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Tigray-Konflikt

Flüchtlinge aus Eritrea leiden in Äthiopien

von Markus Rudolf

Hintergrund

Demonstrierende in London protestieren gegen den Tigray-Konflikt.

Demonstrierende in London protestieren gegen den Tigray-Konflikt.

Der bewaffnete Konflikt im Norden Äthiopiens spitzt sich zu. Zu den Leidtragenden gehören Geflüchtete aus dem benachbarten Eritrea. Sie suchen Schutz, erfahren in den Flüchtlingscamps aber Gewalt von mehreren Seiten.

Äthiopien erlebt seit November 2020 eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen der Zentralregierung in der Hauptstadt Addis Abeba und der Volksbefreiungsfront von Tigray (Tigray People’s Liberation Front – TPLF). Letztere stellt die Regionalregierung der nördlichen Provinz Tigray. Details über militärische Operationen gelangen kaum an die Weltöffentlichkeit. Allerdings sind deren Folgen wie Menschenrechtsverletzungen, Flucht und Hunger umso deutlicher sichtbar (siehe meinen Beitrag hierzu auf der E+Z/D+C-Plattform).

Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) zählte im Sommer 2021 mehr als 2 Millionen Binnenvertriebene in Tigray. Von dort ausgehend, hat sich der Konflikt inzwischen in die äthiopischen Nachbarregionen ausgeweitet. So spricht die UN unter Berufung auf äthiopische Stellen von mehr als 700 000 Binnenflüchtlingen allein in der angrenzenden Provinz Amhara. Dort sind derzeit mehr als eine Million Menschen auf Nahrungsmittellieferungen angewiesen. Zehntausende Äthiopier flohen zudem vor den Kämpfen nach Westen in den benachbarten Sudan.

In den am stärksten umkämpften Gebieten in Tigray lebt eine besonders bedrohte Gruppe, deren Schicksal wenig Beachtung erfährt: Geflüchtete aus dem nördlichen Nachbarland Eritrea. Laut ­UNHCR handelte es sich bereits vor Ausbruch des Konfliktes um 96 000 Menschen. Viele von ihnen flohen vor staatlichen Repressionen in ihrer Heimat: Seit dem äthiopisch-eritreischen Konflikt von 1998 bis 2000 verstärkte sich in Eritrea die umfassende Militarisierung der Gesellschaft, die das autoritäre Regime mit einer andauernden Bedrohung durch Äthiopien rechtfertigt. Bürger werden zwangsrekrutiert und müssen für einen Hungerlohn und unbefristet Militärdienst oder andere Dienste für den Staat leisten. Es gibt in Eritrea keine freien Wahlen. Grundlegende Rechte wie Meinungs- oder Religionsfreiheit werden systematisch verletzt.

Die Flucht nach Äthiopien liegt für viele Eritreer nicht nur geografisch nahe, sondern auch, weil sie enge verwandtschaftliche, kulturelle und sprachliche Verbindungen zur Grenzregion haben. Bei den derzeitigen Kämpfen steht die Ethnie der Tigrinya im Mittelpunkt. Ihre Mitglieder sind sowohl in Eritrea als auch in Tigray an der Macht, aber untereinander bitter verfeindet (siehe meinen Beitrag hierzu auf der E+Z/D+C-Plattform).

Unsichere Camps

Seit Ausbruch des Konflikts erfuhren geflohene Eritreer in den äthiopischen Flüchtlingslagern erneut massive Gewalt. Als die äthiopische Armee mithilfe eritreischer Truppen Ende 2020 große Teile Tigrays besetzte, sahen sich die Flüchtlinge demselben Militär gegenüber, dessen Praktiken zur Zwangsrekrutierung sie durch Flucht entgehen wollten.

Ein Bericht von Human Rights Watch zeigt, wie zwischen November 2020 und Januar 2021 mehrfach unterschiedliche militärische Verbände den Bewohnern der Camps zusetzten. Demnach suchten eritre­ische Soldaten anhand von Listen Einzelpersonen, die sie dann exekutierten. Sie verschleppten zudem große Teile der verbliebenen Flüchtlinge gegen ihren Willen zurück nach Eritrea. Gleichzeitig überfielen aber auch Milizen aus Tigray zusammen mit oppositionellen Kämpfern aus Eritrea die Flüchtlinge, um sich an vermeintlichen Plünderern zu rächen.

Die beiden am nächsten an Eritrea gelegenen Flüchtlingscamps Hitsats und Shimelba sind inzwischen völlig zerstört. Die Bewohner mussten erneut fliehen – in zwei weiter südlich gelegene Camps. Auch aus diesen Lagern berichtet UNHCR allerdings bereits von Plünderungen, Entführungen und anderen Formen von Gewalt durch unterschiedliche bewaffnete Gruppen. Nicht zuletzt deshalb wurde im Juni das neue Flüchtlingslager Alemwach in der Provinz Amhara gegründet. Doch inzwischen hat sich die Kampffront auch dort in bedrohliche Nähe verschoben.

Proteste für mehr Sicherheit

Selbst in der Hauptstadt Addis Abeba finden die Geflüchteten keine Ruhe. So protestierten dortige Flüchtlinge für mehr Sicherheit für sich und ihre Angehörigen im Konfliktgebiet. Sie berichten über Anfeindungen und Übergriffe: durch Anhänger der äthiopischen Zentralregierung, die sie für Sympathisanten der TPLF halten – aber umgekehrt auch durch Anhänger der TPLF, die sie als Eritreer attackieren. Sie beklagen, dass ihre Angehörigen in den Camps seit drei Monaten fast gänzlich von Hilfslieferungen und Kommunikation abgeschnitten seien.

Den in Tigray verbliebenen Flüchtlingen droht währenddessen zusammen mit Hunderttausenden anderen aufgrund der schlechten Ernährungslage eine Hungersnot. Im nördlichen Äthiopien seien 870 000 Menschen auf Lebensmittellieferungen angewiesen, berichtete das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs – OCHA) im November.

Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Die Hauptakteure sind erklärtermaßen auf eine militärische Lösung aus. Die Truppen aus Tigray erobern immer größere Gebiete in den Nachbarprovinzen und haben eine neue Koalition gegen Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed ausgerufen. Dieser verkündete währenddessen eine Generalmobilmachung und rief erneut zur endgültigen Vernichtung der TPLF auf. Es ist zu erwarten, dass den größten Preis für diese Eskalation weiterhin eigentlich unbeteiligte zivile Gruppen bezahlen werden – wie die Flüchtlinge aus Eritrea.

Link
Human Rights Watch: Ethiopia: Eritrean refugees targeted in Tigray.
https://www.hrw.org/news/2021/09/16/ethiopia-eritrean-refugees-targeted-tigray#


Markus Rudolf ist Senior Researcher am Internationalen Konversionszentrum Bonn (Bonn International Center for Conversion – BICC).
markus.rudolf@bicc.de

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