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Biodiversität

Mainstreaming beginnt zuhause

von Èric Belvaux, Linda Ghanimé, Mathieu Régnier
Es fällt Entwicklungsorganisationen nicht leicht, den Schutz der biologischen Vielfalt in ihre tägliche Arbeit zu integrieren. Bisher bleiben solche Bemühungen schwach und unzureichend. Dennoch gibt es erste Erfolge und sie zeigen: Mainstreaming von Artenvielfalt muss im eigenen Land ansetzen. Ist das Thema erst einmal Teil der soziopolitischen Kultur, wird es auch in der Entwicklungszusammenarbeit selbstverständlich beachtet. [ Von Èric Belvaux, Linda Ghanimé und Mathieu Régnier ]

Weltweit wird viel für den Erhalt der biologischen Vielfalt getan – aber lange nicht genug, um ihren Schwund einzudämmen. Einige der Entwicklungsländer mit der größten Biodiversität engagieren sich schon auf verschiedenen Ebenen für deren Erhalt. Es gibt etliche Initiativen auf der Ebene von Nationalstaaten, und die ersten Erfolge inspirieren Entscheidungsträger und Entwicklungsplaner weltweit zu Investitionen und zusätzlichen Maßnahmen.

Eng verknüpft

Die Durchführungsorganisationen der Entwicklungspolitik müssen mehr zum Schutz der Biodiversität tun und helfen, ihre Erosion zu bremsen. Es reicht nicht, wenn sie sich allgemein um Umweltfragen kümmern. Sie müssen explizit auf Biodiversität achten, denn die Standard­rezepte der Umwelpolitik reichen nicht aus. „Ökologie“ und „biologische Vielfalt“ sind keine Synonyme. Die Differenz ist wichtig, nicht zuletzt weil „Umwelt“ zunehmend mit „Klima“ gleichgesetzt wird. Es geht aber um mehr.

Biodiversität und Entwicklung sind aufs Engste miteinander verknüpft. Das menschliche Wohlergehen basiert auf funktionierenden Ökosystemen. Diese wiederum hängen von der Artenvielfalt ab – was besonders in den Ländern wichtig ist, wo ganze Gemeinschaften unmittelbar von der Natur leben. Aber nicht nur diese Menschen machen sich die Natur zunutze. Ohne Zweifel macht der Verlust an biologischer Vielfalt es schwieriger, die UN-Millenniumsziele (MDGs) zur Reduktion von Armut, Hunger und Krankheit zu erreichen.

Bemühungen, die mit der Erreichung der MDGs zu tun haben, müssen deshalb mit denen, die auf die Ziele der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) ausgerichtet sind, besser als bisher koordiniert werden. Entsprechend sollten auch die nationalen Strategiepapiere zur Armutsbekämpfung (PRSP) das Thema Artenvielfalt konsequent einbeziehen.

Benin ist eins der Länder, die mit gutem Beispiel voran gehen. Die Gesetzgebung Benins stellt den Zusammenhang von Armut und Umweltzerstörung heraus und fordert entsprechendes Handeln. Die Verantwortlichen in Benin betonen, dass es beim Umweltschutz nicht nur um Verschmutzungsfragen geht, sondern auch um kluge Ressourcennutzung. Die aktuelle Wachstums- und Armutsbekämpfungsstrategie des Landes bezieht deshalb den Umweltschutz auf sehr vielen Ebenen ein. Ähnlich sieht auch die nationale Entwick­lungsplanung Tansanias den Schutz der Biovielfalt als Querschnittsthema, wobei sie sich auch anderen Umweltproblemen widmet.

Leider ist das aber nicht überall so. In der Vergangenheit wurde Armutsbekämpfung tendenziell nur durch die ökonomische Brille betrachtet. Dieser Ansatz ist nicht länger akzeptabel. Die „Nationalen Strategie- und Aktionspläne zum Erhalt der biologischen Vielfalt“, wie sie die CBD vorsieht, sollten politisches Handeln und das Engagement von Geberinstitutionen leiten (siehe Kasten).

Zwei Fronten

Hürden finden sich auf zwei Ebenen. Das betrifft erstens die Entwicklungsländer selbst, wo Vorreiter benötigt werden, um den Einstellungswandel voranzutreiben und entsprechende institutionellen Kapazitäten auszubauen. Es ist auch wichtig, die Verbindung zwischen den Finanz- und Planungsministerien und den für die Konvention zuständigen Stellen zu stärken.

