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Grundbildung

Schule für Slumkinder

von Tom Frenzel, Svetla Dimitrov, Till Voigts

Hintergrund

Unterricht in der Glory Future Model School in Dhaka.

Unterricht in der Glory Future Model School in Dhaka.

Die Glory Future Model School (GFMS) bietet Jungen und Mädchen aus einem Armenviertel in Dhaka einen Schulbesuch mit staat­lichem Abschluss. Sie entspricht in vieler Hinsicht nicht europä­ischen Normen, bietet ihren Schülern aber eine bessere Betreuung und Ausstattung als manch staatliche Schule in Bangladesch.
"Rikscha-Fahrer haben in den Armenvierteln übrigens keinen schlechten sozialen Status. Sie haben immerhin ein regelmäßiges Einkommen."

Die Klassenzimmer sind im europä­ischen Vergleich winzig. Das ist in Bangladesch nicht ungewöhnlich. Wichtig ist aber, dass es in ausreichender Zahl Sitzbänke und Tische gibt. Jedes Kind findet einen eigenen Platz. In jedem Raum gibt es zudem eine Tafel, elektrisches Licht und einen Deckenventilator, der bei dem tropischen Klima in Bangladesch für Abkühlung sorgt. Die grundsätzlichen Voraussetzungen für Lernerfolg sind somit erfüllt.  

Die Glory Future Model School (GFMS) ist keine gewöhnliche Schule. Ihr Zweck ist, rund 750 Kinder aus armen Familien zu fördern. Sie stützt sich auf Zuwendungen von den „Österreichischen Ärzten für die Dritte Welt“ und den „Ärzten für die Dritte Welt – German Doctors“. Ein Team der unabhängigen Organisation Psychologen über Grenzen hat das Projekt 2010 evaluiert, eine Folgebegehung soll spätestens 2014 stattfinden.

Mittags versorgt die GFMS unentgeltlich alle Schüler mit einer warmen Mahlzeit und sauberem Trinkwasser. Dies ist in dem Wohngebiet keine Selbstverständlichkeit. Der Aufwand lohnt sich aber aus Sicht der Schule und ihrer europäischen Geldgeber. Essen und Trinken bilden nämlich einen Anreiz für die Eltern, ihre Kinder nicht arbeiten, sondern zum Unterricht zu schicken.

Die Familien der Schüler müssen auch kein Schulgeld bezahlen. Für die Eltern ist dies elementar. Die Abbrecherquote liegt mit etwa zehn Prozent im Landesdurchschnitt von etwa zwölf Prozent. Weil viele Schulen in Bangladesch nur wenig taugen, sorgen viele Arme nicht dafür, dass ihre Kinder regelmäßig zum Unterricht gehen. Für die Eltern der GFMS-Schüler hat aber auch der Unterricht einen positiven Stellenwert – die Einrichtung ist im Viertel mittlerweile hoch angesehen.

Die Lehrer vertiefen sogar nach dem Unterricht mit den Schülern bei Bedarf den Lehrstoff. Das hilft den Zöglingen, die staatlichen Abschlussprüfungen zu bestehen. Die Lehrer werden aus den Projektmitteln angemessen bezahlt – und viele stammen selbst aus Slums, was ihre Motivation fördert. Zur Schule gehört auch eine Krankenstation, welche im Notfall auch Angehörige des Lehrkörpers versorgt, was die Identifikation mit dem Arbeitgeber weiter steigert.

Normal ist dagegen in Bangladesch, dass Lehrer schlecht bezahlt werden und sie ihr mageres Gehalt in der Freizeit mit Nachhilfestunden aufbessern. Im Umkehrschluss bedeutet das, je besser ihr offizieller Schulunterricht ausfällt, umso schlechter sind ihre Nebenverdienstmöglichkeiten. Ein Anreiz zu guter Arbeit sähe offensichtlich anders aus.
 
