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Internationale Zusammenarbeit

„Day Zero“ verhindern

von Daniel Nordmann, Helmut Lang, Katrin Gronemeier

Hintergrund

Wasserkioske wie hier in Tansania bieten eine wichtige Zwischenlösung für die Versorgung der armen Bevölkerung ohne Anschluss ans Wassernetz.

Wasserkioske wie hier in Tansania bieten eine wichtige Zwischenlösung für die Versorgung der armen Bevölkerung ohne Anschluss ans Wassernetz.

Die Wasserversorgung ist in vielen Ländern Subsahara-Afrikas zunehmend in Gefahr. Drei Autoren der GIZ machten sich Gedanken, wie die Entwicklungspolitik besser werden könnte und stellen vier Thesen zur zukünftigen Zusammenarbeit im Wassersektor in Subsahara-Afrika vor.

Wasser- und Sanitärversorgung sind Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. Das Sustainable Development Goal (SDG) 6 fordert sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen. Hierfür haben Städte eine besondere Bedeutung (Ziel 11). In 20 Jahren werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. In Afrika wird sich laut UN die städtische Bevölkerung bis 2050 auf 1,2 Milliarden Menschen verdreifachen.

In absoluten Zahlen wurden in den vergangenen Jahrzehnten in Subsahara-Afrika zwar beachtliche Fortschritte bei der Versorgung der städtischen Bevölkerung erzielt: Zwischen 2000 und 2015 erhielten rund 80 Millionen Menschen zusätzlich Zugang zu leitungsgebundenem Trinkwasser. Doch im gleichen Zeitraum sind die Einwohnerzahlen um rund 180 Millionen gewachsen.

Relativ hat sich die urbane Wasserversorgung also verschlechtert: Während im Jahr 2000 zwei von drei Bewohnern Zugang zu Trinkwasser hatten, waren es 2015 nur noch knapp über die Hälfte – Tendenz weiter abnehmend. Länder wie Nigeria, Kenia und Simbabwe, aber auch Provinzen Südafrikas erklärten jüngst den Wassernotstand. „Day Zero“, der Tag, an dem das Wasser ausgeht, ist zum Synonym für Wasserkrisen geworden.

Seit Mitte der 1990er Jahre haben zahlreiche Länder Afrikas ihren Wassersektor reformiert – meist mit internationaler Unterstützung: Neue Wasserpolitiken und Gesetze wurden eingeführt, autonome städtische Versorgungsbetriebe gegründet und Regulierungsbehörden aufgebaut.

Regierungen und Geber stellten zusätzliche Mittel für eine bessere Versorgung bereit. Das Geld reicht jedoch nicht: Um allen Menschen bis 2030 Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitärversorgung zu verschaffen, wären weltweit Investitionen in Höhe von 114 Milliarden Dollar jährlich erforderlich – drei Mal mehr als derzeit vorhanden.

Das ist Grund genug, darüber nachzudenken, wie die Wirksamkeit der deutschen Entwicklungspolitik vor allem in Subsahara-Afrika weiter erhöht werden kann. Wir haben aus den Erfahrungen der vergangenen 25 Jahre Lehren gezogen, die wir in vier Thesen zusammenfassen.


These 1

Langfristige Stressfaktoren wie Migration und durch den Klimawandel verstärkte Schockereignisse wie Hochwasser oder Dürren stellen neue Anforderungen an die Wasserversorgung. Da die wenigsten Städte darauf vorbereitet sind, sollte die Entwicklungspolitik mehr tun, um die Resilienz der Städte zu erhöhen.

