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Schulwesen

Wohltätige und religiöse Initiativen müssen einspringen

von Verena Stamm

Hintergrund

Die Schulen in Burundi sind meist überfüllt und häufig noch nicht einmal fertig gebaut.

Die Schulen in Burundi sind meist überfüllt und häufig noch nicht einmal fertig gebaut.

Das Bildungswesen in Burundi ist nach Jahren politischer Instabilität in einem desolaten Zustand. Staatliche und auch viele private Schulen sind wenig leistungsfähig. Eine wichtige Säule sind Schulen entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen und religiöser Träger. Es handelt sich um gemeinnützige Institutionen, die nicht vom Staat geführt, aber nicht gewinnorientiert sind. Es gibt viel zu wenige davon.

Je weiter die Schulen weg von der größten Stadt Bujumbura sind, desto schwieriger ist es für die Kinder, in die Schule zu gehen. Meist ist der weite Schulweg die größte Hürde, und sie müssen oft mit hungrigem Magen aus dem Haus. Auch wenn staatliche Schulen seit 2005 kostenlos sind, müssen die Eltern doch Schulmaterial und Uniformen kaufen. Deshalb brechen viele Jungen und Mädchen die Schule ab.

Auch die staatlichen Schulen in und um Bujumbura sind in schlechtem Zustand. Die Gebäude sind zum Teil nicht fertig gebaut, haben keine Fenster und Türen. Die Klassen sind überfüllt, und es fehlt an Bänken und Schulbüchern. Die Kinder sitzen auf dem Boden und lernen dadurch sehr wenig. Der kleine Jean erklärte uns, dass die Uniformen durch den feuchten Boden immer schmutzig werden und es schwierig sei, auf dem Boden zu schreiben. Die Nichtregierungsorganisation Fondation Stamm (siehe meinen Beitrag im Schwerpunkt E+Z/D+C e-Paper 2018/04) besorgte für eine Schule in dem Ort Rukaramu Schulbänke, und die Kinder können sich jetzt – wenn auch eng aneinandergequetscht – auf Bänke setzen. Die Freude war groß, auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

Die Fondation Stamm baute und eröffnete 2006 eine eigene Schule in Bujumbura – zunächst eine Grund- und Sekundarstufe. Von Anfang an wollten wir Qualität vor Quantität liefern und alle Kinder, ob reich oder arm, aufnehmen. Nur qualitativ hochwertige Bildung kann junge Menschen auf die Zukunft vorbereiten. Nach der Schuleröffnung wurden wir direkt mit staatlichen Reformen konfrontiert. Der Unterricht erfolgt in der Muttersprache Kirundi und in der Amtssprache Französisch, doch seit 2009 wurden Englisch und Kiswahili als zusätzliche Unterrichtssprachen eingeführt.

Kiswahili wird als ostafrikanische Sprache von vielen Menschen in Bujumbura gesprochen, auf dem Land hingegen kaum. Englisch ist auch nicht sehr verbreitet, und es können nicht viele Lehrer unterrichten. Wir stellten einen kongolesischen Lehrer für den Kiswahili-Unterricht ein und einen Englischlehrer mit Universitätsabschluss.


Kinderschicksale

Unsere Schule besuchen Kinder wohlhabender Eltern ebenso wie Kinder aus den Armenvierteln und sogar Straßenkinder aus unserem Heim. Heute werden 45 ehemalige Straßenkinder in unserer Schule unterrichtet. Sie sind gut integriert und bereiten sich mit viel Eifer auf die Oberschule vor. Ein Beispiel ist der elfjährige Salim Ahumugisha. Sein Vater hat nach dem Tod der Mutter wieder geheiratet und den Jungen einfach auf die Straße gesetzt. Erst kam er bei einer Verwandten unter, die ihn aber auch nicht mehr versorgen konnte. Heute ist Salim glücklich, dass er unsere Schule besuchen kann.

Claver Kirimwagagabo musste zusammen mit seinen Eltern betteln, obwohl er so gerne zur Schule gehen wollte. Doch seine armen Eltern konnten das Schulmaterial nicht kaufen. Claver möchte Lehrer werden und die Kinder umsonst unterrichten. Wir nahmen ihn bei uns im Heim auf, und er kann endlich in Ruhe lernen, was ihm wichtiger ist als zu spielen oder auf der Straße herumzulungern, wie er selbst sagt.

Da unsere Schule nur 20 Kilometer von der kongolesischen Grenze entfernt liegt, ist der Austausch groß. Rund 15 Prozent unserer Schüler kommen aus dem Nachbarland. Die Eltern haben kein Busgeld für sie, so dass diese Schüler zu Fuß laufen müssen.

