Ukraine

Ukrainekrieg befeuert Klimakrise

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen. Er verdeutlicht, wie ­Klimaschutz und Sicherheitspolitik zusammenhängen.
Feuer nach Einschlag russischer Raketen in Ölraffinerie und Öldepot in Odessa, 2022. picture-alliance/Photoshot/Nina Liashonok/Avalon Feuer nach Einschlag russischer Raketen in Ölraffinerie und Öldepot in Odessa, 2022.

Eine Studie der Initiative on GHG Accounting of War gibt Aufschluss über die Folgen des Ukrainekrieges für das Klima. Die Forschung wurde vom Umweltministerium der Ukraine gefördert. Lennard de Klerk und sein Team untersuchten die Treibhausgasemissionen des ersten Kriegsjahres.

Sie berücksichtigten erstens die Emissionen aus direkten Kampfhandlungen und den dabei entstehenden Bränden. Zweitens verbrauchen militärische Fahrzeuge viel Sprit, und Truppen und Ausrüstung wurden über weite Strecken an die Fronten transportiert. Entsprechend erfasste das Team auch die Treibhausgase, die bei der Vorbereitung des Krieges entstanden sind.

Drittens ist auch die Nachkriegszeit relevant für die Klimabilanz. Wenn wieder Frieden einkehrt, gilt es, zerstörte Gebiete wieder aufzubauen. Baumaßnahmen sind aber energieintensiv und verursachen hohe Emissionen.

CO2-Ausstoß wie Belgien

Auf der Basis ihrer Daten schätzen de Klerk und sein Team die CO2-Bilanz von 12 Monaten Krieg auf circa 120 Millionen Tonnen:

  • 21,9 Millionen Tonnen durch direkte Kampfhandlungen und militärischen Transport,
  • 17,7 Millionen Tonnen durch Brände,
  • 2,7 Millionen Tonnen durch die Migration von Geflüchteten sowie
  • 12 Millionen Tonnen durch Flugumleitungen wegen gesperrter Lufträume.
  • Besonders klimaintensiv werde der Wiederaufbau von Wohngebieten und Infrastruktur sein, für die 50,2 Millionen Tonnen veranschlagt werden.
  • Die Sabotage der Nord-Stream-Gaspipeline wird als größtes Einzelereignis mit 14,6 Millionen Tonnen verbucht.

Das Gesamtvolumen entspreche, so die Studie, den jährlichen CO2-Emissionen Belgiens. Der Krieg schade also dem Klima im selben Maße wie das Alltagsleben einer mittleren europäischen Industrienation.

Mehr Zerstörung zu Beginn

Die ersten sechs Kriegsmonate waren den Fachleuten zufolge besonders klimaschädlich. Direkte Emissionen durch Schusswaffen und den militärischen Transport blieben über das Jahr zwar konstant, doch in den kalten Wintermonaten entstanden weniger Brände. Zu Beginn des Krieges verschoben sich zudem die Fronten häufiger. Die damit einhergehende Zerstörung verursachte immense Mengen an Treib­hausgasen, wie das Expertenteam ausführt.

Die CO2-Bilanz könne aber auch günstiger ausfallen, wenn die internationale Gemeinschaft den Wiederaufbau großzügig unterstütze, um klimaschonende Methoden zu fördern. Die Autorengruppe weist darauf hin, dass das Pariser Abkommen für solche Fälle Finanzierungsmodelle enthält.

Mittelfristige Folgen des Krieges könnten in Europa den Klimaschutz sogar stärken. Er wird, wie die Studie urteilt, die Energiepolitik prägen. EU-Mitglieder wollten weniger abhängig von russischen Gasimporten werden. Folglich verliere Erdgas als Brückentechnologie an Bedeutung. Gleichzeitig werde der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangetrieben.

Klimaschutz und Sicherheit

Für den ukrainischen Energieminister German Galushchenko gehen Klimaschutz und Sicherheitsinteressen Hand in Hand. Russland habe von Oktober 2022 bis Mai 2023 das ukrainische Energienetz mehr als 270-mal attackiert. Der Krieg habe die Ukraine gezwungen, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen. Wie der Minister betont, erlaube dies, Strom dezentral zu produzieren. Dies mache das Energiesystem weniger verwundbar gegenüber Angriffen.

Vor Ausbruch des Krieges hatte die Ukraine ambitionierte Klimapläne veröffentlicht. Das Land hatte versprochen, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 zu reduzieren. Bevor die Ukraine allerdings in grüne Energien investieren könne, müsse zunächst Stabilität einkehren, betont der Bericht der Initiative on GHG Accounting of War. Solange dies nicht der Fall sei, werde das Land gezwungen sein, seine Wirtschaft weiterhin auf das Militär hin auszurichten.

Ein solcher nachhaltiger Frieden kann allerdings noch lange dauern – währenddessen verschärft sich die Klimakrise weiter.

Mustafa Shrestha ist Student für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Er hat diesen Text im Rahmen seines Praktikums bei E+Z/D+C verfasst.
euz.editor@dandc.eu

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