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Stadtentwicklung

Kälteste Hauptstadt der Welt

von Ruth Erlbeck, Ralph Trosse
In der Mongolei herrscht Extremklima, die Sommer sind kurz, die Winter lang und kalt. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten. Für ihr Überleben, und damit die Wirtschaft wachsen kann, ist eine sichere Energieversorgung unerlässlich. Im Rahmen des von der GTZ (im Auftrag des BMZ) unterstützten Programms ‚Integrierte Stadtentwicklung’ wurden die ersten Plattenbauten in der Hauptstadt Ulan Bator thermo-technisch saniert. [ Von Ruth Erlbeck und Ralph Trosse ]

In Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, leben rund 250 000 Personen (20 Prozent der Stadtbewohner) in Plattenbauten. Diese mehr als 500 Gebäude hatte der sozialistische Bruder – die Sowjetunion – dem Land zwischen den 60er und den 90er Jahren „geschenkt“. Die Wohnungen im Plattenbau Nr. 8 im Chingeltei-Distrikt sind diesen Winter zum zweiten Mal warm. In den anderen Blöcken frieren die Bewohner noch.

„Vor der Sanierung zog es unerträglich“, erzählt ein Wohnungseigentümer. Ständig sei kalte Luft durch schlecht isolierte Fenster hereingezogen, es habe sich erst Eis und dann Pilz an den Innenwänden gebildet. Und das bei einem enormen Energieverbrauch. Seit dem Umbau können etwa 40 Prozent Heizenergie eingespart werden, nach Einführung verbrauchsorientierter Heizkostentarife sind sogar 60 Prozent und mehr möglich. Für die energieeffiziente Sanierung wurden mongolische Baufirmen und Ingenieure geschult, die Wohnungsbesitzer in den gesamten Prozess einbezogen. Die Stadtverwaltung unterstützte das Projekt finanziell.

Hohe CO2-Einsparungen möglich

Die Umrüstung der Bauten ist auch aus Klimaschutzgründen interessant: Wären alle Plattenbauten in Ulan Bator saniert, könnten pro Jahr etwa 700 000 Tonnen CO2 eingespart werden. Diese Zahlen haben Politiker und Geber wachgerüttelt, schon in diesem Jahr sollen weitere „Platten“ wärmetechnisch umgerüstet werden.

Asiatische Entwicklungsbank und Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) planen CDM (Clean Development Mechanism) Baseline- und Durchführbarkeitsstudien. Das von der GTZ unterstützte Programm Integrierte Stadtentwicklung bietet zusammen mit lokalen und internationalen Baumaterialproduzenten Kurse zu Wärmedämmverbundsystemen, Trockenbau, Heizungs-, Sanitär- und Elektroinstallation an. Die Mongolei kann dann mit CO2 Zertifikaten handeln, und so weitere Mittel für Sanierungsarbeiten freisetzen.

Umweltgerechte Stadt

Auch ein weiteres Projekt findet viel Aufmerksamkeit. 13 Kilometer vom Stadtzentrum Ulan Bators entfernt entsteht die ECO CITY. Auf 72,5 Hektar Fläche errichten dort deutsche und mongolische Architekten, Ingenieure und Stadtplaner eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige „grüne Stadt der kurzen Wege“. Sie ist – unter besonderer Berücksichtigung von Vegetation und Wasserhaushalt – in das Jurtenviertel eingebettet. Zwei Musterhäuser mit Solarkollektoren stehen bereits. Durch ein auf Membrantechnologie basierendes Schwarzwasserrecyclingsystem soll fast die Hälfte (45 Prozent) des Wassers wiederverwertet und somit umweltgerecht entsorgt werden.

Energiesicherheit und geringere Umweltbelastung sollen die Lebensqualität verbessern. Zum Beispiel über:
– Südausrichtung der Gebäude (zur passiven Solarenergiegewinnung),
– Ein energieeffizientes Wärmedämmverbundsystem, mit dezentraler Heizenergieversorgung und Warmwasseraufbereitung durch Solarthermie (Solarkollektoren), sowie
– Dezentrales Abwassermanagement (Schwarz­wasserrecycling zur Nutzung des Grauwassers für Toiletten, Waschmaschinen und Begrünung).

Der Strumpftest

Die Materialbelastbarkeit und -haltbarkeit vieler Baumaterialien und Technologien unter Extrembedingungen wie in der Mongolei muss erst erprobt werden. Dass Solarthermie auch in der kältesten Hauptstadt der Welt funktioniert, zeigt sich am Beispiel der beiden Musterhäuser. Etliche Mongolen, Bankenvertreter, Professoren mit ihren Studenten, ausländische Organisationen und sogar der Ex-Präsident haben die solarthermisch genutzten Häuser schon besichtigt. In den Wintermonaten ist besonders der „Strumpftest“ beliebt: Bei -20 Grad Außentemperatur laufen die Besucher ohne Schuhe durch die Räume – ohne kalte Füße zu bekommen.

Die Nachfrage nach ECO Häusern ist entsprechend groß. Nun werden Standards, erneuerbare Technologien und Energieeinsparung in dem Land mit dem höchsten „Delta T Faktor“ der Welt – 60 Grad Temperaturdifferenz zwischen innen (+20) und außen (-40 Grad) – diskutiert. Derweil errichtet ein mongolischer Bauunternehmer unter Anleitung von GTZ-Experten bereits weitere Wohneinheiten.

Teil eines Regierungsprogramms

In der ECO CITY sollen in fünf Jahren 2500 Haushalte, Geschäfte, Kindergärten, Schulen und Freizeitzentren unterkommen – dies ist Teil eines mongolischen Regierungsprogramms zum Bau von 100 000 Wohnungseinheiten für Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen. Dafür werden etwa 400 Millionen Euro investiert. Zugleich wird die Gelegenheit zum Capacity Building genutzt: Rund 1000 arbeitslose Jugendliche, Hilfskräfte und angehende Facharbeiter werden in strategischen Bereichen des Bausektors gleich mit (weiter-) qualifiziert.

Gut gedämmte, energieeffiziente Bauten sind um bis zu 40 Prozent teurer als „traditionelle“ Bauten. Dafür sind die laufenden Kosten erheblich geringer. Bei der geplanten Massenproduktion und einer antizyklischen Vorfertigung der Bauteile ist davon auszugehen, dass die Kosten sinken.

In diesen Vorhaben zeigt sich, dass auch die Mongolei umdenkt. Erstmals nutzen mongolische Regierungsprogramme und Bauwirtschaft hier „Green building technology“.