Ein besonderer Fokus liegt bei uns auf den Schülerinnen. Mädchen werden sowohl innerhalb der Familien als auch in Schule und Ausbildung vernachlässigt. Auf dem Land, wenn das Geld sehr knapp ist, werden meist nur die Jungen eingeschult. Mädchen müssen im Haushalt helfen, die kleinen Geschwister betreuen und mit der Mutter aufs Feld gehen. Ältere werden wegen der Mitgift oft früh verheiratet. Ein Beispiel ist Aline Irakoze, die von ihrem Vater gezwungen wurde, mit der Stiefmutter aufs Feld zu gehen, um bei der Ernte zu helfen.

Sie ist schon in der Oberschule und wollte auf keinen Fall den Unterricht verpassen. Der Vater weigerte sich aber, ihr das Schulgeld und Material zu geben. Er schloss sie in ihr Zimmer ein, aber sie kletterte aus dem Fenster, um zur Schule zu gehen. Wir kamen ihr zu Hilfe und redeten mit dem Vater. Das half und sie darf nun zur Schule gehen.

Werden Mädchen ungewollt schwanger, haben sie keine Chance mehr, die Schule zu beenden. Leider passiert es häufig, dass Lehrer oder gar Schuldirektoren Mädchen verführen. Sie versprechen den Schülerinnen gute Noten gegen Sex. Werden die Mädchen schwanger, müssen sie die Schule verlassen und werden oft auch von der Familie verstoßen. Wir nehmen solche Mädchen auf und versuchen sie in einer anderen Schule unterzubringen.

Die Regierung Burundis versucht dieses Problem auf eigenwillige Weise in den Griff zu bekommen. Um Anreize zu unterbinden, hat die Bildungsministerin allen Schulmädchen verboten, Schmuck zu tragen. Sie dürfen nicht geschminkt im Unterricht erscheinen, und die Haare müssen geschoren sein. Das hat natürlich anfangs für Aufregung gesorgt. Inzwischen haben sich die Schüler aber damit abgefunden. Die Ministerin versucht allgemein Ordnung zu schaffen und hat viele Schulen geschlossen, die zu schlechte Leistung lieferten.


Konfessionelle Schulen

Auch die religiösen Gemeinden betreiben eigene Schulen. Sehr wohltätig und menschlich, aber auch streng sind die Schulen der katholischen Kirche. Bildung ist eine ihrer Missionen. Die Schulen sind bestens ausgestattet, und es mangelt nicht an Schulbüchern und guten Lehrern. Dadruch sind diese Schulen sehr begeht.

Ein Beispiel ist die Jesuiten-Schule „Saint Esprit“. Es ist eine Oberschule, die noch während der belgischen Kolonialzeit 1952 von den Jesuiten gegründet wurde. Es werden nur die Besten aufgenommen, was manche wiederum als Diskriminierung empfinden. Um aufgenommen zu werden, müssen die Kinder Tests machen, wobei bei der Auswahl kein Unterschied gemacht wird, ob es Jungen oder Mädchen sind, ob sie arm oder reich sind. Der Nachteil ist, dass Kinder anderer Religionen nicht in allen katholischen Schulen akzeptiert werden.

Es gibt auch einige muslimische Schulen, in denen Mädchen Kopftücher tragen müssen, und die Schulkleidung besteht aus langen Blusen und langen Röcken. Sie re­spektieren aber das staatliche Schulprogramm und der Koranunterricht ist freiwillig.

Im Allgemeinen wird in allen Schulen wenig Kulturelles unterrichtet. Unsere Schule bietet wenigstens Trommelunterricht. Unsere Schüler sind sehr stolz, das traditionelle Trommeln lernen zu dürfen und bei Festen darbieten zu können. Ansonsten möchten alle Schüler, wie überall auf der Welt, moderne Musik hören und dazu tanzen, und traditioneller Gesang geht verloren. Das betrifft auch die Muttersprache Kirundi, die immer weiter „verfranzösischt“ wird. Das liegt ein Stück weit natürlich auch daran, dass es für die modernen Begriffe, wie zum Beispiel „Internet“, keine Übersetzung in der Muttersprache gibt.


Verena Stamm ist Gründerin der Fondation Stamm, die sich für Straßen- und Waisenkinder in Burundi einsetzt. Deutscher Partner ist der Verein burundikids. Im November 2017 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement. Mehrere ihrer Kooperationsprojekte wurden von Engagement Global gefördert.
[email protected]
http://burundikids.org/index.html

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