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Perspektiven

Krieg und Chaos in Nahost

von Dagmar Wolf

In Kürze

Der Umgang des Westens mit den Menschen im Nahen Osten ist zutiefst entscheidend für die Entwicklung in der Region: Gefangenennahme während des Zweiten Golfkriegs.

Der Umgang des Westens mit den Menschen im Nahen Osten ist zutiefst entscheidend für die Entwicklung in der Region: Gefangenennahme während des Zweiten Golfkriegs.

Im Westen gilt die Zeit seit dem Ende des Kalten Krieges als eine der friedlichsten in der Geschichte. Der deutsch-syrische Journalist Aktham Suliman nimmt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Krieg und Chaos in Nahost – eine arabische Sicht“ eine andere Perspektive ein. Ihm zufolge brachte das vergangene Vierteljahrhundert dem Nahen und Mittleren Osten Krieg und Chaos.

In den Augen des ehemaligen Al-Dschasira-Korrespondenten Suliman brach Anfang der 1990er Jahre mit dem sogenannten „Zweiten Golfkrieg“ der „Dritte Weltkrieg“ aus. Doch anders als beim Ersten und Zweiten Weltkrieg sei diesmal der Krisenherd Naher und Mittlerer Osten Haupt- und nicht Nebenschauplatz. Daher sei dieser Weltkrieg für viele im Westen nicht als solcher sichtbar. Erschwerend komme hinzu, dass über längere Zeiträume, aus verschiedenen Anlässen und an verschiedenen Fronten gekämpft wurde und noch immer gekämpft wird.

Der Autor zieht eine Verbindungslinie zwischen dem Zweiten Golfkrieg, den Angriffen vom 11. September, dem Irak-Krieg, dem arabischen Frühling und der Terrorgruppe ISIS. Mit dem Zweiten Golfkrieg hätten viele spätere Ereignisse zwischen der arabisch-islamischen Welt und dem Westen ihren Lauf genommen, schreibt Suliman und nennt den Krieg im Irak wie auch die Proteste des arabischen Frühlings als Beispiele.

Beim Zweiten Golfkrieg kämpften auf Seiten der Anti-Irak-Koalition etwa 700 000 Soldaten aus über 30 Ländern unter Führung der USA. Innerhalb weniger Wochen hätten angreifende US-Kampfflugzeuge eine größere Bombenlast abgeworfen als während des gesamten Zweiten Weltkriegs und dabei nicht nur Militäreinrichtungen, sondern auch Industrieanlagen und zivile Infrastruktur wie Elektrizitäts- und Wasserversorgungsanlagen und Verkehrswege in Schutt und Asche gelegt. Medial wurde dies reißerisch in Szene gesetzt durch Live-Übertragungen in die Wohnzimmer der Welt.

Der Autor sagt, dass sich angesichts dieser „Steinzeitstrategie“ gegenüber dem Irak und einer steigenden Zahl ziviler Opfer die Sichtweise der arabischen Welt gegenüber dem Westen verändert habe. Es verbreitete sich der Eindruck, dass der Westen den Irak zerstört hatte, um der gesamten arabischen Welt zu signalisieren, wer das Sagen hat, wenn es um die Durchsetzung politischer und ökonomischer Interessen in der Nahost-Region geht, schreibt Suliman.

Seiner Einschätzung nach verstärkten die Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 diese Sichtweise. Denn im Westen wurden neben kollektiver Trauer die Rufe nach Rache immer lauter, und innerhalb kürzester Zeit standen Muslime unter Generalverdacht. Praktisch über Nacht seien mehr als einer Milliarde Menschen auf der Welt – Arabern wie Nichtarabern – ihre Staatsbürgerschaft aberkannt worden: „Syrer, Ägypter, Türken, Pakistaner, Iraner, Senegalesen und viele andere mehr mutierten plötzlich in den Augen westlicher Medien, Politiker und Gesellschaften schlicht und einfach zu Nur-Muslimen.“ Durch diese plötzliche Ablehnung durch den Westen bekam der Islam für viele Muslime eine neue, tiefgreifende Identifikationsfunktion. Die Vorurteile auf beiden Seiten schaukelten sich immer höher.

Das vergangene Vierteljahrhundert führte nach Ansicht des Autors zur einer ideologischen Neuorientierung: Die arabische Linke verlor mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre ideologische Rückendeckung, und der arabische Nationalismus scheiterte mit dem Zweiten Golfkrieg. Suliman spricht von dem fast vollständigen Fehlen einer Ideologie im Nahen Osten. Dies führte seiner Meinung nach zum Erstarken einer islamistischen Strömung als Ersatzideologie. Da Wahhabiten, Moslembrüder und fundamentalistische Schiiten recht unterschiedliche Versionen davon vertreten, kann von Kohärenz allerdings keine Rede sein.

Suliman betont, er wolle innerarabische Konflikte nicht kleinreden, und es gehe ihm auch nicht um die Frage nach Schuld oder Fehlern des Westens. Dennoch hätte sich die Nahost-Region ohne den Einfluss des Westens nicht so entwickelt, wie sie heute sei. Die mediale Visualisierung militärischer Auseinandersetzungen und die sprachliche Banalisierung kriegerischer Gewalt auf westlicher Seite habe Kontra-Gruppen wie ISIS auf nahöstlicher Seite heraufbeschworen, meint der Autor.

Bewusst spricht der Journalist in seinem Buch von „einer“ und nicht von „der“ arabischen Sicht, denn er will seine Sicht nicht auf die über 400 Millionen Araber übertragen, die im Nahen Osten und im Ausland leben. Denn: Es gibt immer mehrere Sichtweisen auf ein und dieselbe Situation. Entsprechend kämpfen in den regionalen Konflikten Islamisten unterschiedlicher Prägung gegeneinander.


Buch
Suliman, A., 2017: Krieg und Chaos in Nahost – eine arabische Sicht. Frankfurt: Nomen Verlag.

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