleistung für landwirtschaftsrelevante Forschung und Entwicklung aufgewendet. Die Vergleichsquoten sind elf Prozent in Asien und 13 Prozent in Lateinamerika. Solange sich die Daten für Afrika nicht ändern, kann es keine nachhaltige Ernährungssicherheit geben.

Bauern brauchen solide Ausbildung, um eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen, zu verstehen und zu erweitern. In China wirkten sich Investitionen in ländliche Bildung am stärksten auf die Armutsverminderung aus, gefolgt von Investitionen in landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung (Fan, Zhang und Zhang 2002).

Damit Forschung sich lohnt, müssen die Bauern ihre Ergebnisse erfahren und verstehen. Solches Wissen zu vermitteln ist die Aufgabe staatlicher Agrarberatungsdienste („agricultural extension services“). Die Forschung muss also auf die Bedürfnisse der Bauern eingehen. Hierfür ist es sinnvoll, moderne Kommunikationstechniken zu benutzen. Die Agrarberater sollten dabei als Vermittler dienen. Wenn die Landwirte in die Planung, Umsetzung und Bewertung der wissenschaftlichen Arbeit einbezogen werden, können ihre Probleme in einer gemeinsamen Anstrengung gelöst werden.

Um die landwirtschaftliche Produktivität in Afrika zu erhöhen, ist kohärente Politik nötig. Die Faktoren, die zum Erfolg beitragen, bedingen sich schließlich wechselseitig.