Artenvielfalt

Unser Kaffee ist bedroht

Kaffee wird immer teurer. Das liegt auch an der Klimakrise. Wetterextreme bedrohen die Existenz vieler Kleinbauern und schwächen die Kaffeepflanzen und ihre Vielfalt.
Der Eingang zum Svalbard Global Seed Vault in der norwegischen Arktis. Hier befindet sich das Backup der Menschheit für viele Kultur- und Nutzpflanzen. picture-alliance/ZUMAPRESS.com/Liang Youchang Der Eingang zum Svalbard Global Seed Vault in der norwegischen Arktis. Hier befindet sich das Backup der Menschheit für viele Kultur- und Nutzpflanzen.

Allein in Deutschland werden durchschnittlich 168 Liter Kaffee im Jahr getrunken. Aber die Tasse Kaffee am Morgen wird zunehmend teurer. An den Rohstoffbörsen sind die Kaffee-Handelspreise zuletzt stark gestiegen. So hat der führende deutsche Kaffeeröster Tchibo Anfang des letzten Jahres zum zweiten Mal binnen neun Monaten seine Preise erhöht.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Klimakrise führt zu Missernten in den Anbaugebieten entlang des Kaffeegürtels auf der Südhalbkugel. Aber auch der Fokus auf nur zwei Kaffeesorten führt zu den Preisanstiegen. „Es gibt 124 Kaffeearten. Aber nur zwei – Coffea arabica und Coffea canephora, besser bekannt als Robusta – machen zusammen 99 Prozent unserer Kaffeeernte aus“, sagt der Botaniker Aaron Davis von den Kew Royal Botanical Gardens in Sussex.

Während Robusta in niedrigeren, heißeren Lagen zurechtkommt und koffeinhaltigere Bohnen trägt, liefert Arabica geschmacklich feinere und mildere Kaffees. Arabica stellt mit rund 60 Prozent den Hauptanteil der weltweiten Kaffeeproduktion dar. Allerdings sind Arabica-Sträucher Extremwettern gegenüber sehr empfindlich: Zu hohe oder zu niedrige Temperaturen und zu viel Sonnenschein beeinträchtigen die Ernte und mindern den Geschmack.

Ändert sich das Klima, leiden die Erträge und die Qualität – und damit ist auch die Existenz vieler Menschen, die vom Kaffeeanbau leben, gefährdet. Zuletzt hatten Dürren gefolgt von Schnee und Kälte zu Missernten in Brasilien geführt, einem der größten Kaffeeproduzenten der Welt. Klimaforscher*innen untersuchen nun, ob Kaffeepflanzen künftig überhaupt noch in den Regionen gedeihen können, in denen sie seit jeher angebaut werden.

Die Aussichten sind schlecht. „Bei einem moderaten Klimawandel könnte die Welt die Hälfte ihrer besten Kaffeeanbauflächen verlieren“, schreiben Forschende der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in einer jüngst veröffentlichten Studie. Im mildesten Erd­erwärmungsszenario werden allein in Brasilien die ergiebigsten Flächen bis zum Jahr 2050 um 76 Prozent zurückgehen, und im Südwesten Äthiopiens könnten laut einer ähnlichen Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in den nächsten Jahrzehnten knapp die Hälfte der Anbauflächen verloren gehen. Die meisten klassischen Anbaugebiete müssen wahrscheinlich verlagert werden, schätzen die Forschenden.

Das hat nicht nur für den Kaffeegenuss gravierende Folgen. „Wenn die Kaffeeregionen aufgrund der Klimakrise ihren Status verlieren, bedroht das die Lebensgrundlage der Kleinbauern“, sagt der Agrarökonom Christoph Gornott, Mitautor der PIK-Studie. Wären sie gezwungen, auf den Anbau weniger schmackhafter und eher bitterer Kaffeesorten umzusteigen, stünden sie mit industriellen Anbausystemen in Konkurrenz, die in anderen Teilen der Welt effizienter sind.

Das letzte Reservoir genetischer Vielfalt

Der Erhalt der Biodiversität für den Kaffeeanbau wird bei gleichzeitig schrumpfenden Anbauflächen zum Wettlauf gegen die Zeit. Ob Missernten und die Verlagerung der Kaffeeplantagen in bislang untypische Regionen langfristig die Qualität verschlechtern werden, ist unklar. „Es braucht lokale Lösungen und Anpassungsmaßnahmen, die den Kleinbauern vor Ort das nötige Wissen und Werkzeug an die Hand geben, damit sie besseres Bodenmanagement lernen und nachhaltigen Anbau betreiben können“, sagt Stefan Ruge von der „Coffee and Climate“-Initiative der Kaffeewirtschaft.

Dabei kämpfen Kaffeebauern rund um den Kaffeegürtel längst mit den Auswirkungen der Klimakrise. Ungewöhnlich hohe Temperaturen und viel Regen fördern den Blattrost-Befall der Kaffeepflanzen. Der Pilz legt sich auf die Blätter und „erstickt“ die Pflanzen, so dass sie immer weniger Blüten austreiben und kaum noch Früchte tragen. Auch andere Schädlinge wie der Kaffeebohrerkäfer setzen den Pflanzen zu.

