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Gesundheitswesen

Schulmedizin oder Zauberdoktor?

von Karim Okanla

Hintergrund

Blutabnahme zum HIV-Test in Cotonou.

Blutabnahme zum HIV-Test in Cotonou.

In Benin entscheiden sich Menschen zwischen modernen Gesundheitseinrichtungen und traditionellen Heilern. Der Staat erkennt an, dass Heilpflanzen wirken, und will sie testen und akkreditieren. Bislang ist er aber nicht in der Lage, den chaotischen privaten Gesundheitsmarkt zu regulieren.

Georgette Viatonou ist eine Krankenschwester im Ogan’la-Gesundheitszentrum in Porto-Novo, der Hauptstadt Benins. Sie wirft erst einen Blick auf ihr Moped und prüft, ob es ordentlich abgeschlossen ist, bevor sie mich in ihrem Büro empfängt. Motorräder werden hier oft gestohlen. In ihrem Zimmer stapeln sich Medikamente in einem großen Plastikbehälter und den Regalen. Sie entschuldigt sich für die Enge, klagt aber nicht über die harten Arbeitsbedingungen.  

Wenn sie morgens um 7:30 Uhr zur Arbeit kommt, warten schon rund 40 Leute seit Stunden auf sie. Sie leben mit HIV/Aids oder leiden an einer anderen ansteckenden Krankheit, darunter auch Tuberkulose und Malaria. „Die HIV/Aids- und TB-Patienten wirken gestresst“, sagt Georgette. „Man sieht in ihren Augen die Angst.“

„Mein Arbeitstag beginnt meist mit Gruppenberatung“, berichtet sie. „Wer HIV-positiv ist, braucht Ermutigung. Die Patienten wollen von mir hören, dass sie nicht tödlich krank sind, sondern wieder einigermaßen normal werden leben können.“ Retrovirale Medikamente machen das möglich, aber sie müssen streng nach Vorschrift eingenommen werden. Die Pharmazeutika stellen die Regierung und der Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria zuverlässig in  ausreichender Menge bereit.

Dennoch gib es Engpässe. Manche besonders armen Menschen, die mit HIV infiziert sind, können die umgerechnet rund 20 Euro für die Tests nicht aufbringen, die unverzichtbar sind, um die Medikamente richtig einzustellen. Das Zentrum ist verpflichtet, sich diese Tests bezahlen zu lassen.

Trotz vieler Schwierigkeiten kann Georgette auch eine erfreuliche Geschichte erzählen. Einmal bat eine junge Frau, wohl Anfang 20, um Hilfe. Sie war HIV-positiv, völlig abgemagert und schien dem Ende nahe. „Ich konnte den Tod in ihren Augen sehen“, berichtet Georgette. Nach ein paar Wochen kam sie komplett erholt wieder. „Die antiretroviralen Mittel, die ich ihr gegeben hatte, wirkten“, erklärt die Krankenschwester. „Ich habe sie umarmt und ermahnt, die Medikamente weiter zu nehmen.“ Mittlerweile ist die junge Frau Mutter eines gesunden kleinen Mädchens. Hebammen aus dem Ogan’la-Zentrum waren bei der Geburt dabei.  

Ogan’la ist eine typische staatliche Ambulanz in Benin. Sie hat vielleicht 600 Quadratmeter Fläche; die Wände wirken heruntergekommen und bräuchten dringend einen neuen Anstrich. Die Eisenträger der Bedachung rosten im tropischen Klima. Weil es nicht genug Stühle und Bänke gibt, müssen manche Patienten im Stehen warten, bis sie dran sind.  

Ogan’la hat Abteilungen für HIV/Aids, Geburtshilfe, ein kleines Labor und eine Praxis für Gratisbehandlungen. Das Zentrum bietet Impfungen gegen Gelbfieber, Meningitis und andere Tropenkrankheiten an. Es hängt vom Gesundheitsministerium ab und beschäftigt etwa 44 medizinische Fachkräfte. Die meisten Dienstleistungen kosten Geld, werden aber subventioniert.  


Private Anbieter

Im Gegensatz dazu ist der Complexe Medico-Chirurgical Santé Pour Tous eine private Praxis in der Innenstadt von Porto-Novo. Moussa Tidjani-Serpos, ein alter Arzt mit Körperbehinderung, betreibt sie. Auch hier sind die Räume renovierungsbedürftig und die Möbel schäbig, aber die Gebühren sind deutlich höher. Dennoch kommen viele Patienten her.

