D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Postwachstum

„Ein gutes Leben muss nicht die Erde kosten“

von Dagmar Wolf

In Kürze

„The game changer“ ist ein Kunstwerk, mit dem sich der Streetart-Künstler Banksy während des Lockdowns beim Krankenhauspersonal bedankt: hier im Southampton General Hospital.

„The game changer“ ist ein Kunstwerk, mit dem sich der Streetart-Künstler Banksy während des Lockdowns beim Krankenhauspersonal bedankt: hier im Southampton General Hospital.

„Wie wollen wir leben?“ ist die Frage, die den britischen Ökonom und Professor für nachhaltige Entwicklung an der University of Surrey umtreibt. In seinem gleichnamigen Buch fordert Tim Jackson uns zum Nachdenken über eine Welt auf, die von ständigem Wachstum besessen ist, in der die Klimakatastrophe längst zur Realität geworden ist und weitere Kipppunkte im Erdsystem drohen. Dieser Beitrag ist der sechste unseres diesjährigen Kultur-Spezialprogramms mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.

Jackson lehnt Wachstum nicht grundsätzlich ab. Da, wo Mangel herrsche, sei Wachstum durchaus sinnvoll und notwendig, schreibt er. Anders sehe es in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften aus, in denen bereits ein Übermaß herrscht. Da, wo es genug gibt, müsse permanent neuer, „künstlicher Mangel“ geschaffen werden, um den Motor der Konsumgesellschaft am Laufen zu halten. Dadurch werde permanente Unzufriedenheit geschürt, ständig müsse das Alte zugunsten etwas Neuem ausgetauscht werden – zu Lasten von Ressourcen- und Energieverbrauch. Die zwanghafte Fixierung auf hohe Wachstumsraten und unser Konsumverhalten führe zu einer massiven Umweltzerstörung, zur Klimakrise und zum Verlust der biologischen Vielfalt, mit unvorhersehbaren Folgen.

BIP und Wohlstand

Jackson beschäftigt sich mit der Frage, was Wohlstand ist. Seit den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maß für die Größe der Wirtschaft eines Landes und als Äquivalent für gesellschaftlichen Fortschritt. Er bezweifelt, dass das BIP die richtigen Dinge misst, und verweist auf ein Zitat des US-Politikers Robert F. Kennedy, Bruder des gleichnamigen US-Präsidenten, der bereits 1968 in seiner Wahlkampfrede sagte, dass das BIP „zu viel Schlechtes umfasst, das unsere Lebensqualität beeinträchtigt, und zu viel Gutes ausschließt, das für uns wichtig ist“.

Das BIP erfasse nicht die Zerstörung und den Verlust der Natur, aber auch nicht die Gesundheit der Kinder, die Qualität der Erziehung oder die Arbeit derer, die sich um Kinder oder Pflegebedürftige zu Hause kümmern. Das BIP messe alles, außer dem, was das Leben lebenswert mache, stellte Kennedy fest. Einfach die Geschäftigkeit der Wirtschaft zu messen und das dann Fortschritt zu nennen sei kein Weg zu dauerhaftem Wohlstand, so die Botschaft.

Coronakrise

Die weltweite Corona-Pandemie führte uns die Fehler eines auf permanentes Wachstum ausgerichteten kapitalistischen Wirtschaftssystems vor Augen, schreibt Jackson. Das System fördere den kurzfristigen Profit für wenige statt eines langfristigen Wohlergehens der Gesellschaft. Wie wichtig aber Fürsorgearbeit und der Wert des Gesundheitswesens sind, hat die Pandemie deutlich gezeigt. Gerade Tätigkeiten wie die Pflege in Krankenhäusern oder Altenheimen wurden systematisch entwertet. Das führte dazu, dass unterbezahlte und dem Virus am meisten ausgesetzte Menschen am Rande der Erschöpfung ihren unverzichtbaren Dienst an der Gesellschaft leisteten, andere ihre Arbeit ganz verloren, während wenige Reiche und Privilegierte weiterhin Profit machten.

Im weltweiten Lockdown machte die Fixierung auf Wachstum eine Pause, um das Leben der Menschen zu schützen. Länder, die der Gesundheit ihrer Bevölkerung Vorrang vor der Produktivität einräumten, hielten das Unglück auf niedrigem Niveau, so Jackson. Konsumgewohnheiten wurden zurückgesteckt, und wir wurden daran erinnert, worauf es im Leben am meisten ankommt.

Sozial-ökologische Transformation

Gerade die aus der Corona- und der Klimakrise gewonnenen Erkenntnisse, aber auch soziale Spannungen und die steigende soziale Ungleichheit sollten zu einem Umdenken führen. Es gehe darum, nachhaltige Prinzipien für ein gutes Leben zu entwickeln, also eine sozial-ökologische Transformation einzuleiten (siehe hierzu auch Sabine Balk auf www.dandc.eu).

Green Deals und dem damit verbundenen Green Growth, dem sogenannten grünen Wachstum, steht Jackson eher skeptisch gegenüber. In einer endlichen Welt sei unendliches Wachstum schwer vorstellbar (siehe hierzu auch Praveen Jhan auf www.dandc.eu). Entscheidend sei es, nicht nur die Nutzung fossiler Rohstoffe zu beenden, sondern der begrenzten Tragfähigkeit aller Ökosysteme Rechnung zu tragen. Jackson fordert ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit der Natur.

Gleichgewicht statt Wachstum

Ein Ende des Wachstums sei nicht das Ende gesellschaftlichen Fortschritts. „Ein gutes Leben muss nicht die Erde kosten“, lautet seine Hauptbotschaft. Dem Mythos Wachstum stellt er seine Vision einer Gesellschaft gegenüber, die uns ohne Wachstum reicher macht statt ärmer, in der Wohlstand mehr ist als materieller Überfluss und in der Gleichgewicht wichtiger ist als Wachstum. „Wie wollen wir leben?“ ist eine Weiterführung seines vorherigen Buches „Wohlstand ohne Wachstum“. Es ist ein Manifest für ein anderes Wirtschaftssystem. Das Buch bietet keine vorgefertigten Lösungen. Vielmehr lädt es anhand wissenschaftlicher, politischer, geschichtlicher und philosophischer Erkenntnisse und Anekdoten zum Nachdenken darüber ein, was das Leben lebenswert macht.
 

Buch
Jackson, T., 2021: Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn. München, oekom Verlag.


Dagmar Wolf ist Redaktionsassistentin bei E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit /D+C Development and Cooperation.
euz.editor@dandc.eu