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Editorial

Unsere Lebensgrundlagen

von Hans Dembowski
Landrace cultivators in Ethiopia

Landrace cultivators in Ethiopia

Hunger steht wieder ganz oben auf der internationalen Agenda. Der rasante Anstieg globaler Lebensmittelpreise in der jüngsten Vergan­gen­heit war das zentrale Thema der Frühjahrstagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Washington. Dieser Trend gefährdet das UN-Millenniumsziel, den Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung von 2000 bis 2015 zu halbieren.

Mehr Geld für Nahrungsnothilfe ist nötig – bringt aber nur kurzfristig etwas. Der Kern des Problems ist, dass die Nachfrage nach agrarischen Rohstoffen das Angebot übersteigt. Deshalb gehen die Preise nach oben. Dazu hat ohne Frage das Geschäft mit Agrarkraftstoffen beigetragen. Es reicht aber nicht, diese Praxis zu verdammen und vielleicht wieder zu unterbinden. Die Menschheit wächst so oder so – und mit ihr der Bedarf an Lebensmitteln. Die Landwirtschaft wird deshalb in Zukunft mehr leisten müssen.

In diesem Zusammenhang fällt oft das Schlagwort von der „Grünen Re­vo­lution in Afrika“. Richtig ist, dass viele Agrarpraktiken verbesserungswürdig sind. Selbstverständlich muss auch die Infrastruktur jenseits der Ballungsräume ausgebaut werden, damit Bauern im Hinterland Anschluss an Märkte, Informationen über Preisentwicklungen und Zugang zu Produktionsmitteln bekommen. Forschung tut not.

Dennoch werden Hochertragssorten, Mechanisierung, Dünger und Pflanzenschutz keinen einfachen Weg aus der Krise weisen. Solch kapitalintensive Produktion kommt für viele Kleinbauern nicht in Frage. Sie ist zudem energieintensiv, sodass ihre Kosten mit den Ölpreisen steigen. Vor allem aber verdrängt sie ihre eigenen Grundlagen: Für die Zucht und selbst die gentechnische Ma­ni­pulation von Hochertragssorten ist nämlich die bestehende biologische Vielfalt unverzichtbar. Gerade Afrika ist reich an traditionellen Landsorten. Sie bringen zwar keine sensationell hohen Erträge, sind aber ökologisch so gut angepasst, dass sie zuverlässig Mindesternten sichern. Die Kleinbauern, die derlei kultivieren, pflegen ehrenamtlich die agrarische Biovielfalt – also die Basis aller Hightech-Konzepte. Keine Frage: Diese Leistung sollte honoriert werden.

Die Vielfalt der agrarisch genutzten Sorten schwindet seit langem – so wie die biologische Vielfalt überhaupt. Der Schutz, die Nutzung und der faire Ausgleich der Vorteile dieser genetischen Schätze ist Thema der 9. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention über die biologische Vielfalt Ende Mai in Bonn. Es geht um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Genbanken helfen selbstverständlich, die Vielfalt zu nutzen. Sie taugen aber nur bedingt zu ihrem Schutz. Was Wissenschaftler sicher einlagern, entziehen sie der biologischen Evolution. Saatgut einer schädlingsresistenten Landrasse verliert im Safe über die Jahre diese Eigenschaft – denn die Schädlinge entwickeln sich auf den Äckern genetisch weiter. Evolution beruht darauf, dass verschiedene Organismen aufeinander reagieren. Auf Dauer bleiben nur tatsächlich angebaute Landsorten vital.

Biodiversität ist in der Ära des Klimawandels besonders wichtig. Wie der Treibhauseffekt agrarische Produktionsbedingungen verändert, ist noch nicht völlig abzusehen. Klar ist aber, dass ge­ne­tische Ressourcen – also biologische Vielfalt – nötig sein werden, um damit zurechtzukom­men. Wer nur auf Hochertragssorten und Hightech-Lösungen setzt, wird das ernten, was manche Länder heute schon erleben: Hungerrevolten.