Urbane Resilienz bezeichnet die Fähigkeit der städtischen Bevölkerung, Institutionen und Unternehmen, durch Anpassungen und Vorsorgemaßnahmen nach Schock und Stress zu einer stabilen Lage zurückzufinden. Um „Wasserresilienz“ zu fördern, sollten Programme der Zukunft:

  • den Wasserkreislauf in seiner Gesamtheit betrachten und besser managen. Versorger sollten mehr in den Schutz der Wasserressourcen investieren.
  • die Governance auf städtischer Ebene verbessern: Öffentlicher und privater Sektor und die Zivilgesellschaft müssen sektorübergreifend zusammenarbeiten und gemeinsam handeln.
  • Infrastruktur muss multifunktional und integriert geplant werden: Das bedeutet mehr Investitionen in „grüne Infrastruktur“. Durch „Wasserplätze“ oder Grünflächen können Niederschläge versickern und gespeichert werden – als Vorsorge für die nächste Hitzewelle oder Dürre.


These 2

Wasserversorger spielen für die städtische Wassersicherheit eine zentrale Rolle. Als Betreiber der kritischen Infrastruktur müssen sie wirtschaftlich überlebensfähig sein. Die Etablierung eigenständiger öffentlicher Dienstleistungsunternehmen war in vielen Ländern ein wichtiger Schritt.

Inzwischen gibt es selbst in sehr armen Ländern leistungsfähige Versorger, die eine Trendwende geschafft haben: „Top Performer“ wie ONEA in Burkina Faso, NYEWASCO in Kenia oder NWSC in Uganda überflügeln andere Wasserunternehmen der Region deutlich. Sie versorgen mehr als 90 Prozent der Stadtbevölkerung, auch in marginalisierten Randgebieten, verringern dabei Wasserverluste und wirtschaften kostendeckend.

Der wichtigste Erfolgsfaktor ist die Unternehmensführung. Den Managern ist es gelungen, ineffiziente Praktiken abzubauen, bessere Servicequalität und eine Versorgung aller Menschen zu erreichen. Dabei spielte Aus- und Fortbildung ihrer Mitarbeiter eine zentrale Rolle, maßgeblich ist jedoch die Veränderungsbereitschaft der Führung.

Wie können zukünftige Programme wirtschaftliches Arbeiten unterstützen?

  • Die Förderung von Wasserunternehmen sollte konsequenter an nachweisbare Leistungsverbesserungen und Eigenanstrengungen gebunden werden.
  • Damit diese Anreize wirken können, müssen Finanzierung und technische Unterstützung von Versorgern flexibler werden – und auch ein Ausstieg möglich sein, wenn vereinbarte Standards nicht eingehalten werden und keine ernsthaften Reformen erkennbar sind. Globale und nationale Ansätze, die eine flexible Finanzierung von Wasserunternehmen im Wettbewerb ermöglichen, bieten hier eine Lösung.
  • Die Förderung von Partnerschaften zwischen deutschen kommunalen Unternehmen für Wasser und Abwasser und solchen in Partnerländern sollte verstärkt werden.


These 3

Der Vergleich von fünf Ländern zeigt: Auch arme Länder können mit professionellen Strukturen und der richtigen Finanzierung eine adäquate städtische Wasserin-frastruktur und eine Versorgung für nahezu alle Haushalte erreichen. Ein Beispiel: Burkina Faso hat im Zeitraum von 2005 bis 2015 fast 0,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts, das heißt knapp neun Dollar pro Stadtbewohner und Jahr, in städtische Wasserinfrastruktur investiert und somit die Versorgung auf über 90 Prozent der urbanen Bevölkerung ausgeweitet. Burkina Faso übertrifft damit die meisten anderen Länder der Region.

Seit Anfang der 2000er Jahre machen die burkinische Regierung und der nationale Versorger ONEA eine professionelle Finanzierungsplanung und legen Rechenschaft über die Verwendung der Investitionen ab. Das Finanzministerium wurde in die Aufsicht einbezogen, was das Vertrauen, auch seitens der Geber, gestärkt hat. Gleichzeitig konnte ONEA die Wassertarife auf ein wirtschaftlich nachhaltiges und dennoch sozialverträgliches Niveau anheben.