Zweitens geht es um die Institutionen und Verfahren bei den Gebern. Das Mainstreaming von Artenschutz und allen seinen Aspekten bietet Vorteile, es fordert aber auch Kompromisse. Mitarbeiter der Durchführungsorganisationen und ihre Partner in den Entwicklungsländern klagen bereits, weil sie sich von den vielen Mainstreamingaufgaben überlastet fühlen. In der Tat ist der Aufwand für Studien und Expertisen groß. Es ist nachvollziehbar, dass zentrale entwicklungsrelevante Fragestellungen wie Gender, Governance, HIV/Aids, Klima, Konfliktpotenziale und so weiter als zusätzliche Belastungen empfunden werden, wenn sie unabhängig voneinander geprüft werden müssen. Es wäre deshalb sinnvoll, ein einheitliches Mainstreaming-Instrumentarium zu schaffen, dass alle diese Themen abdeckt.

Finanzengpässe sind indessen nicht das einzige Problem. Es fehlt auch an poli­tischem Willen und unternehmerischem Engagement. Die Zeit ist knapp und die Bereitschaft gering, sich auf neue Dinge einzustellen. Hinderlich ist zudem, dass es keine universell gültigen Indikatoren gibt, um Stand und Schwund von Artenvielfalt zuverlässig und einheitlich einzuschätzen.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Projekte, die sich auf Biodiversität beziehen, wie Entwicklungsvorhaben oft kurzfristig finanziert werden. Zwei bis fünf Jahre sind eine sehr knappe Zeitspanne für den nachhaltigen Schutz von Artenvielfalt. Biophysikalische Prozesse wie Bodenformation, (Wieder-)Aufforstung, Klimaveränderungen und evolutionäre Prozesse laufen in viel längeren Fristen ab. Auch die Entscheidungen auf der Ebene des Nationalstaats sind oft kurzfristig angelegt, und die institutionellen und technischen Kapazitäten für langfristige Mainstreaming-Maßnahmen sind begrenzt.

Viele Wege führen zum Ziel

Es gibt über die NASABs hinaus verschiedene Instrumente für das Mainstreaming und die Integration von Biodiversität in die nationalstaatliche Politik. Beispiele sind der Ökosystemansatz der CBD oder das Strategic Environmental Assessment (SEA). In den „Voluntary Guide­lines on Biodiversity-Inclusive Impact Assessment“ (2006) hat das Sekretariat der CBD ein Rahmenkonzept dafür veröffentlicht, Biodiversitätsaspekte in die gewohnte Umweltfolgenabschätzung einzubeziehen. Eine maßgeschneiderte SEA würde darüber hinaus erfassen, wie und warum Artenvielfalt zum Erhalt des Ökosystems beiträgt. Es geht dabei immer um ökologisches, soziales, kulturelles und wirtschaftliches Kapital der jeweiligen Gesellschaft.

Auf Länderebene können Geber und Empfängerregierungen Joint Assistance Strategies (JAS) nutzen, um Überlegungen zur Biodiversität in nationalen Reformprogrammen, Entwicklungsplänen und Armutbekämpfungsstrategien zu berücksichtigen. Das würde sowohl der Umwelt dienen, als auch die Entwicklung fördern. Es ist sinnvoll, das Aid-Effectiveness-Instrumentatrium zu benutzen, das in der Paris Declaration von 2005 genannt wird. Geberharmonisierung und Anpassung an die Strategien und Abläufe der Entwicklungsländer führen zu besseren Ergebnissen. Das gilt auch dort, wo es um Entwicklung und Biodiversität geht.

Institutionelles Dahinplätschern

Die Durchführungsorganisationen, die Biodiversität am systematischsten und gründlichsten in ihrer Arbeit berücksichtigen, stammen tendenziell aus Ländern mit großem Verständnis für die Bedeutung der Artenvielfalt und ihren Schutz. Glücklicherweise nimmt weltweit das Wissen um die entscheidende Rolle, die Biovielfalt für nachhaltige Entwicklung spielt, zu. Bildungsanstrengungen und Aufklärungskampagnen scheinen zu wirken.

Für einige Durchführungsorganisationen ist Biovielfalt ein zentraler Aspekt des Mainstreamings von Umweltfragen. Andere beginnen erst langsam, sich damit zu befassen. Es wäre sinnvoll, wenn alle ein einheitliches Konzept nutzten und unter gleichen Bedingungen arbeiteten. Es müsste mehr gemeinsam darüber nachgedacht werden, um herauszufinden, ob mehr internationale Vorgaben für die Entwicklung des Mainstreaming von Biovielfalt nötig sind.