Geschlechtsspezifische Gewalt
Femizide in Brasilien: Wenn Frauen sich bewaffnen müssen, hat der Staat versagt
Jedes Jahr im März gibt es Reden, Blumen und öffentliche Ehrungen zum Internationalen Frauentag. Doch die Realität in Brasilien lässt sich nicht durch zeremonielle Gesten beschönigen. Laut der vom brasilianischen Senat veröffentlichten „Nationalen Karte geschlechtsspezifischer Gewalt“ wurden 2025 landesweit 1561 Femizide registriert – die höchste Zahl, seit dieses Verbrechens 2015 gesetzlich als solches eingestuft wurde. Diese Zahl entspricht fast vier getöteten Frauen pro Tag.
Nationale Daten zeigen, dass die meisten dieser Verbrechen in intimen Beziehungen begangen werden. Das brasilianische Forum für öffentliche Sicherheit berichtet, dass mehr als 70 % der Frauenmorde von aktuellen oder ehemaligen Partnern begangen werden. Viele dieser Morde finden zu Hause statt, und oft ist eine Vorgeschichte des Missbrauchs dokumentiert.
Das Ausmaß der Krise wird in regelmäßigen Abständen durch neue erschreckende Berichte deutlich. Ende Januar 2026 wurde ein 17-jähriges Mädchen in einer Wohnung in Copacabana, Rio de Janeiro, Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Fünf junge Männer sollen daran beteiligt gewesen sein: vier Erwachsene – zwei 18-Jährige und zwei 19-Jährige – sowie ein 17-Jähriger, der als Ex-Freund des Opfers identifiziert wurde. Den Ermittlungen zufolge nutzte er ihre frühere Beziehung und ihr Vertrauen aus, um sie dazu zu bringen, sich in die Wohnung zu begeben. Die Verdächtigen haben sich gestellt, aber die Ermittlungen dauern noch an.
Im Februar wurde auf eine Frau mehr als 30 Mal eingestochen, nachdem sie die Annäherungsversuche eines Mannes zurückgewiesen hatte. Sie überlebte, lag jedoch zunächst im Koma. Nach dem Angriff kursierten in Brasilien auf TikTok Videos, in denen Männer Schaufensterpuppen schlugen und auf sie einstachen, begleitet von dem Slogan: „Trainieren für den Fall, dass sie ‚Nein‘ sagt.“ Im November 2025 wurde eine 31-Jährige in São Paulo von einem Bekannten überfahren und fast einen Kilometer weit mitgeschleift. Infolge ihrer Verletzungen verlor sie beide Beine und starb Wochen später an Komplikationen. In einem weiteren Fall wurde eine 71-jährige Frau in einem Stadtbus in Rio de Janeiro vom Fahrer sexuell missbraucht.
Die Folgen reichen weit über die unmittelbaren Opfer hinaus. Zwischen 2021 und 2025 haben 660 Kinder im Bundesstaat Rio Grande do Sul ihre Mütter durch Femizid verloren – eine eindringliche Erinnerung an das generationenübergreifende Trauma, das durch geschlechtsspezifische Gewalt verursacht wird.
Gesetzlich geregelter Verkauf von Pfefferspray
Das brasilianische Recht sieht für Femizide Freiheitsstrafen von 20 bis 40 Jahren vor. Durch jüngste Gesetzesänderungen wurden die Schutzmaßnahmen ausgeweitet, darunter Waffenbeschränkungen, Kontaktverbote und die elektronische Überwachung der Täter. Dennoch gibt die Diskrepanz zwischen den gesetzlichen Bestimmungen und ihrer tatsächlichen Umsetzung weiterhin Anlass zur Sorge. Auf dem Papier darf sich der Täter dem Opfer nicht nähern. Praktisch läuft die Überwachung jedoch nicht immer konsequent ab, und Verstöße werden nicht immer direkt geahndet.
Dies hat wiederum zu Maßnahmen wie denen im Bundesstaat Rio de Janeiro geführt. Dort wurde kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das den Verkauf von Pfefferspray in Apotheken speziell als Hilfsmittel für den persönlichen Schutz von Frauen erlaubt. Die Initiative wurde als Möglichkeit präsentiert, Frauen mehr Möglichkeiten zu bieten, sich im Alltag selbst zu verteidigen.
Dieses Gesetz zeigt jedoch auch einen beunruhigenden Widerspruch: Wenn Frauen sich bewaffnen müssen, um sich im öffentlichen Raum sicher zu fühlen, hat der institutionelle Schutz bereits versagt. Die Zulassung von Pfefferspray scheint eine Notmaßnahme zu sein, während strukturelle Schutzmaßnahmen nach wie vor nicht ausreichen.
Geschlechtsspezifische Gewalt als globale Notlage
Internationale Organisationen stufen geschlechtsspezifische Gewalt als globale Notlage ein. Ein Forschungsbericht von UN Women schätzt, dass im Jahr 2024 rund 50.000 Frauen und Mädchen in ihrem häuslichen Umfeld getötet wurden – das sind etwa 60 % aller vorsätzlichen Tötungsdelikte an Frauen und Mädchen. Das bedeutet, dass durchschnittlich 137 Frauen und Mädchen täglich von Angehörigen ihrer eigenen Familie getötet werden.
Brasilien ist ein Paradebeispiel für diese globale Krise. Oft folgt auf eine formelle Anzeige ein Gerichtsverfahren mit eindeutigem Urteil, das die Täter zur Rechenschaft zieht. Auf dem Papier ist der Schutz gegeben. In der Realität aber werden Gerichtsentscheidungen zu Femiziden nicht immer durchgesetzt. Nicht alle Täter werden wirksam elektronisch überwacht. Nicht alle Frauen erhalten durchgehend Unterstützung von Schutznetzwerken. Und nicht immer gibt es eine schnelle Reaktion, wenn ein Verstoß gemeldet wird.
Die Daten legen zudem nahe, dass geschlechtsspezifische Gewalt in Brasilien sehr oft nicht angezeigt wird. Eine von einem Konsortium aus drei Universitäten durchgeführte Studie ergab, dass bis zu 98,5 % der Fälle psychischer Gewalt, 75,9 % der Fälle körperlicher Gewalt und 89,4 % der Fälle sexueller Gewalt werden nicht richtig gemeldet werden – oft aus Angst vor Vergeltung, emotionaler oder finanzieller Abhängigkeit vom Täter oder aus mangelndem Vertrauen in die Institutionen. Folglich bleiben viele Fälle verborgen, und die offiziellen Daten spiegeln nur einen Bruchteil der Realität wider.
All dies führt dazu, dass die Täter das Gefühl haben, straffrei zu bleiben. Wenn ein Täter davon ausgeht, dass die Strafverfolgung nachlässig ist, dass die Behörden nur zögerlich reagieren und dass das Opfer auf sich allein gestellt ist, sollte es sich überhaupt entschließen, die Straftat anzuzeigen, steigt das Risiko einer Wiederholung von Gewalt. Formelle Strafverfolgung bedeutet nicht automatisch greifbare Sicherheit. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Gesetzgebung und Umsetzung spielen sich viele Tragödien ab – nicht nur in brasilianischen Familien.
Thuany Rodrigues ist eine brasilianische Journalistin.
thuanyrodriigues@gmail.com