Daraus leiten sich folgende Empfehlungen für künftige Programme ab:

  • Die Beratung muss die Rahmenbedingungen stärker in den Blick nehmen. Die Planung von Investitionen ist anspruchsvoll. Sie sollte durch professionelle Finanzierungsinstitutionen der Partnerländer erfolgen. Diese sollten gegenüber Öffentlichkeit, Regierung und Gebern Rechenschaft ablegen, um so die notwendige Transparenz und Effizienz zu erhöhen.
  • Die Kosten für Betriebs- und Instandhaltungskosten der Versorger sollten aus Wassergebühren (und staatlichen Transfers) gedeckt werden. Dies sollte die Entwicklungspolitik konsequenter zur Bedingung für die Unterstützung machen.
  • Mittelfristig spielt für eine nachhaltige Finanzierung der Wasserversorgung auch der Zugang zu Krediten in Landeswährung eine wichtige Rolle: In Ländern mit schwacher Währung laufen die Länder und Versorger sonst Gefahr, sich durch Kredite in Fremdwährungen zu überschulden. Die Entwicklungspolitik sollte gut geführte Wasserunternehmen und lokale Banken enger zusammenführen, um deren Darlehenskonditionen zu verbessern.


These 4

Mit Wasser unterversorgte Bevölkerungsteile – in erster Linie arme Menschen – sind häufig gezwungen, kontaminiertes Wasser für teures Geld von informellen Verkäufern zu beziehen. Daher sollte die deutsche Entwicklungspolitik die Ausweitung der Versorgung in städtischen Armutsgebieten mit viel höherer Priorität als bisher verfolgen.

  • Die Entwicklungspolitik sollte Zuschüsse vor allem für den Ausbau der Grundversorgung auf der letzten Strecke zum Endverbraucher („last mile“) einsetzen. Die „große“ Infrastruktur für Wassergewinnung, -aufbereitung und -verteilung sowie Kläranlagen sollte weitestgehend über Darlehen finanziert werden.
  • Nationale Finanzierungsinstitutionen können kurz- bis mittelfristig Investitionen in die „letzte  Meile“ der Wasserversorgung besser fördern. Zehn bis 15 Prozent der Mittel sollten in Form von Zuschüssen in armutsorientierte Finanzierung – zum Beispiel über Treundhandfonds – fließen.
  • Hausanschlüsse ans Leitungsnetz für alle sind in Afrikas Städten in absehbarer Zeit nicht umsetzbar und finanzierbar. Von Versorgungsunternehmen betriebene Zapfstellen und Wasserkioske bieten hier nach wie vor eine wichtige Zwischenlösung. Sie versorgen schon jetzt bis zu zwei Drittel der Stadtbewohner Subsahara-Afrikas mit Trinkwasser.

Mit der Wasserstrategie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem SDG 6 sind die politischen Voraussetzungen gegeben, um die vier genannten Thesen umzusetzen. Wichtige Partner der deutschen Entwicklungspolitik, wie die Niederlande, Schweden und Frankreich, sind dazu ebenfalls bereit. Diese Chance sollten wir jetzt nutzen.


Links

Die Inhalte des Artikels basieren auf zwei GIZ-Studien, die die Wirkungen von Wassersektorreformen und Investitionen in fünf Ländern von 2005 bis 2015 untersucht haben.
Diese sind online verfügbar:
https://www.oecd.org/water/GIZ_2018_Access_Study_Part%20I_Synthesis_Report.pdf
https://www.oecd.org/water/GIZ_2018_Access_Study_Part%20II_Narrative%20Report_Briefing_document.pdf


Daniel Nordmann arbeitet zu nachhaltiger Wasserpolitik bei der GIZ und ist derzeit zur KfW Entwicklungsbank entsandt.
[email protected]

Helmut Lang arbeitet im Kompetenzcenter Wasser, Abwasser, Abfall bei der GIZ.
[email protected]

Katrin Gronemeier arbeitet bei der GIZ und berät das BMZ zu nachhaltiger Wasserpolitik.
[email protected]

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