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Kulturpflanzen

Traditionelles Saatgut bedroht

von Lucien Silga

Hintergrund

Eine Frau bereitet Samen des Néré-Baums zum Trocknen auf dem Boden aus. Der Néré ist ein bedeutender Nutzbaum in Burkina Faso.

Eine Frau bereitet Samen des Néré-Baums zum Trocknen auf dem Boden aus. Der Néré ist ein bedeutender Nutzbaum in Burkina Faso.

Saaten werden in Burkina Faso innerhalb der bäuerlichen Gemeinschaften in einem althergebrachten, ausgeklügelten System verwendet, vermehrt, gezüchtet und gehandelt. Doch dieses System ist zunehmend bedroht: Internationale Saatgutkonzerne werben offensiv für ihre Produkte, und die Regierung bläst ins gleiche Horn.

Burkina Faso ist – wie andere westafrikanische Länder auch – stark von der Landwirtschaft geprägt. 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden dort erwirtschaftet, und vier von fünf Erwerbstätigen des Landes arbeiten in diesem Bereich. Die meisten sind Kleinbauern, und viele produzieren hauptsächlich für den Eigenbedarf. Zur Sicherung ihres Lebensunterhalts sind die Menschen auf Ackerland und Saatgut angewiesen. Somit spielen Saaten und das traditionelle System, wie sie genutzt und verwaltet werden, eine übergeordnete Rolle für die Ernährung und die Existenzgrundlage der ländlichen Bevölkerung.

Doch die althergebrachten Praktiken, mit denen die Bauern ihr Saatgut verwenden, vermehren, züchten und tauschen, sind stark bedroht. Die großen Saatgutkonzerne werben offensiv für die Verwendung industriellen und genveränderten Saatguts und drängen in den Markt. Unterstützung erhalten sie durch Regierungsprogramme und Gesetze, die ihnen in die Hände spielen, sowie von diversen weiteren Akteuren und Geldgebern im Landwirtschaftssektor des Landes (siehe Kasten).

2006 hat Burkina Faso ein Gesetz für pflanzliche Samen beschlossen. Es erkennt zwar sowohl traditionelles als auch „verbessertes“ Saatgut an, fördert aber fast ausschließlich die Verbreitung des kommerziellen Saatguts – vor allem, indem es geistige Eigentumsrechte an Sorten einführte und Produktion und Handel stark reglementierte. Die traditionellen Sorten sind davon zwar nur am Rande betroffen. Auf die Rechte der Bauern, die Saaten innerhalb ihrer Netzwerke zu bewahren, zu nutzen und zu handeln, geht das Gesetz jedoch auch nicht ein. Andererseits beschränkt es die Rechte der Bauern an den Sorten, die durch das geistige Eigentumsrecht geschützt sind.

Im offiziellen Diskurs wird das traditionelle Saatgutsystem als minderwertig dargestellt. Öffentlich und privat finanzierte Programme machen auf dem Land kräftig Werbung für das kommerzielle System, und der Staat subventioniert die Produktion zertifizierter Sorten. Sie werden als Lösung für diverse Probleme präsentiert, unter denen die Bauern leiden, etwa der immer kürzeren Regenzeit beziehungsweise örtlich sowie zeitlich veränderten Regenfällen aufgrund des Klimawandels. Ein weiteres Argument ist die höhere Rendite, die die kommerziellen Sorten angeblich bringen – wobei allerdings verschwiegen wird, dass sie den Einsatz von künstlichem Dünger und Pestiziden erfordern.


