Makroökonomie
Wie sich Chinas Exportpolitik auf den Globalen Süden auswirkt
Der internationale Handel erlebt derzeit eine Phase tiefgreifender Verschiebungen, und China ist dabei ein wichtiger Faktor. Mit Warenexporten von etwa 3,8 Billionen Dollar und einem Warenhandelsüberschuss von rund 1,2 Billionen Dollar im Jahr 2025 war China mit großem Abstand der weltweit größte Warenexporteur. Zum Vergleich: Die EU erzielte im Jahr 2025 einen Warenhandelsüberschuss von umgerechnet gut 150 Milliarden Dollar, während die USA ein Warendefizit von etwa 1,25 Billionen Dollar verzeichneten.
Chinas Überschuss ist das Ergebnis eines strukturellen Wandels und einer veränderten Handelspolitik: Weil die Inlandsnachfrage schwächelt, treibt die chinesische Regierung gezielt den Ausbau industrieller Kapazitäten in international gefragten Schlüsselbranchen voran – von Elektromobilität über Batterien bis hin zur Solartechnologie. In vielen dieser Sektoren sind inzwischen deutliche Überkapazitäten in der Produktion entstanden, die China im Ausland absetzen möchte.
Die steigende Warenmenge trifft auf Märkte, die zunehmend gesättigt sind oder sich abschotten. In den USA und der EU reagieren Regierungen mit Antidumpingzöllen und industriepolitischen Gegenmaßnahmen. In der Folge fielen beispielsweise Chinas Exporte in die USA im Jahr 2025 aufgrund der höheren US-Zölle um 20 %. Für chinesische Anbieter wächst dadurch der Druck, andere Absatzmärkte auszubauen, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern.
Mehr chinesische Exporte nach Afrika, Lateinamerika und Südostasien
Dass dies gelingt, zeigen die deutlichen Verschiebungen in den globalen Handelsströmen. Während die Bedeutung der traditionellen Absatzmärkte USA und Europa stagniert oder zurückgeht, wachsen Chinas Verflechtungen mit Entwicklungsregionen weiter dynamisch. Vor allem in Afrika und Lateinamerika steigen die Warenimporte aus China deutlich: 2025 wuchsen die chinesischen Exporte nach Afrika um 25,8 %, in die ASEAN-Staaten um 13,4 %, nach Indien um 12,8 % und nach Lateinamerika um 7,4 %.
In den einzelnen Regionen zeigt sich dabei ein ähnliches Grundmuster in unterschiedlicher Ausprägung: Während Verbraucher*innen und Unternehmen von den niedrigeren Preisen der aus China importierten Waren profitieren, geraten lokale Industrien zunehmend unter Wettbewerbsdruck – insbesondere in arbeitsintensiven Sektoren wie der Textilbranche oder dem einfachen Maschinenbau.
In Lateinamerika zeigt sich insgesamt eine ausgeprägte strukturelle Asymmetrie: China exportierte 2025 laut Daten der chinesischen Zollbehörde Waren für knapp 300 Milliarden Dollar in die Region. Gleichzeitig lieferte die Region Waren im Wert von etwa 250 Milliarden Dollar nach China, hauptsächlich aus Brasilien, Chile und Peru. In vielen Ländern steigt dadurch das entsprechende Handelsdefizit.
Zugleich verfestigt sich die Abhängigkeit vom Handel mit Primärgütern: Die Länder führen überwiegend unverarbeitete Rohstoffe und Agrarprodukte aus und importieren im Gegenzug höherwertige Industriegüter. Das macht sie anfällig für schwankende Rohstoffpreise und erschwert den Aufbau eigener industrieller Wertschöpfung.
In Afrika ist China für zahlreiche Volkswirtschaften inzwischen der wichtigste Handelspartner. Das bilaterale Handelsvolumen liegt insgesamt bei rund 350 Milliarden Dollar, wobei chinesische Exporte mit 225 Milliarden Dollar Warenwert die Importe aus Afrika mit 123 Milliarden Dollar deutlich übertreffen. Gleichzeitig macht Afrika mit rund 5,5 % nur einen vergleichsweise kleinen Anteil am gesamten chinesischen Außenhandel aus.
