Governance
Afrika steckt in der Governance-Falle
Obwohl sie über reichlich natürliche Ressourcen verfügen und ihre Bevölkerung jung ist, liegen 32 der 46 Länder, die die UN derzeit als am wenigsten entwickelte Länder einstuft, in Subsahara-Afrika. Ob ein Land reich wird oder arm, hängt neben anderen Faktoren auch von seinen Institutionen ab, von den Regeln, die die Funktionsweise der Wirtschaft bestimmen, sowie von den Anreizen, die die Menschen dazu motivieren, sich in den formellen Arbeitsmarkt einzubringen und Steuern zu zahlen. Einige Institutionen in den Ländern Subsahara-Afrikas sind weder robust noch effektiv genug, um Wachstum zu fördern und hochwertige Dienstleistungen zu erbringen. Das wird in der Misswirtschaft mit öffentlichen Mitteln und in unzureichenden öffentlichen Dienstleistungen in der Region sichtbar.
Laut „African Economic Outlook 2025“ der African Development Bank Group verlieren afrikanische Länder jährlich rund drei Prozent ihres BIP durch Fehlallokation und Missbrauch öffentlicher Gelder. Der Bericht zeigt, dass Afrika jährlich durchschnittlich rund 90 Milliarden Dollar durch illegale Finanzströme verliert, 275 Milliarden Dollar durch Gewinnverlagerungen multinationaler Konzerne und 148 Milliarden Dollar (ein Viertel des BIP) durch Korruption. Weitere 74 Milliarden Dollar Einsparpotenzial gehen jedes Jahr verloren, weil Ratingagenturen afrikanische Länder als risikoreich einstufen und ihnen daher hohe Zinssätze auferlegt werden.
Das „Africa Country Policy and Institutional Assessment 2025“ der Weltbank zeigt, dass die Dienstleistungsqualität in Subsahara-Afrika hinter anderen Regionen zurückbleibt, vor allem hinsichtlich Humankapitalentwicklung, Infrastruktur und Sicherheit. Bürger*innen bezeichnen schlechte Dienstleistungen regelmäßig als eines der größten Probleme ihrer jeweiligen Länder.
Ineffektive Institutionen sind nicht das einzige Governance-Problem in Subsahara-Afrika – problematisch bleiben auch Inklusivität und Rechenschaftspflicht. Grund dafür sind zuallererst schwache Kontrollmechanismen und ein andauerndes Muster exklusiver Machtstrukturen in vielen Ländern.
Es ist belegt, dass die Beschränkungen der justiziellen, gesetzgebenden und verfassungsrechtlichen Befugnisse in Subsahara-Afrika in den letzten drei Jahrzehnten weitgehend unverändert geblieben sind. 30 von 54 afrikanischen Staats- und Regierungsoberhäuptern haben entweder Beschränkungen ihrer Amtszeit umgangen, um länger als zwei Amtszeiten an der Macht zu bleiben, die Verfassung ihres Landes nach der Machtübernahme außer Kraft gesetzt, oder sie unterliegen ohnehin keinen Beschränkungen der Amtszeit. Diese Praktiken begünstigen autoritäre Politik und ausbeuterische Institutionen.
Regierungssysteme wie diese verhindern Rechenschaftspflicht und führen zu einer Entwicklungspolitik, die eine kleine Elite begünstigt und die Mehrheit benachteiligt. Das führt zu unausgewogenen wirtschaftlichen Verhältnissen. So war etwa das Wirtschaftswachstum vieler Staaten in Subsahara-Afrika zwischen 2000 und 2014 – einer Phase, die als „Africa Rising“ bezeichnet wurde – weder ausreichend noch effizient oder inklusiv genug, um Armut wesentlich zu mindern.
Des Weiteren zeigt der Bericht von Freedom House für das Jahr 2025, dass 50 % der afrikanischen Länder hinsichtlich politischer Rechte und bürgerlicher Freiheiten überhaupt nicht frei sind, 31 % sind es immerhin teilweise. Laut dem Index der wirtschaftlichen Freiheit 2026 der Heritage Foundation fehlt in 26 Ländern südlich der Sahara wirtschaftliche Freiheit weitgehend – also die Fähigkeit der Bürger*innen, ohne staatlichen Zwang eigene wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. In 14 Ländern wird diese Freiheit unterdrückt.