An der GFMS gehen die Lehrkräfte und Mitarbeiter mit allen Schülern respektvoll um. Sie sorgen sich unabhängig von ihrem sozialen Status um sie. Die Lehrer zeigen in der Schule ein hohes Engagement, ihre Bildungsabschlüsse sind vergleichsweise hoch. Nachmittags gibt es zudem praktische Kurse mit handwerklicher Relevanz – beispielsweise für das Schneider- oder Friseurgewerbe. Diese finden in größeren Räumen als den normalen Klassenzimmern statt und sollten aus Sicht der Psychologen über Grenzen auch für den allgemeinen Unterricht genutzt werden.

Die Vermittlung handwerklicher Kenntnisse ist sehr wichtig, denn wer über die entsprechenden Fähigkeiten verfügt, findet oft vergleichsweise gute Jobs und muss sich nicht als Rikschafahrer oder Straßenverkäufer durchschlagen. Die praktisch orientierte Ausbildung soll den Schülern im Erwachsenenalter helfen, ordentlich bezahlte Arbeit zu finden und ihre Familien finan­ziell zu unterstützen.

Rikscha-Fahrer haben in den Armenvierteln übrigens keinen schlechten sozialen Status. Sie haben immerhin ein regelmäßiges Einkommen. Aber wenn sie zum Beispiel Durchfall bekommen – was angesichts der hygienischen Verhältnisse nicht selten ist – oder gar längerfristig krank werden, ist gleich die Existenz und Lebensgrundlage der ganzen Familie ernsthaft bedroht. Für die betroffenen Männer ist das eine große Schande – und viele verlassen lieber Frau und Kinder, als die Schmach auszuhalten.

Das Ziel, allen Kindern durch die Schulausbildung einen Weg aus dem Slum zu gewährleisten, wäre zu hoch gesteckt. Fest steht aber, dass sich Menschen mit praktischen Fertigkeiten – etwa in der Reparatur von Haushaltsgeräten, der Versorgungstechnik oder der Textilherstellung – erhebliche Zukunftschancen eröffnen. Die harten Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie Dhakas, für die westliche Abnehmer mittelbar verantwortlich sind, mögen in Europa heftig kritisiert werden – für Menschen aus den ärmsten Vierteln der Stadt bedeutet es aber den sozialen Aufstieg, wenn sie dort einen Job bekommen.

Für die Schule gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Die unterrichteten Stunden und die Anzahl der Schüler pro Lehrkraft sind hoch und können nur durch das andauernde hohe Engagement der Lehrer aufrechterhalten werden. Langfristig muss dies durch mehr Lehrerstellen ausgeglichen werden. Zudem sollten die hierarchischen Strukturen in der Schule verändert werden. Es ist wichtig, die Lehrer in die internen Entscheidungen der Schule mit einzubeziehen. Das ist auch unter Berücksichtigung der örtlichen Traditionen erreichbar. Zudem würde die Anwendung moderner didaktischer Methoden – etwa die Nutzung von Anschauungsmaterial an den Wänden der Klassenzimmer – die Qualität des Unterrichts noch verbessern. Das bangladeschische Bildungsministerium würde solche Methoden jedenfalls begrüßen und fördern.

Aus Sicht der Evaluierer sollte auch das Erlernen der englischen Sprache stärker gefördert werden. Dabei könnte modernes internationales Lehrmaterial verwendet werden. Auch der Unterricht in anderen Fächern, wie etwa Naturwissenschaften, würde von englischsprachigen Materialien profitieren.

 
Tom Frenzel
ist Geschäftsführer der Psychologen über Grenzen.
http://www.psychologen-ueber-grenzen.org

Svetla Dimitrov
ist ehrenamtliche Mitarbeiterin der Psychologen über Grenzen.

[email protected]

Till Voigts
ist Assistent der Geschäftsführung der Psychologen über Grenzen.
[email protected]