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Historische Schuld

„Wir reden über richtig große Summen“

von Kehinde Andrews, Katja Dombrowski, Hans Dembowski

Hintergrund

„Erfinder wie James Watt waren auf Kapital angewiesen, das in den Kolonien erwirtschaftet wurde.“

„Erfinder wie James Watt waren auf Kapital angewiesen, das in den Kolonien erwirtschaftet wurde.“

Radikale Aktivisten fordern, dass reiche Länder Reparationen für Sklaverei und Kolonialismus zahlen. Kehinde Andrews, Ko-Vorsitzender der britischen Black Studies Association, unterstützt dieses Anliegen.

Warum halten Sie Reparationen für die geeignete Antwort auf historische Gräueltaten?
Zunächst einmal müssen wir verstehen, dass der westliche Wohlstand und die Welt von heute auf Sklaverei und Kolonialismus basieren. Die Sklaverei hat zur Verrohung der Gesellschaften aller beteiligten Länder geführt. Entsetzlicher Rassismus besteht fort, sowohl in starker struktureller Ungleichheit als auch in krassen rassistischen Vorurteilen. Eins von vielen Beispielen jüngster Zeit war die rechtsextreme Demonstration in Charlottesville, Virginia. Um die heutigen Probleme zu lösen, müssen wir an den Ursachen ansetzen.

Aber sind nicht die industrielle Revolution und technologischer Fortschritt mindestens ebenso verantwortlich für den westlichen Wohlstand?
Vergessen Sie nicht, dass es mit der Textilindustrie begann und dass diese Branche von der Baumwolle abhing, die versklavte Afrikaner auf den Plantagen der Kolonien produzierten. Außerdem wurde die industrielle Revolution durch die Profite aus dem Sklavenhandel und den Kolonien finanziert. In Birmingham verehren wir heute bahnbrechende Erfinder wie James Watt, dabei wird aber außer Acht gelassen, dass Leute wie er auf Kapital angewiesen waren, das in den Kolonien erwirtschaftet wurde.

Wie hoch sollten die Entschädigungszahlungen Ihrer Meinung nach sein?
Nun, wir sollten die unbezahlte Arbeit berücksichtigen, die Millionen Menschen zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert leisten mussten. Außerdem müssen wir den entstandenen Schaden einrechnen. Wir reden hier über richtig hohe Summen. In den USA sind 4,9 bis 15 Trillionen Dollar im Gespräch.

Selbst eine Zahlung der reichen Länder von nur 4,9 Trillionen Dollar an die Nachkommen der Opfer historischen Unrechts scheint unrealistisch.
Ja, ich weiß. Wahrscheinlich würde das die westlichen Ökonomien so sehr destabilisieren, dass die ganze Sache nutzlos wäre. Den Schaden auf diese Weise zu begleichen, könnte das globale System zerstören. Andererseits ist das Prinzip von Reparationen ja gut etabliert. Vor nicht allzu langer Zeit hat die deutsche Bundesregierung Menschen für Zwangsarbeit unter den Nazis entschädigt, und vorher gab es auch schon Reparationen für den Holocaust.

Wer müsste das Geld aufbringen – westliche Regierungen?
Die Regierungen sollten auf jeden Fall mit Steuergeldern ihren Teil dazu beitragen, aber die Privatwirtschaft steht auch in der Verantwortung. Lloyds of London beispielsweise ist ein riesiger Player der Finanzwirtschaft; seine Anfänge lagen in der Versicherung von Sklavenschiffen. Solche Unternehmen müssen einen angemessenen Beitrag leisten. Das Gleiche gilt für Kirchen und alle anderen, die in den Sklavenhandel involviert waren.

Und wer sollte das Geld erhalten?
Das ist eine schwierigere Frage. Es wäre nicht sinnvoll, das Geld direkt an Massen von Menschen auszuteilen. Sie würden es ausgeben, es wäre schnell weg, und die bestehende globale politische Ökonomie würde gestärkt – außer das System bräche vorher zusammen. Wir brauchen eine kollektive Lösung. Es wäre allerdings auch nicht gut, das Geld an die Regierungen ehemaliger Kolonien zu überweisen. Sie sind Teil des Problems und stehen nicht von ungefähr im Ruf der Korruption. Häufig haben sie die ausbeuterischen kolonialen Praktiken einfach fortgesetzt. Erfolgversprechender könnte die Einrichtung eines internationalen Rats sein, mit Repräsentanten jenseits der Regierungen – etwa aus zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Wissenschaft. Dieser Rat würde entscheiden, was mit dem Geld gemacht wird.

