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Faserrohstoffe

Alternativen zu Baumwolle

von Marina Chahboune

Hintergrund

Braunalgen, die in den Fjorden Islands geerntet werden, ­dienen als Rohstoff für alternative ­Fasern, die einmal Baum­wolle ersetzen könnten.

Braunalgen, die in den Fjorden Islands geerntet werden, ­dienen als Rohstoff für alternative ­Fasern, die einmal Baum­wolle ersetzen könnten.

Trotz des natürlichen Images von Baumwolle hat ihr konventioneller Anbau schwerwiegende Folgen für Mensch und Umwelt. Angesichts eines steigenden Ressourcenverbrauchs ist es notwendig, nach Alternativen für die wichtigste Naturtextilfaser zu suchen.

„Der Verbrauch von Textilien steigt stetig überproportional zur Zunahme der Weltbevölkerung“ stellt Christina Böller in ihrem Buch „Design in Bal­ance – Ansätze zur Nachhaltigkeit im Modedesign“ fest. Um diesen Bedarf decken zu können, wird mittlerweile in mehr als 80 Ländern auf einer Fläche von 33 Mil­lionen Hektar – das sind 2,5 Prozent des globalen Ackerlandes – Baumwolle angebaut.

Tatsächlich ist die Produktion großer Mengen eines Rohstoffes problematisch. Im Fall von Baumwolle hat der Anbau sogar schwerwiegende ökologische Konsequenzen wie den Verlust der Bodenfruchtbarkeit und der Biodiversität bis hin zur Bodenversalzung. Oft geraten auch die natürlichen Wasservorräte aus dem Gleichgewicht, denn die Baumwolle gilt als sehr „durstige“ Pflanze, was oft zu extremem Wasserverbrauch führt. Zudem setzen die Farmer genmanipuliertes Saatgut, umweltschädigende Pestizide und Düngemittel ein. Besonders in Ländern wie den USA, Brasilien und Australien wird die Naturfaser in Monokulturen angebaut. In den letzten Jahren zeichnet sich ein immer stärkerer Trend zu Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) ab. Ihr prozentualer Anteil an der globalen Produktion ist aber nach wie vor gering. Anders als beim konventionellen ist beim ökologischen Anbau der Einsatz von synthetischen Schädlingsbekämpfungsmitteln verboten.

Die gemeinnützige Organisation Textile Exchange veröffentlichte im November 2014 erstmals eine Ökobilanz für Bio-Baumwolle in der Studie „Life Cycle Assessment (LCA) of Organic Cotton – A global average“ Im Vergleich zu konventionell angebauter Baumwolle schneidet sie deutlich besser ab: Biobaumwolle produziert 46 Prozent weniger Treibhausgase, verursacht 70 Prozent weniger Bodenversauerung, 26 Prozent weniger Bodenerosion, verbraucht 91 Prozent weniger Bodenflächen und Grundwasser sowie 62 Prozent weniger Energie. Dennoch bleibt das Problem des immensen Wasserverbrauchs und der Konkurrenz des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens.

Der steigende Bedarf an Baumwolle führt auch dazu, dass es eine verstärkte Nachfrage nach Alternativen wie Zellulosefasern gibt. Diese auch unter dem Begriff Regeneratfasern bekannten Fasern gehören zu der Gruppe der natürlichen Chemiefasern. Sie werden aus nachwachsenden Rohstoffen (meist aus Holz gewonnener Zellulose) hergestellt, allerdings mittels ressourcen- und energieaufwändiger chemischer Prozesse. Die bekannteste Faser dieser Gattung ist die Viskose, deren Herstellungsprozess hochgradig umweltbelastend ist und oft illegale Abholzung gefährdeter Wälder fördert. Der Anteil der Zellulosefasern am Weltmarkt macht mittlerweile eine nicht ganz unbeachtliche Menge von 6,8 Prozent aus.


Umweltverträgliche ­Alternativen

Inzwischen setzen einige Hersteller neue umweltverträglichere Verfahren ein, um ökologisch optimierte Regeneratfasern zu produzieren. Dafür werden ausschließlich Rohstoffe aus zertifiziert nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet. Zu den marktgängigen, ökologisch optimierten Regeneratfasern gehören Monocel, Lyocell (bekannt unter dem Markennamen Tencel), Modal Edelweiß, Cupro, Acetat und Triacetat. Laut Lenzing AG – Weltmarktführer für industriell gefertigte Zellulosefasern – liegen die Hektarerträge für Holz als Rohstoff bis zu viermal höher als die von Baumwolle umgerechnet auf Kilogramm und Jahr. Außerdem kann der Holzanbau in der Regel auf künstliche Bewässerung und Pflanzenschutzmittel verzichten.