Arabica-Kaffee steht schon lange als gefährdete Art auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature. Und das liegt nicht allein an der Klimakrise. Die jahrzehntelange Nutzung von nur zwei Kaffeearten hat die pflanzengenetische Vielfalt im Anbau ausgelaugt.

Aber Vielfalt ist gerade jetzt besonders nötig, denn sie beeinflusst, wie gut sich eine Nutzpflanze an wandelnde Umweltverhältnisse anpassen kann. Experten der Universität Bonn schreiben in einer Studie zur wirtschaftlichen Situation des Kaffeeanbaus, dass die genetische Basis der weltweiten Kaffeeplantagen relativ klein ist, da die meisten kommerziellen Kaffeesorten nur von einigen wenigen Wildpflanzen aus den äthiopischen Wäldern abstammen.

Für die von der Klimakrise bedrohten Arabica-Arten wären die wilden Verwandten und alten Sorten unseres Kaffees ein pflanzengenetischer Booster: Kaffeebauern weltweit könnten Wildkaffeevielfalt einkreuzen, um Nachkommen zu züchten, die Klimaveränderungen und Schädlingen besser widerstehen. Das dafür nötige Reservoir geht allerdings in alarmierendem Maße verloren, warnt die Wissenschaft.

Kaffeewildrassen wachsen vor allem in den durch Landumwandlung und Raubbau dezimierten Naturwäldern im Hochland der Tropen. Allein in Äthiopien, der Wiege des Arabica-Kaffees, sind in den letzten drei Jahrzehnten 60 Prozent der Wälder verloren gegangen – auch, um Platz für neue Kaffeeanbauflächen zu machen.

Saatgutbanken weltweit stärken

Inzwischen sind mindestens 60 Prozent der wilden Kaffeearten gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Reserven finden sich – ähnlich wie beim Weizen oder Mais – in Saatgutsammlungen. In diesen Depots wird das pflanzengenetische Material wilder Vorfahren und alter Sorten bei permanenter Kühlung in geschützter Weise aufbewahrt und für die Zukunft gesichert.

Allerdings lässt sich Kaffee – anders als viele Kulturpflanzen, die unsere Grundernährung sichern – nicht ohne weiteres als keimfähiges Saatgut einlagern. Die meisten Sammlungen sind deshalb Feldsammlungen: Kaffeesträucher, die eigens für den Erhalt und die Nutzung durch die Wissenschaft angepflanzt werden. Solche Sammlungen wie die Internationale Kaffeesammlung des Tropical Agricultural Research and Higher Education Center (CATIE) in Costa Rica sichern traditionelle Sorten und Wildarten. Sie zu pflegen und zu erhalten ist jedoch aufwändig und teuer.

Die Anbauländer im Kaffeegürtel stoßen dabei an ihre finanziellen Grenzen. Ehsan Dulloo sagt, die Sammlungen seien weltweit unterfinanziert. Der Biologe leitete eine vom Global Crop Diversity Trust (Crop Trust) in Auftrag gegebene Begutachtung der bestehenden Kaffee-Datenbanken. Allein in Costa Rica drohen etwa 80 Prozent der dortigen Sammlung für die künftige Züchtungsforschung verloren zu gehen.

„Um die Kaffeeversorgung zukunftssicher zu machen, müssen wir als globale Gemeinschaft diese pflanzengenetischen Reserven in bestmöglichem Zustand erhalten und bewahren. Sie müssen für Züchter wie für Kaffeebauern weltweit leichter zugänglich werden. Dazu braucht es mehr finanzielle Mittel und vor allem mehr und besser geschultes Personal“, fordert Stefan Schmitz, Exekutivdirektor des Crop Trust. Die internationale Organisation mit Sitz in Bonn bewahrt genetische Vielfalt von Kulturpflanzen weltweit und finanziert wichtige Saatgutbanken. So unterhält der Crop Trust unter anderem zusammen mit der norwegischen Regierung und der Saatgutbank für die nordischen Länder (NordGen) den Saatgutspeicher Svalbard Global Seed Vault auf Spitzbergen und hat für den Kaffee eine mehrstufige Strategie entwickelt. 25 Millionen Dollar würde die weltweite Sicherung der pflanzengenetischen Vielfalt unseres Kaffees kosten. Das ist weniger als die Hälfte des Tagesumsatzes der Kaffeekette Starbucks.

Weiterführende Literatur
Chemura, A., et al., 2021: Climate change and specialty coffee potential in Ethiopia. Nature Scientific Reports.
https://www.nature.com/articles/s41598-021-87647-4

Crop Trust:
https://www.croptrust.org/

Kira Crome ist freie Journalistin für Nachhaltigkeit und Klimaschutz.
crome@ecocontent.de

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