Was sollte denn mit dem Geld gemacht werden?
Es könnte verwendet werden, um Infrastruktur aufzubauen, für Bildungseinrichtungen und Gesundheitsversorgung. Noch wichtiger wäre es jedoch, dazu beizutragen, dass die ehemaligen Kolonien wirtschaftlich wirklich unabhängig werden.

Das klingt nach klassischer Entwicklungshilfe. Geberländer haben im vergangenen Jahr 140 Milliarden Dollar an staatlicher Entwicklungshilfe (official development assistance – ODA) ausgegeben, und es ist nicht leicht, diese Summen sinnvoll zu investieren.
ODA ist nicht die Lösung. Wie Malcolm X sagte: „Wenn du mir ein Messer neun Inch tief in den Rücken rammst und es sechs Inch herausziehst, ist das kein Fortschritt.“ Es kommt darauf an, die Wunde zu heilen. Das macht ODA nicht. Oft verstärkt sie Probleme sogar, indem sie eine unfaire Hierarchie stützt, in der Europa und Nordamerika immer oben stehen und Afrika immer unten.

Einige unserer asiatischen Freunde würden diese Hierarchie anzweifeln, denn sie sehen Europa – und sogar Nordamerika – als dekadent an. Europa hat in ihren Augen ausgedient.
Aber sie sind sich alle einig, dass Afrika ganz unten ist. ODA kann dazu beitragen, Armut zu mindern, aber nicht, eine ungerechte Weltordnung zu ändern, die auf Kolonialismus und Sklaverei errichtet ist. Es gibt kein Szenario, das afrikanischen oder karibischen Staaten Gleichheit mit den Weltmächten verschaffen würde. Dazu braucht es einen revolutionären Ansatz.

Vor 50 Jahren waren Südkorea und Ghana etwa auf dem gleichen Entwicklungsstand. Südkorea hat massive Hilfen bekommen und zu westlichen Ländern aufgeschlossen.
Okay, Samsung ist heute ein multinationales Unternehmen. Aber es braucht immer noch seltene Erden und andere Rohstoffe aus Afrika. Es liegt auf der Hand, dass nicht jedes afrikanische Land das nächste Südkorea – oder China – werden kann.

Die Karibische Gemeinschaft CARICOM verlangt Reparationen für Sklaverei und Kolonialherrschaft. Denken Sie, sie wird damit Erfolg haben?
Nun, die Diskussion hat sich verändert. Es heißt jetzt nicht mehr: „Ihr habt etwas falsch gemacht – jetzt gebt uns Geld“. Es geht eher darum, dass die ehemaligen Kolonialmächte ihre Schuld eingestehen, sich entschuldigen und Entschädigung in Form von Bildungsprogrammen, Schuldenerlassen, Infrastruktur et cetera leisten. Die Bewegung „Stop the Maangamizi“ in Britannien organisiert eine jährliche Demonstration für Anerkennung, und schwarze Aktivisten in den USA fordern beispielsweise kostenlose Bildung. So etwas kann es sogar geben, würde den tatsächlichen Schaden aber nicht begleichen.

Könnte der Bau von Infrastruktur für erneuerbare Energien historische Gräueltaten kompensieren?
Prinzipiell ja, wir dürfen die reichen Länder aber nicht zu leicht davonkommen lassen. Sie sind diejenigen, die die globale Erwärmung verursacht und von der industriellen Entwicklung profitiert haben, die der Erderwärmung zugrunde liegt. Deshalb ist Klimafinanzierung bereits eine Art von Kompensation. Und die reichen Länder haben bislang weder ausreichend Geld zugesagt noch die Mechanismen aufgebaut, um zu zahlen, was zugesagt ist. Das Erbe von Sklaverei und Kolonialismus ist zentral, um die globale Klimaungerechtigkeit zu verstehen. Wir sollten das Thema Erderwärmung aber nicht mit der Diskussion um Reparationen vermischen.

Kehinde Andrews ist Ko-Vorsitzender der britischen Black Studies Association und lehrt Soziologie an der Birmingham City University.
[email protected]

 

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