Als innovative Faseralternative gilt auch die Algenfaser „SeaCell“, die im selben Herstellungsverfahren produziert wird. Als Rohstoff dient die Braunalge, die in den Fjorden Islands geerntet wird. Anschließend werden die Algenblätter getrocknet und zu einer Art Pulver verarbeitet, das der Trägerfaser Lyocell im Spinnprozess zugegeben wird. Der Faser wird aufgrund ihres hohen Gehalts an Mineralien, Spurenelementen und Anti­oxidantien ein gesundheitsfördernder Effekt nachgesagt sowie ein Schutz vor schädlichen Umwelteinflüssen. In den verbesserten Regeneratfasern ruhen große Hoffnungen der Bekleidungsindustrie. Sie erfreuen sich aufgrund ihrer guten Trageeigenschaften auch immer größerer Beliebtheit bei den Verbrauchern.


Kleidung aus Milch oder Kaffeesatz

In der Textilforschung ist außerdem ein weiterer Trend zu erkennen: Neue Fasern aus Abfallprodukten oder aus Nebenprodukten der Nahrungsmittelherstellung. Als recht erfolgreiches Konzept gilt hierbei die Milchfaser „Qmilch“. Die dafür verwendete Milch darf nicht verzehrt werden, da sie nicht den Hygiene- und Qualitätsanforderungen entspricht. Rund 2 Millionen Tonnen Milch werden allein in Deutschland jährlich vernichtet. Nach fast zweijähriger Forschungsarbeit gemeinsam mit dem Faserinstitut Bremen kann Qmilch als erstes Unternehmen die Faser ohne Einsatz von Chemikalien und minimalem Wasserverbrauch herstellen. Das Verfahren ist nicht nur umweltfreundlich, sondern auch zeiteffizient und ökonomisch.

Auf demselben Ansatz basierend, entstand auch die Idee zur Herstellung von S.Cafe. Die taiwanesische Textilfirma Singtex Industrial sammelt für die Produk­tion Kaffeesatz, der, zu mikroskopisch kleinen Teilchen zerkleinert, einer Polyesterfaser aus recycelten Plastikflaschen beigemischt wird. Weitere innovative Fasern aus Abfallprodukten der Soja-, Tabak- und Zitrusfruchtindustrie sind bislang nur teilweise markttauglich.

Die wahrscheinlich wichtigste und zukunftsträchtigste Innovation in der Textilbranche ist das Faser-Recycling. 2013 betrug die Weltproduktion von synthetischen Chemiefasern 54,4 Millionen Tonnen. Prozentual fließen somit fünf bis acht Prozent des weltweit geförderten Rohöls in die Textilindustrie: Den größten Anteil davon stellen Polyesterfasern (44,7 Millionen Tonnen), gefolgt von Polyamid- und Polyacrylfasern (4,2 und 3 Millionen Tonnen). Das Herstellen dieser Fasern ist nicht nur energieaufwändig, sondern erfordert auch den Einsatz vieler Chemikalien. Ganz besonders problematisch aber ist, dass die synthetischen Kleidungsstücke nicht abbaubar sind und in der Umwelt verbleiben.


Recycling birgt Tücken

Initiativen und Bekleidungsfirmen versuchen Abfälle aus synthetischen Stoffen zu sammeln und zu neuen Produkten zu recyceln. Beispiele für eine erfolgreiche Umsetzung sind hier die Herstellung der Econyl-Faser aus alten Fischernetzen oder die Bionic-Faser mit anteiligem Recycling-PET aus Plastikmüll von indonesischen Stränden. In den meisten Fällen wird recyceltes Polyester (rPET) derzeit aus PET-Flaschen gewonnen. Diese werden gespült, geschreddert, eingeschmolzen und zu neuen Fasern ausgesponnen. Daraus entstehen Materialien wie Fleece und Funktionsstoffe. Die Ökobilanz einer recycelten PET-Faser ist zwar wesentlich besser als die einer herkömmlichen, die Qualität verringert sich aber bei jedem Recyclingprozess („Downcycling“), und sie landet schnell doch auf der Mülldeponie.

Dies gilt leider auch für das Recycling von Naturfasern. Für Altkleider etablieren immer mehr Modekonzerne Rücknahmesysteme in ihren Läden, um den wertvollen Rohstoff zurück ins System bringen zu können. Abschließend ist zu sagen, dass zum heutigen Zeitpunkt noch keine adäquate und vor allem umsetzbare Produktion von Alternativfasern für den Massenmarkt möglich ist, die die Baumwolle ersetzen könnte.  

 

Marina Chahboune ist Corporate Responsibility Manager bei dem deutschen Naturtextilhersteller Hessnatur, freiberufliche CSR-Beraterin und bloggt auf:
beyondfashion.de
[email protected]

Literatur:
Böller, C., 2010
: Design in Balance – Ansätze zur Nachhaltigkeit im Modedesign. Verlag Dr. Müller.
Made-By, 2013: Environmental Benchmark for Fibres.
http://www.made-by.org/consultancy/tools/environmental/
Textile Exchange, 2014: Life Cycle Assessment (LCA) of Organic Cotton – A global average.
http://farmhub.textileexchange.org/farm-library/farm-reports

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