Religiöse Gemeinschaften

Das Erbe der kolonialen Herrschaftsstrategie

Die indische Regierungspartei BJP (Bharatiya Janata Party) ist von der Ideologie des Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) inspiriert. Der RSS ist eine hindu-chauvinistische Kaderorganisation, die für Indien eine globale Führungsrolle beansprucht und Muslime in Indien als Fremde sieht.
Aktivistinnen und Aktivisten der regierenden indischen BJP protestieren im Dezember 2022 gegen den pakistanischen Außenminister Bilawal Bhutto Zardari. picture alliance / NurPhoto / Sankhadeep Banerjee Aktivistinnen und Aktivisten der regierenden indischen BJP protestieren im Dezember 2022 gegen den pakistanischen Außenminister Bilawal Bhutto Zardari.

Auch in Pakistan spielt glaubensbasierte Identitätspolitik eine Rolle, wenn auch auf andere Weise als in Indien. Radikale Sunniten haben es geschafft, den Islam weitgehend als ihre eigene Version des Glaubens neu zu definieren und andere zu diskriminieren.

Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass frühere indischen Regierungen nach der Unabhängigkeit 1947 eine harmonische und inklusive Gesellschaft aufgebaut hätten. Meist stellte die Kongresspartei die Regierung, und die Macht lag in den Händen der Eliten der oberen Kasten und Einkommensgruppen. Minderheiten blieben weitgehend ausgegrenzt. Heute sind sie – und besonders die Muslime – Zielscheibe systematischer und institutionalisierter Hetze. So wirkt das Trauma der Teilung heute noch fort.

Es heißt oft, die Kolonialmacht hätte Indien mit nur 15 000 britischen Menschen im Land beherrscht. Sie konnten den riesigen Subkontinent kontrollieren, weil die Unterworfenen zwei Jahrhunderte lang mitmachten und teils die britische Herrschaft auch unterstützten. Wie zuvor unter den muslimischen Mogulen blüte die einheimische Oberschicht in Wohlstand auf.

Karte von Pakistan, Indien und Bangladesch

Koloniales Erbe

Die britische Kolonialmacht setzte auf eine Strategie von „Teile und herrsche“. Sie spielte Hindus und Muslime gegeneinander aus und schärfte ihnen ein, die religiöse Identität sei entscheidend. Historisch waren Sprache, Kaste und Klasse von mindestens gleicher Bedeutung, zumal das Kastensystem auch andere Glaubensrichtungen als den Hinduismus durchdringt. Nach dem Aufstand von 1857 gegen die Kolonialmacht, an dem Hindus und Muslime beteiligt waren und der in Südasien als „erster Unabhängigkeitskrieg“ bezeichnet wird, hielt sich die Kolonialmacht strikt an ihre spalterische Identitätspolitik.

Die 1885 gegründete Kongresspartei war die politische Vorreiterin im Kampf gegen die Kolonialherrschaft. Sie war keine Hindu-Organisation, aber manche Muslime fühlten sich dennoch ausgeschlossen. Daher wurde 1906 die All India Muslim League gegründet. Die Kongresspartei wollte, dass Indien nach der Unabhängigkeit geeint blieb, aber die Muslimliga bestand auf einem eigenen Staat. Sie argumentierte, dass die Menschen ihres Glaubens sonst benachteiligt werden würden.

In den Jahren bis zur Unabhängigkeit des Landes nahmen die Spannungen stark zu, und es verbreitete sich immer mehr Hass. 1946 kam es in Kalkutta zu schrecklichen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen. Als die Briten ihre Macht abgaben, wurden Indien und Pakistan ein Jahr später zu zwei getrennten Staaten. In beiden Ländern kontrollierten Angehörige der etablierten Eliten die neuen Regierungen.


Suparna Banerjee ist Politikwissenschaftlerin und lebt in Frankfurt am Main.
mail.suparnabanerjee@gmail.com

 

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