Schließlich sind die Institutionen in Subsahara-Afrika unfähig, auf gesellschaftliche Erwartungen und politische Mobilisierung zu reagieren. Dies zeigt sich im Misstrauen der Bürger*innen gegenüber den Institutionen sowie in zunehmenden Protesten wegen nicht eingehaltener sozialer Verträge. 2022 gab es in der Region laut dem Armed Conflict Location & Event Data Project insgesamt 7697 Demonstrationen – vor zehn Jahren waren es 2188 und vor zwanzig Jahren sogar lediglich 359.
Was kann man tun?
Die Regierungen der Länder südlich der Sahara müssen die Regierungsführung verbessern, indem sie sicherstellen, dass Institutionen inklusiv statt ausbeuterisch sind. Das muss damit beginnen, dass die Regierungen die Wünsche der Bevölkerung anhören und entsprechend handeln.
Afrobarometer, ein panafrikanisches, überparteiliches Meinungsforschungsnetzwerk, zeigt, dass die Mehrheit der Afrikaner*innen eine Begrenzung von präsidialen Amtszeiten nachdrücklich befürwortet. Das gilt selbst in Staaten, in denen es eine solche Begrenzung noch nie gab oder die eine solche aus ihren Verfassungen gestrichen haben. Junge Afrikaner*innen (18 bis 35 Jahre) lehnen Diktatur (80 %) und Militärherrschaft (65 %) ab. Stattdessen geben sie die Demokratie als ihre bevorzugte Regierungsform an (64 %).
Die Regierungen in Subsahara-Afrika müssen daher Reformen im Hinblick auf eine demokratische Regierungsführung vorantreiben. Das ist besonders wichtig angesichts zunehmender Proteste der Generation Z in verschiedenen afrikanischen Staaten in letzter Zeit und der wachsenden Zahl bewaffneter Konflikte in der Region – 41 % der weltweiten Aktivitäten bewaffneter Gruppen spielen sich in Afrika ab. Diese Ereignisse werden durch soziale, wirtschaftliche und politische Ausgrenzung angetrieben. Ein Wandel hin zu einer inklusiven Regierungsführung wäre die wirksamste Strategie, um dagegen anzugehen.
Die Länder südlich der Sahara können von einer inklusiven Regierungsführung massiv profitieren – nicht nur durch eine stärkere Demokratie und zufriedenere Bürger*innen, sondern vor allem durch wirtschaftliche Vorteile. Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) dominiert Diskussionen auf dem Kontinent. Vollständig umgesetzt könnte sie 30 Millionen Menschen aus der extremen Armut befreien. Dieses Versprechen wird sie ohne eine kontinentweite stabile Regierungsführung jedoch nicht einlösen können. Auch Rücküberweisungen aus dem Ausland bieten Entwicklungschancen. Eine bessere Regierungsführung würde die Empfänger*innen dazu ermutigen, diese Gelder zu investieren, statt sie einfach auszugeben – was zu einem investitionsgetriebenen Wachstum in der gesamten Region führen würde.
Auf den globalen Finanzmärkten werden afrikanische Länder derzeit als Länder mit schwacher Regierungsführung wahrgenommen, deshalb werden ihnen höhere Zinssätze für Kredite berechnet. Heute geben afrikanische Länder mehr für den Schuldendienst aus als für den Ausbau ihrer Gesundheits- und Bildungssysteme. Schwache Institutionen ermöglichen illegale Finanzströme und ineffiziente Ausgaben. Eine bessere Regierungsführung würde die Zahlungen für den Schuldendienst senken und Ressourcenverluste eindämmen.
Während es dem Rest der Welt darum geht, Afrikas Ressourcen – darunter wichtige Mineralien, einen wachsenden Absatzmarkt und junge Arbeitskräfte – zugunsten des eigenen Wohlstands auszubeuten, muss Subsahara-Afrika dafür sorgen, dass es diese Ressourcen selbst nutzt und die Gewinne effizient in das Wohlergehen seiner Bürger*innen investiert. Das ist ohne eine wirksame und inklusive Regierungsführung nicht möglich.
Aimé Muligo Sindayigaya ist Wirtschaftswissenschaftler mit fast 20 Jahren Erfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche.
sindaimy@gmail.com