In Südostasien wiederum zeigt sich ein stärker integriertes Muster. Die ASEAN-Region ist eng in asiatische Lieferketten eingebunden und profitiert von steigenden Investitionen. Hier liegt das Handelsvolumen mit China insgesamt bei gut einer Billion Dollar, wobei chinesische Exporte mit 665 Milliarden Dollar Warenwert die Importe aus ASEAN-Ländern mit 389 Milliarden Dollar deutlich übertreffen. Außerdem bleibt ein Großteil der technologisch anspruchsvollen Wertschöpfung weiterhin in China konzentriert.
Kurzfristige Gewinne, langfristige Zielkonflikte
Makroökonomisch bietet der Zustrom günstiger Importe zunächst Vorteile. Zum einen dämpft er die Inflation. Zum anderen erleichtern sinkende Preise für Investitionsgüter wichtige Infrastrukturprojekte und industrielle Modernisierung. Ein Beispiel dafür sind erneuerbare Energien: Die Kosten für Solarmodule sanken innerhalb der vergangenen Dekade drastisch und machten diese Technologie in vielen Ländern erstmals breit konkurrenzfähig.
Doch diesen Vorteilen stehen strukturelle Risiken gegenüber. Der zunehmende Importdruck trifft vor allem lokale Industrien, die häufig weder vergleichbare Produktionsgrößen erreichen noch staatliche Förderung erhalten. In der Folge verlieren heimische Unternehmen Marktanteile, Investitionen bleiben aus, und industrielle Lernprozesse verlangsamen sich. Dies kann Beschäftigungsverluste in der Industrie nach sich ziehen, wie sie etwa Mitte der 2010er-Jahre unter dem Schlagwort „China-Schock“ für die USA und später auch für Brasilien und andere Länder beschrieben wurden.
In Südostasien zeigt sich der Effekt günstiger Importe derzeit subtiler: Länder wie Vietnam oder Indonesien integrieren sich zwar erfolgreich in globale Lieferketten, verbleiben jedoch häufig in Produktionssegmenten mit geringerer Wertschöpfung. In einigen Industrien, darunter die Elektronik- und Textilbranche, stammt ein Großteil der Vorprodukte aus dem Ausland, während die lokale Zulieferung begrenzt bleibt.
In afrikanischen Volkswirtschaften wirkt dieser Anpassungsdruck besonders früh im Entwicklungsprozess. Hier kann der Wettbewerb durch günstige Importe den Aufbau einer industriellen Basis bereits im Ansatz erschweren. Die Exportstruktur, oft von Rohstoffen dominiert, verstärkt diese Dynamik zusätzlich.
Die entwicklungspolitische Debatte um Industriepolitik als Instrument für Strukturwandel und Beschäftigung erhält durch diese Entwicklungen eine neue Dimension. Beispielsweise verkürzen sich die Zeitfenster erheblich, in denen sich neue Industrien in Entwicklungs- und Schwellenländern etablieren können. Klassische Ansätze wie temporärer Schutz von Industriezweigen oder gezielte Förderung stoßen früher an Grenzen, weil die globalen Wettbewerbsbedingungen härter geworden sind.
Der begrenzte wirtschaftspolitische Handlungsspielraum vieler Länder verschärft die Situation. Handelspolitische Schutzmaßnahmen sind oft durch internationale Verpflichtungen eingeschränkt oder politisch schwer durchsetzbar. Hinzu kommt, dass die Länder oft hoch verschuldet sind und sich in engen wirtschaftlichen Abhängigkeiten befinden, nicht zuletzt auch von China. Letzteres gilt etwa für Sambia, das im Zuge seiner Schuldenkrise maßgeblich mit chinesischen Kreditgebern über eine Umschuldung verhandeln musste, oder Laos, dessen wirtschaftliche Entwicklung stark von chinesisch finanzierten Infrastrukturprojekten wie der China-Laos-Eisenbahn geprägt ist.
Gleichzeitig erfordert eine aktive Industriepolitik institutionelle Kapazitäten, langfristige Planung und fiskalische Ressourcen – Voraussetzungen, die vielerorts nur eingeschränkt vorhanden sind.