Tidjani-Serpos wird von zwei Arzthelferinnen unterstützt. Er versucht, alles gleichzeitig zu machen: Patienten empfangen und zuhören, erste Hilfe leis­ten, Kinder zur Welt bringen, klinische Tests durchführen, Daten protokollieren, Medikamente verschreiben et cetera.  

Der alte Arzt sagt, dass die Bevölkerung Benins je nach Finanzkraft zwischen moderner Behandlung und traditionellen Heilern wählt. Auch Zauberheiler sind weit verbreitet, vor allem im ländlichen Raum. Ihr Geschäft blüht dank niedriger Einkommen, geringer Bildung, Analphabetismus und dem verbreiteten Glauben an mystische Kräfte. Sie verbinden Magie gern mit Heilkräutern – und manchmal haben sie Erfolg.

Tidjani-Serpos urteilt, dass manche Krankheiten – wie einfacher Durchfall oder Grippe – nicht schwer zu heilen sind. Zudem wissen traditionelle Heiler, wie sie gebrochene Knochen schienen müssen. Manche Krankheiten sind aber wirklich problematisch. „Windpocken gefährden das Leben vieler Kinder.“


Illias Sylla Doucoure ist ein traditioneller Heiler, der mit pflanzlichen Mitteln arbeitet. Seine Praxis ist zugleich sein Wohnzimmer. Er lebt in Zongo, einem dichtbevölkerten Stadtteil von Cotonou, dem Wirtschaftszentrum Benins. Auf der Schlammstraße stehen Pfützen mit schwarzem Wasser. Müll liegt herum. Wegen des Gestanks halten Besucher die Luft an. Es ist aber erstaunlich, was der Heiler alles über moderne und traditionelle Medizin weiß. Seine Angabe, dass rund 10 000 traditionelle Kräuterheiler in Benin arbeiten und dass rund 80 Prozent der Bevölkerung sich auf sie verlassen, scheint plausibel.

Ihm zufolge kosten traditionelle Malariamittel nur ein Drittel dessen, was in Apotheken für moderne Pharmazeutika bezahlt wird. Er nennt neben den geringeren Kosten weitere Wettbewerbsvorteile. So seien traditionelle Heiler  etwa sieben Tage die Woche rund um die Uhr ansprechbar. Zudem behandelten sie nicht nur Krankheiten der materiellen Welt, sondern auch solche mit metaphysischen, psychischen und magischen Ursachen. Manche Krankheiten, sagt er, würden von früherem Fehlverhalten von Vorfahren ausgelöst: „Sobald sie wissen, was das Vergehen war, können sie die Geister mit Opfern besänftigen – und die Krankheit verschwindet.“   

Doucoure hat aber nichts gegen wissenschaftliche Medizin. Er findet es gut, dass der Global Fund seinem Land jährlich 30 Milliarden CFA-Franc (rund 46 Millionen Euro) für Medikamente bereitstellt. Deshalb ist die Versorgung stabil. „In Benin gehen die Medikamente fast nie aus“, sagt der Heiler stolz, „und unser nationales Versorgungs- und Vertriebssystem arbeitet effizient.“ Doucoure lobt zudem das Gesundheitsministerium dafür, dass es traditionelle Heilmittel nun grundsätzlich anerkennt und nach gründlicher Prüfung und Zertifizierung formal zulassen und patentieren lassen will.  

Ihn bedrückt aber, dass in Porto-Novo und Cotonou viele unangemeldete private Kliniken betrieben werden. Laut Gesundheitsministerin Dorothee Kinde-Gazard wurden bereits 2200 illegale Praxen im ganzen Land geschlossen. Ihre Qualität war nie amtlich geprüft worden, ihr Personal war unqualifiziert, und ihre Geräte waren unter Niveau. Leider gibt es im Gesundheitswesen Benins aber nicht genug professionelle Fachkräfte, weil viele nach Europa oder Nordamerika gegangen sind, wo die Bezahlung besser ist – und die Arbeit leichter.  

Die Regierung will Benins chaotischen Gesundheitsmarkt mit einem neuen Gesetz regulieren. Ein riesiges Problem ist dabei die Vermarktung gefälschter, importierter Pharmazeutika. Sie sind gefährlich und erfüllen keine Sicherheitsstandards. Die Nachfrage ist in Benin aber groß, und für Massen von Menschen bleibt wissenschaftlich erprobte, moderne Medizin unerschwinglich.

Karim Okanla ist Dozent für Medien, Kommunikation und internationale Beziehungen an der Houdegbe North American University in Cotonou. [email protected]



 

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