Vielfältig und angepasst

Trotz der aggressiven Kampagnen benutzt noch immer die große Mehrheit der Bauern in Burkina Faso die traditionellen Sorten, die sie seit jeher weiterentwickelt haben und die ihren Bedürfnissen entsprechen: Wie der äthiopische Forscher Melaku Worede (siehe E+Z/D+C/E+Z 2012-03, S. 102) sowie weitere unkonventionelle Wissenschaftler und nichtstaatliche Organisationen wie FIAN schon lange betonen, bieten die traditionellen Landsorten örtliche Vorteile. Sie sind ein immenser genetischer Schatz an alle möglichen Wetterlagen und Standorte angepasster Nutzpflanzen. Bauern haben sie über Generationen hinweg gezüchtet, und Weiterzüchtung passt sie an veränderte Umweltbedingungen an. Das traditionelle Wissen der Bauern besagt, welche Sorten unter welchen Bedingungen verwendet werden. Manche widerstehen Dürren, andere Schädlingen. Die biologische Vielfalt der kultivierten Pflanzen macht die traditionelle Landwirtschaft resilient. Derweil verwenden auch kommerzielle Saatgutfirmen diese genetischen Ressourcen, um gewünschte Eigenschaften in ihre Produkte einzukreuzen.

Es überrascht deshalb nicht, dass offiziellen Daten zufolge 80 Prozent der Bauern in Burkina Faso traditionelle Sorten anbauen. Sie pflegen die lebenswichtige Vielfalt weiter, die sie von ihren Eltern und Vorfahren geerbt haben. Auch mit Blick auf die Klimakrise ist das sinnvoll. Das Wetter wird zunehmend unberechenbar, und Extremsituationen nehmen zu. Das ist auch in Burkina Faso der Fall. Kommerzielles Saatgut mag höhere Erträge bringen, aber der kluge Einsatz von Landsorten bedeutet, dass Bauern nicht Gefahr laufen, die komplette Ernte zu verlieren.

Das ausgeklügelte Saatgutsystem der bäuerlichen Gemeinschaften betrifft nicht nur die traditionellen und lokalen Sorten, sondern auch Sorten aus anderen Regionen und sogenannte verbesserte Sorten. Die Bauern verwalten das Saatgut nach traditioneller Art, basierend auf althergebrachten Praktiken und Wissen. Das System basiert auf Gewohnheitsrechten und kollektiven Rechten der Gemeinschaft.

Wegen der engen Beziehungen der bäuerlichen Gemeinschaften zu Pflanzen und Tieren und zur Natur im Allgemeinen und wegen der großen Bedeutung dieser natürlichen Ressourcen für ihre Lebensweise haben die Bauern bestimmte Rechte an Saaten und Arten. Diese Rechte sind weltweit festgeschrieben, zum Beispiel im internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture – ITPGRFA). Die 2018 verabschiedete UN-Erklärung der Rechte von Kleinbauern hat diese Rechte nochmals bekräftigt. Nicht überall werden diese Rechte anerkannt, und selbst da, wo das der Fall ist, bleibt die Rechtsdurchsetzung häufig unbefriedigend.

Bauernvereinigungen in Burkina Faso kämpfen mit Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen dafür, dass die Regierung die internationalen Rechte umsetzt, vor allem ITPGRFA Artikel 9 über die Rechte der Bauern. Ihrem Druck ist es zu verdanken, dass das Parlament ein Gesetz über den Zugang zu pflanzengenetischen Ressourcen für Landwirtschaft und Ernährung beschlossen hat. Es beinhaltet auch Vorgaben dazu, wie die Gewinne aus der Nutzung dieser Ressourcen zu verteilen sind. Ein Kapitel regelt explizit die Rechte der Bauern und beinhaltet auch Artikel 9 des ITPGRFA.

Auf dieser Grundlage müssen nun rechtliche Bestimmungen erlassen werden, die das traditionelle Saatgutsystem anerkennen und effektiv schützen und den Bauern das Recht einräumen, ihre Sorten zu bewahren, zu nutzen und zu handeln. Die Regulierung muss von politischen Maßnahmen begleitet werden, von öffentlicher Forschung und von der Unterstützung durch Produzenten, die auf die Bedürfnisse der bäuerlichen Landwirtschaft abzielen. Nur durch den Erhalt des traditionellen Saatgutsystems in seiner Gesamtheit können Afrikas große Arten- und Sortenvielfalt und das Wissen der bäuerlichen Gemeinschaften bewahrt werden.

Lucien Silga ist Koordinator der internationalen Menschenrechtsorganisation FIAN in Burkina Faso.
[email protected]

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