Ansatzpunkte für eine differenzierte Strategie
Vor diesem Hintergrund benötigen Entwicklungs- und Schwellenländer eine differenzierte wirtschaftspolitische Strategie. Auf nationaler Ebene können selektive industriepolitische Maßnahmen dazu beitragen, Anpassungsprozesse aktiv zu steuern. Zeitlich begrenzte, an Leistungsziele geknüpfte Schutzmaßnahmen für strategische Sektoren können sinnvoll sein. Ebenso wichtig ist die Stärkung lokaler Wertschöpfung, etwa durch geeignete Qualifizierungsprogramme.
Die regionale Integration gewinnt dabei an Bedeutung. Größere Binnenmärkte – etwa im Rahmen der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (AfCFTA) – eröffnen die Möglichkeit, Kostenvorteile durch steigende Produktionsmengen zu erreichen und die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren. Dies ist besonders relevant, da der innerafrikanische Handel bislang nur rund 15 % des gesamten Außenhandels afrikanischer Länder ausmacht und damit deutlich hinter anderen Weltregionen zurückbleibt.
Die Rolle der WTO
Auf internationaler Ebene könnten multilaterale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO) dazu beitragen, Wettbewerbsverzerrungen transparenter zu machen und zugleich Entwicklungsländern ausreichend Spielraum für eigene industriepolitische Strategien zu erhalten. Mögliche Maßnahmen sind etwa strengere Transparenz- und Notifizierungspflichten für staatliche Subventionen und der Erhalt der Sonder- und Vorzugsbehandlung (Special and Differential Treatment – SDT) für Entwicklungs- und Schwellenländer.
Allerdings befindet sich die WTO derzeit in einer tiefen Krise. Ihr Streitschlichtungsgremium ist seit der Blockade durch die USA Ende 2019 nur eingeschränkt funktionsfähig. Zudem wird seit Jahren kritisiert, dass einzelne Mitgliedstaaten – insbesondere China – ihren Notifizierungspflichten bei Subventionen nicht immer vollständig oder fristgerecht nachkommen. Dies erschwert es der WTO, potenziell wettbewerbsverzerrende Maßnahmen zu überwachen.
Eine veränderte Wirtschaftspolitik in China selbst könnte ebenfalls Teil der Lösung sein. Bestehende Ungleichgewichte würden verringert, wenn China ein ausgewogeneres Wachstumsmodell anstrebte, insbesondere eine Verlagerung weg von exportorientierter Industrieexpansion hin zu stärker binnen- und dienstleistungsgetragenem Wachstum. Eine solche Neuausrichtung der wirtschaftspolitischen Strategie ist allerdings aktuell nicht zu erwarten.
Implikationen für die Entwicklungsfinanzierung
Für Entwicklungsfinanzierer wie die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) gilt: Finanzierungen für private Investitionen in Industrie und Infrastruktur bleiben wichtig, entscheidend ist jedoch deren Qualität. Projekte sollten lokale Wertschöpfung stärken, Technologietransfer ermöglichen und qualifizierte, faire Beschäftigung schaffen. Ein besonderer Fokus sollte auf Investitionen liegen, die über reine Montage hinausgehen. Ebenso zentral ist die Förderung von Qualifikationen, damit Arbeitskräfte Zugang zu höherwertigen Tätigkeiten erhalten und technische Weiterentwicklungen umsetzen können.
Unterm Strich stellen die chinesische Exportpolitik und aktuelle Veränderungen in der Weltwirtschaft die Volkswirtschaften in Entwicklungs- und Schwellenländern vor große Herausforderungen. Wie gut sie diese bewältigen, hängt entscheidend davon ab, inwiefern es ihnen gelingt, die kurzfristigen Chancen günstiger Importe zu nutzen, ohne die Grundlage für eine eigenständige industrielle Entwicklung zu untergraben.
LINK
Weltbank, 2026: Industrial policy for development: Approaches in the 21st century.
Wolfgang Krieger ist der Volkswirt der DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, die Investitionen privater Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern mit Krediten und Beteiligungen aus Eigenmitteln finanziert. Sie ist eine Tochtergesellschaft der KfW Bankengruppe.
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